Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 23 (7.6.1901)
- Article
- Die Geschichte vom steifen Kragen, von den drei Kreuzen und vom Kampfe der Mütze mit dem Hute
- Date
- 1901-06-07
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr.. „Dte»$ Welt«' Deue ii 4 Man umringte das Einfuhrhaus und schielte wehmüUng H. 'i> J '« >» £7 '"' -v '; : •'• '.} ' \ r." ■ , ' V : . - ' '• ' ' S "■) nach der Künsche/ Wer niä£ 'wissen, was das für feiri 'Mann/ ser und iwaä Wiei^ntlich iiil^rnowa vorhabe'? >. l '*;- 0 r,-;v Vielleicht sei er ein.geheimer Agent, der gekommen ist, die Talmudschulen zu schliessen. Mitunter kann so einer gar mit falschem Gelde zu thun haben, oder er ist ein einfacher Missionär?. Wer weiss, ob er nicht auf Nutel den guten Kopf ein Auge habe, um ihn wegzustehlen und auf eigene Kosten studieren zu lassen? Dergleichen Dinge sind schon hie und da vorgekommen; nnd einige malten sich bereits aus, wie nach langen, laiigen Jahren'dies Rabbiners Sohn als Äusstudierter heimkehre und nach allen Seiten das Geld austheüe .. . Solche geben gewöhnlich sehr gern . . . Der Gedanke ' aber, dass so ein Goj einst aus ihrer Mitte kommen werde, verdross dermasseri, dass man dem Schaltiel zu grollen anfieng, warum er solchen Leuten Obdach gewährt. Man zerbrach sich den ganzen Tag den Kopf über die Frage, was die Ankunft dea Fremden wohl zu bedeuten habe; und wer es hur konnte, stahl sich zu den beständigen Synagogensitzern hin, um mehr Einsicht in die Sache zu gewinnen. Dort war alles beisammen, was zu deii Eingeweihten von Turnowa gehörte: Beter und Nachbeter, Psalmen sager auf Raten und Raucher aus irdenen Pfeifen. Der 'Staub lag auf den Wänden und auf den Kleidern, und die Gesichter ähnelten mehr den schmierigen Fenstern. 'Meschulem Süssi, der Narr, schrieb mit einer Gänsefeder den „Schema" auf Pergament, und eine alte Frau bot gebratene Kartoffeln feil: „Kauft, Jüdelieh, kaufet! fünf für einen Groschen!" Da erhob sich Jechiel Jacob Nathans seiner ganzen Länge nach und ssgte: „Juden, die Sache i^t sehr schlimm. Zur Zeit Nicolauszwang man unsere Väter zur Taufe, indem man die Rabbiner nach Petersburg schleppte; heute schickt man die Leute uns -auf den Hals. Vorzeiten halfen Busse und Einkehr, und wenn das Aeusserste kam, lenkte Galt die Herzen der Könige zu unseren Gunsten und streckte seine Hand über uns aus; heute aber/.ist die Prüfung schwer, da der Feind im eigenen Hause lauert . .. Wer weiss, wohin wir noch kommen werden, und wer kann; seine Hände aufheben, und sagen: Wir haben Dir ehrlich gedient, p, . Gott, unddas Böse vei hindert .. * * ..- •■ . ■■«•.- . *. ■ Zur selben Stunde hielt ein Wagen vor dem Laden der Nechoma. Ein adeliger Herr stieg aus, kaufte ein g.-tes Pfuxd Tabak und fuhr davon. Nechoma blieb allein. Sie trat über die Schwelle, gieng wieder, hinein und lehnte sich ans Pult. Es war wie eine Ahnung in sie gekommen. Seit ihre Mutter nicht daheim ist, war ihr .nicht soizumuthe. ^stumni.^Du lieber Himmel, wir werden noch den Sabbath entu weihen. Jochewedl, Debössi, Scheine, Taube, Riwke, her mit dem I^Eimer! Das Tischtuch! , Die SabbaihÜeider! Wo sind ' die Sabbalhkleider? Die Lichter! Zündet die Lichter an, Ihr Sündenvolk. Der Tisch ist noch nicht einmal gedeckt. Bassi, wenn Du nicht zu weinen aufhörst, so; spalte ich Dir' den Kopf. Jankel, was schweigst Du,' ein schöner Vater bist Du Jungen, in die Synagoge! Der Wein zum Segen ist noch nicht da. Wo "ist : "Pessi 'und Schmuel? Wo t ist das Handtuch? das Salz? Nicht einmal Salz haben sie gestossen. Gott, eiii Freitag ist das!a 1 Erst als man in den Bethäusern war, konnte man sich ' gründlich auslassen über den'. wiidfremden,. Bräutigam, der in '"'Turnowa einzog.- .; »Habet Ihr so etwas gehört? Da kommt einer und sieht ' sich selbst seine Braut an. Hat denn dieser Mensch keine Ellern? Ist er auf Sand gewachsen?" „Unerhört, wie darf so etwas unter Juden geschehen?