Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-06-07 · 23 (7.6.1901) · p. 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
23 (7.6.1901)
Article
Die Geschichte vom steifen Kragen, von den drei Kreuzen und vom Kampfe der Mütze mit dem Hute
Date
1901-06-07
Page
12 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315929-3397507--26528-3397590
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 12 „Die & Welt" Nr. 23 Bauern tliun. Geh, ändere die Welt! Bei all dem bleibt doch die Mütze das Wesen eines Juden, wie der lange jüdische Rock, wie das Siehzweimalgürten beim Beten und wie das Jüdischsprechen. Ob die Mütze alt ist oder neu? Ob sie vom Vater auf den Sohn vererbt oder vom Abfall eines Rockes zu ihrem Dasein gekommen, was liegt daran? Wenn man sie nur an hat, ist schon dem Ail sein Wille gethan. Es ist eine Todsünde, entblössten Hauptes za gehen, und eine Lästerung der Schechinah . . . Auch beim Schlafen muss der Kopf zugedeckt sein, und nur beim Baden ist man nackt von jeglichem Gebote . . . Nimmt ein Jude beim Gerichte auf eine Weile die Mütze ab, steht er beschämt da, wie wenn es vor dem Jammer der Welt kein Entrinnen gäbe. Was ist der Mensch ohne Mütze? Bei allem kann die Gesammtheit Israels mit Recht auf den Unterschied zwischen sich und den Völkern hinweisen. Hätte man jenen befohlen, den Kopf zu bedecken, sie würden sich nur mit dem Vollziehen des blossen Gebotes begnügen : Juden aber sind freigebig und thun viel mehr, als man von ihnen verlangt. So tragen sie auch unter der Mütze noch eine Kappe als Zugabe. Eine breite Kappe ist nicht mehr so fromm, wie eine spitze, und die eckige ist schon ein Zeichen von der Verkehrtheit der Welt. Trägt man die Mütze darüber an die Stirn gedrückt, ist man mehr fromm, als wenn man sie nach der Seite schiebt. Und wenn man wieder geweckt aussehen will und als Mann von grösserem Nachdenken, gestaltet es sich so, dass aus reiner Vergesslichkeit das Haar nach vorne hervorguckt« Ein feiner Jude wird nie eine Mütze aus grobem Tuch tragen. Mützen aus Sammet sind nicht für die Wochentage, und eine Mütze aus Pelz ist schon ein Ungewöhnliches, das nur zu den Merkwürdigkeiten einer Stadt zählt. Damals, als die Juden noch ein ganzes Volk waren, haben alle gleiche Mützen getragen. Nun aber steht es geschrieben, dass sie nach allen Seiten sich zerstreut haben; so schieden sieb auch die drei grossen Rassen in der Mützenwelt: die polnischen Juden in ihrer platten, tellerartigen Koptbedeckung, die Litthauer in ihren nach oben gerundeten Mützenkappen und die Ukrainer in ihren kleinen, geraden Mützen. Wer kann in diesem ewigen Streite entscheiden? Gott der Herr hat aber längst durch seine Weisen sagen lassen: Alles kommt auf die Gesinnung an. Wiewohl zwei von jenen bestimmt irren, sind sie doch der ehrlichen Meinung, dass sie die wahre Mütze tragen, und das genügt. . . Das Gemei^ame aller drei Arten ist, dass die Farbe nur zwischen tiefschwarz und dunkelgrau abwechseln darf. Jede andere Schattierung ist schon eine Leichtfertigkeit, die nur im Bereiche der Schustergesellen stattfinden kann. Auch das ist allen Mützen zu eigen, dass der Schirm aus demselben Stoff wie die Mütze sein muss und nicht gar aus Wachstuch oder aus glanzigem Zeug. Wer aber eine Mütze mit einem anders aussehenden Schirm trägt, wie es Heilgehilfen und rohe Dortleute thun, ist kein rechter Jude mehr. Es war einmal in der Nähe von Turnowa ein Mann; der hatte eine Tochter, die war sehr schön. Und wie sie sieben Jahre alt war, wurde sie verlobt. Der Bräutigam aber war sehr hässlich, und wie das Mädchen heranwuchs, wollte sie ihn nicht haben. Jahre vergiengen, und der Arater wollte auf sie nicht hören; denn in Israel ist eine Verlobung rückgängig zu machen viel schlimmer, als eine Scheidung zuzulassen. Da ward die Tochter schlauer und sagte : „Heiraten thäte ich ihn schon; wenn es aber so sein muss, schwöre ich, dass mein Bräutigam eine Mütze mit fremdem Schirm zur