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Die Welt · 1901-06-07 · 23 (7.6.1901) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
23 (7.6.1901)
Article
Die Geschichte vom steifen Kragen, von den drei Kreuzen und vom Kampfe der Mütze mit dem Hute
Date
1901-06-07
Page
13 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 23 „Die afr Welt14 Seite 13 hätte geglaubt, das wäien Verschwörer, die in der einsamen Nacht einen neuen Plan der Dinge besannen. * * * XV.* „Und wenn Du noch immer nicht auf die Stimme Deines Gottes hören wirst, wird über Dich der Fluch kommen und wird Dich treffen . . . Die Früchte Deiner Erde und alles, was Du erworben hast, wird verzehrt, und Du wirst toll werden von all dem, was Deine Augen sehen werden/ * * * Es war an einem Nachmittag der Wochentage des Laubbüttenfestes, jenes alten Natur- und Erntefestes, das heute nur die bescheidene Aufgabe hat, durch das Provisorische der Hütte anzudeuten, wie alles vergänglich ist. Ueber Turnowa lag eine schwere Unruhe. Auf dem fast leeren Markte waren die armen Verkäuferinnen eingenickt; nur die nimmermüden Krämer warteten geduldig auf einen Käufer von den Goim. Die Wege des Herrn sind gross, und gerade, wenn man mit leeren Händen steht, kann der Himmel etwas bescheren. Auf einmal erschien auf dem Markte die stattliche Jugend; sie hatten alle runde Hütte an, und mit Büchern unter dem Arme marschierten sie alle in Reih und Glied. Der erste, der sie erblickte, war vor Schrecken wie versteinert, der zweite trat entsetzt zurück, der dritte sperrte den Mund auf, und der vierte begann zu schreien. Die Krämer stürzten aus ihren Läden, Juden ohne Röcke liefen athemlos her, die Gemüsehändlerinnen erhoben sich mit ihren Besen, und die Fleischer schlugen einen Heidenlärm. So etwas ist das Ende der Welt .. . Von allen Ecken eilte alles hei bei, was es konnte. Die Menge wuchs von Minute zu Minute. Es war ein Gelaufe, wie es noch nie dagewesen war. Frauen rissen die Brust vom Säuglinge, alles strömte, gross wie klein, stark wie schwach, frommes wie einfaches Volk. Mägde kamen neben bärtigen Juden zu stehen. Kinder mussten über die Köpfe aufgehoben werden. Der Taumel schwoll, das Geschrei stieg, und eine fürchterliche Stimme erhob sich bis zum Himmel: Man will den Namen Israel ausmerzen! „Schlaget sie todt! Reisset ihnen den Dreck vom Kopfe! Rüssen müssen sie für alle Schmach! Die Augen werden wir ihnen ausstechen! Lasset mich, erwürgen will ich sie! Hundefänger! Kragenwichte! Abtrünnige! Deutschmenschen! Uneheliche! Tabakstinker! Aufhängen soll man sie, zermalmen, in Stücke reissen, zu Staub zerreiben, die Eingeweide aus dem Leibe ziehen!" Das Geschläge konnte nicht mehr unterscheiden. Auch diejenigen, die beschwichtigen wollten, wurden mitgerissen. Hüte wurden vor Wuth gebissen, Ohrfeigen durchzitterten die Luf. Man kratzte sich die.Augen, man riss die Bärte und man schlug mit Händen und Füssen. Frauen kreischten. Kinder schrieen. 0 weh! Meine Füsse, mein Nacken! Erbarmen! Ihr zerquetscht ein Kind! Ich ersticke! 0 weh, Weh geschrieen! Man biss sich in die Finger. Die Nasen bluteten; es vergieng Hören und Sehen. Die Wuth griff um sich. Die Raserei brach aus. Das ganze Turnowaer Judäa stand wie in Flammen. Es war nicht mehr alt gegen jung, Väter gegen Söhne, diese gegen jene, sondern alle gegen alle ... Es war, wie wenn die Todten auferstanden wären und unsichtbar den Zorn schürten: Es galt eine alte Schuld zu iilgen . . . Da fielen Steine in den Laden der Nechoma. Die Fenster des Deutsch wurden eingeschlagen. Ein Stück Holz sprang in den Garten und traf das Lämpchen am Kreuz: Das Licht erlosch. Dann schritt die öffentliche Gewalt ein. Der