* ' 1 „So einer kann sogar mit der Braut sprechen wollen.iC „Das ist nicht möglich, ein jüdischer Sohn wird doch so etwas nicht thun." „Ein kurzer Rock ist kein Jude mein." ' „Ich sage Dir, Herl, Du haltest ihn sehen s.llen. Schultern 'hat der wie ein Soldat. Ja, diese haben schon Ktä:te*u „Was meinst Du zu ihm, Pessach? Du wohnst ja neben >Schaltiel.a „Ich darf nicht dazwischenreden, ich sage das Hohelied." „Rabbi Sehrnelke, geht beten."?. „Soll Meschulem vorbeten, i< h bin heiser.V „Was machet Ihr für Geschichten, Ihr werdet Euch damit v nicht erwürgen." Die Lichter wurden angezündet, ein Gebetbuch räch dem anderen wurde aufgeschlagen. Man steckte die Hände in die r. Gürtel und man fieng an, sich über dem Wocherrgebete andächt'g zu schaukeln. Man begann mit dem Psalm; „Gelobt seien, die in Deinem Hause wohnen14, und man schloss mit dem Lobe des Herrn, der Luns nicht wie die Völker der Erde geschaffen hat. Und nun sollte die Prinzessin Sabbath empfangen werden. I Verschleiert und tief gekränkt kam sie her. Der Wochenvorbeter „. wich einem neuen, und, dieser begann mit feierlicher Stimme: „Machet Eure Herzen nicht hart, wie in den Tagen der Prüfung in der Wüste. Vierzig Jahre lilt ich durch dieses .^Geschlecht, und da sagte ich, das sei ein irres Volk, das meine Wege ni ht kennt. Und ichsrlrwor in meinem Zorn, ob sie je zu Ruhe kommen werden." Am folgenden Tage, wusste alles Lebende in Turnowa, dass die älteste Enkelin, des, Deutsch die^JB^aut jenes Fremden aus.Krementschug geworden war.. * * . £ .. XII. ' Es war an einem Freitag. Das Weissbrot buk im glühenden Ofen und die Hühner wurden 2Üm frömmer! Schlachten gebunden, als'die Verlöbungskuride kam: Die Frauen stutzten und eilten von der Küelie in die Stube, und die Männer Ii« fen ihneii-entgegen und schrieen : „Hörst Du, hast Du gehört?" ' Wie' ein Wind war es in die Leute gefahren; und alles hob das Haupt und schaute, ob> nicht ihnen selbst etwas ■ zuleide geschah. Der' Sabbath stand aber -bereits vor der Thür,; <tthd esgab keine Zeit zu müssigem< Zornr Mit grossem Aerger wurde: weiter gescheuert *und gewaschen, d e Messer mussten geschliffen und: , das Geschirr blank gemacht werden. Das ganze Städtchen glich;einer ^ielverzweigten Küche,>-wo unzählige -Hände, ohne Rücksicht,, auf Stand und -Alter, ge&cMftig waren.^ Das männliche Personal musste bald ins DaiTipfbad eilen, und die Weiber überlief es . zu sehen, wie^ die. Runden .rücken und nx>ch niclits. feriig gebracht wurde,; ..t .:. "\, . ..V - ' ■ -Der, Tag lief dahin... Die ältere^.Kinder, weinten,,dass'.sW.. nichts Rechtes zum Sabbath anzuziehen haben. „Werdet doch. j. X1JI. } Und sithe da, der Bräutigam der Nechoma trägt gar ■einen runden Hut, jenes in Israel unerhörte Kleidungsstück, zu •dem jede andere Neuerung sich verhält, wie das Essen an » einem gewöhnlichen Fasttage zur ,Entweihung des allerheiligsten, .3.des Versöhnungstages. Dort, weit, weit im deutschen Lande, wo die Menschen r Franzosen sind*), werden von allen Menschen runde Hüte ge-; vtragen. Auch in der Kreisstadt konnten Apotheker, Doctoren und r.. Schreiber so etwas anhaben; und dann würden sie ja keine , - Doctoren, Apotheker und Schreiber sein, wenn sie nicht einen deutschen Hut aufsetzen; wozu haben sie denn ausstudiert, wenn ,tsie sich nicht von allen übrigen Juden unterscheiden sollen. ^Wirkliche Juden aber dürfen zu allen Zeiten nur eine Mütze tragen, denn was sonst in d r Welt soll ein Jude aut dem Kopfe haben? ' Freilich trug man im heiligen Lande nur einen Pelzhut, jenes wunderliche Ding mit den sieben Schwänzen, das heute noch das Hau] t eities jeden frommen Rabbi krönt.; Und umgekehrt : bedient' sich das gemeine Volk, Lastträger wie Fuhrleute/ bei strengem Winter einer wollenen Kopfbedeckung, wie es die :H_ . _ . , _ m , - _( .. ,^ .„.,...*., ■7 .,;■*) ,tn- ^urnowa. sind nämiieh Deufts^he und Franzosen?;i Synonym-Ausdrüke.