Hochzeit anlegen wird, die fromme Mütze mag ich nicht mehr." Das konnten die Eltern nicht zugeben, und so musste die Verlobung zu ihrem grossen Leidwesen aufgelöst werden. Nun kommt eine Mütze ohne denselben Schirm gar nicht auf gegen die Unerhörlheit eines runden Hutes. Ihr könnt Euch denken, wie es den Turnowaern zumuthe wurde, als sie auf einmal so etwas in ihrer Mitte gewahr wurden. * * * Kein anderer als der Rabbiner selbst konnte hier Rath schaffen. Urele war aber nicht mehr zu bewegen, dem Deutsch nochmals Vorstellungen zu machen. Das Einzige, was er, thun konnte, war, dass er sieb des Segens zur Verlobung enthielt. Im Grunde aber reute es ihn, einen Juden zu beschämen .. . Lieber, dachte er, sollen die Menschen in Demuth leben und alles Gott überlassen. Es ibt genug, zu wissen, dass wir alle einen gerechten Vater haben und dass man dort oben an uns Wurmer denkt ... * * * XIV. Im Lager der steifen Kragen war man gar nicht willens, sich als Würmer anzusehen; im Gegentheile, man fühlte sich mehr als je gehoben. Und während die Alten durch die Ankunft des Menasse wieder ihre Ruhe verloren, war den Jungen eine neue Zuversicht aufgegangen. Sie waren zur Zeit noch sfattlicher geworden und um ein Weiteres in ihrem Bestreben gekommen. Der helle Blick, den ihnen der Laden mitgab, empfand schon mehr das Dunkel der Lehrhäuser, und die bläulichen Wolken der Gigaretten trugen ihre Phantasie weit, weit über die Zelte ihrer Väter. Wäre es bei Minen zu einer Abklärung gekommen, so hätte man von ihnen sagen können, sie sähen in den Kleidern der Alten etwas vom feindlichen Princip; und es war in ihrem eigenen Wunsche nach Neuem ein Echo der ewigen Rechte. Nun war einer gekommen und löste alles in ihnen: Das Reich der Erfüllung hatte begonnen. Sie hatten sodann auf wunderliche Weise von dem Isaak Beer aus Kremenetz gehört, der in seinem Buche: „Das Haus Judäa" nachgewiesen ha1, dass man die hebräische Sprache lernen darf . . . Und bereits dachten sie daran, ihre Wünsche auf einen Bogen in gediegener Prosa aufzuschreiben und dem aus Krementschug Gekommenen feierlich zu überreichen. Krementschug, dachten sie sich, muss so etwas wie Kremenetz sein, alle Juden gehen dort kurz gekleidet, und in Odessa geht es noch weiter. Wie fern und entrückt war ihnen dies alles bis dahin, wie die Sphären der Legende . . . Wer kann über Turnowa hinaus, da doch alles dort liegt, und hier ist alles hier. Und nun weilt unter ihnen einer aus jenen Orten selbst . . . Sie blickten zur Dachspiize des Schaltiel wie zu einer Wetterfahne; und Avährend Jechiel Jacob Nathans seine mahnende Rede den Synagogensitzern hielt, waren tie ausgezogen wie Träger einer neuen Zeit. Die Stunde der grossen Erwartung ist gekommen: Nun wird er hervortreten i nd die neue Bahn zeigen. Da kam die Verlobungskunde und überraschte sie mit einem neuen Siege. Solch (inen aufgeklärten Eidam in Turnowa zu haben, war so unverhofft, dass sie vor Freude hätten weinen mögen. Sie konnten sich zuhause kaum halten und stürmten ins Freie. Mit einem wilden Hauch durchstreiften sie den schmalen Steig und gelangten schon vor das Stadtthor. Dort lagen die gemähten Felder weit und breit und die alte Mühle auf dem Hügel gieng im Winde. Und nun war das Allerhöch-te geschehen. Sie haben am folgenden Tage den Menasse ielbst von Angesicht zu Angesicht gesehen. Schlank stan 1 er vor ihnen da, ganz deutsch gekleidet. Der kurze Rock über den gebügelten Hosen war ein erhebender Anblick; und der runde schwarze Hut über dem schönen weissen Kragen war wie ein unendlicher Zauber. Ihr Herz that sich auf, und alles, was in ihnen bisher unklar dämmerte, bekam eine sichtbare Form ... - * * * Die Berathungen um die Herbeischaffung des runden Hutes fanden in den nächsten Abenden bei der Windmühle statt. Feierlich und ernst gieng es zu; und wäre ein Wanderer dort vorbeigegangen und hätte ihre Schatten sich bewegen gesehen, er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.