Ortscommissär und ein paar berittene Bauern waren erschienen und lösten mit Mühe den Knäuel. Die Leute athmeten schwer uud baten gleich um Gnade. Andere drückten sich, was sie nur konnten, und die Tapferen hielten dem Commissär einen runden Hut vor die Augen, um ihn, den Heiden, zu überzeugen, dass dies allein an allem schuld ist. Der Commissär schrie sie mit Herrscherstimme an und begann, zum Schrecken aller, sie aufzuschreiben. Manche ha-fen sich, indem sie statt des eigenen Namens einen fremden angaben, und andere stellten siih vor Verblüfftheit wie taub. Ein dürres Jüdchen zitterte am ganzen Körper und antwortete auf die Frage, wie der Name seines Vaters sei: „Goj, wie soll ich das wissen?" Meschulem Süssi, der Narr, hielt mit der Hand seine blutige Nase zu, auf dass sie ihn nicht verrathen soll; und die Gemeindeältesten, die vor der Hand dem Commissär einige Papierrubel zusteckten, thaten es mit der grössten Demuth. Der Tag war längst dahin; und alles, was nur gehen konnte, eilte nach der Synagoge, um das versäumte Abendgebet nachzuholen. „Milde und barmherzig ist der Herr, geduldig und von grosser Gnade.* „Er behütet alle, die sein sind, und wird die Bösen vertilgen/ Kutel des Rabbiaers blieb dem Aufstande fern und fühlte sich gedrückt. Er kam in den Besitz eines runden Hutes, setzte sich ihn auf den Kopf und erschien damit auf der Schwelle des Bethauses. Hinaus, Heide! Hinaus! Urele stand neben der Bundeslade betend da und beugte sich nach allen Seiten. Und wie er dies sah, senkte er das Haupt noch mehr. Es war zum erstenmale, dass er sich vor seinem Gott schämte. (Fortsetzung folgt.) tpnpibüne. (Für Form und Inhalt ist die Redaction nicht verantwortlich,) Aufruf! Der jüdische Turnverein „Bar Kochba"-Beiiin beabsichtigt die Herausgabe eines Liederbuches in einer Mindestauflage von 2000 Exemplaren, welches keineswegs nur auf jüdische Turnvereine zugeschnitten sein soll, sondern für jüdische Vereine jeglicher Art (Studenten-, Gesang-, Geselligkeitsetc. Vereine) geeignet ist. Dasselbe wird auf ca. 100 Seiten neben fast allen allgemein gesungenen Fest-, Cornmers-, Wander-, Turnliedern eine sehr grosse Anzahl von Liedern jüdischen Inhalts aufweisen, neben den altbewährten auch viele neue, die sich gewiss bald allseitiger Beliebtheit erfreuen dürften. Der Preis wird sich, bei dauerhafter Ausführung (sehr bequemes Taschenformat), auf nur 25 Pfennig pro Exemplar (bei grösserem Bezüge billiger stellen. Alles Nähere später. Wir bitten alle jüdischen Vereine, die an unserem, einem lebhaft empfundenen Wunsche entsprechenden Werke mitarbeiten wollen, um möglichst schleunige Einsendung ihrer Bundes- oder V e r e i n s 1 i e d e r, und sichern den sonstigen uns zwecks Aufnahme zugeschickten Liedern objectivste Beurtheilung zu. Jüdischer Turnverein „Bar Koch ba", Berlin, Schönhauser Allee 182 a. * Wir werden um Aufnahme folgender Zuschrift ersucht: Verehrter Herr Redacteur! Am 28. Mai d. J. richtete ich an Herrn Dr. Richard Rappaport in Wien folgenden Brief und bemerkte ausdrücklich, dass ich nur als Privatperson, nicht als irgendein offizieller Vertreter diese Aufforderung an den genannten Herrn schreibe. Mein Brief lautete: „Mir wurde eben die Mittheilung, dass Ihr Gesinnungsgenosse Herr Di\ Lifczis in einer Prossnitzer Versammlung erklärt hätte, dass er Enthüllungen über die „Jüdische Colonialbank" machen könnte, aber lieber schweige. Eine andere Version nennt Sie als Autor dieser Worte. Wie immer: meine Worte gelten für Sie und Dr. Lifczis. Mit halben Andeutungen und versteckten Beschuldigungen kämpft kein ehrlicher Mann. Darum und weil Ihre Freunde von mir

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