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Die Welt · 1901-05-31 · 22 (31.5.1901) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
22 (31.5.1901)
Article
Die Geschichte vom steifen Kragen, von den drei Kreuzen und vom Kampfe der Mütze mit dem Hute
Date
1901-05-31
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 „Die # Weit66 Nr. 22 So kam Abraham, dem immer das Wohl der Nichte am Herzen latjr, auf den Gedanken, den Schmuck der irren Mutter zu veräussern und der Nechoma dafür einen Tabakladen einzurichten, dass sie es durch eigene Hand zu der nöthigen Mitgift bringen sollte, Gott mag wissen, wieso er diesen wunderlichen Einfall haben konnte; denn dass ein Mädchen für sich allein einen Laden führen soll, war nur dazu angethan. einen neuen Anstoss zu geben« Nicht so ist es Sitte in Israel. VIII. „Es war einmal ein Königr, der hatte seine Kinder über alles lieb. Nun geschah es, dass er sie in ein fernes Land schicken wollte; und weil es so sein musste, hatte er Furcht, sie könnten dort seinen Namen vergessen . . . Ich will aber Rath schaffen, sagte er zu ihnen, wenn Ihr nun fort seid und Ihr Euch verirret, werde ich Euch allemal durch ein Zeichen kundthun, dass ich Euch rufe. Die Kinder versprachen wohl, es sich zu merken, wTie sie aber lange weg waren und alles so gekommen war, Lotten -sie nicht recht darauf. Der König dachte: was nicht zum erstenmal geholfen hat. kann zum zweitenmale hellen; und er ermahnte sie wieder durch eine neue Gefahr. Es war aber auch diesmal alles umsonst. Was that der König? Er schickte zum driltenmalc ihnen ein Ungemach vor die Thür--" Die Fabel bricht ab, und die Moral davon ist in den frommen Büchern von Turnowa nachzulesen. * * * Es war an einem Sonntag früh. Die Turnowa er hatten noch etwas vom Sabbaih in den Gliedern. Schwermüthig giengen die hageren Kühe zur Weide, von den armen., sich genierenden Eigenthümerinnen in beträchtlicher Ferne in Tjab gesetzt. Juden mit leeren Händen begannen sich auf dem Markte aufzustellen. In der Eile, den Faden der unterbrochenen Geschäfte wieder aufzunehmen, steckte mancher linke Fuss im rechten Schuh. Die Woche öffnete ihre Pforten und legte jedem s in Päckchen Sorgen auf die Schultern. Und wie man sich umsah, wurde man den Mädchenladen gewahr. Man war willens, aus der Haut zu fahren. Zu; nderer Zeit muss jeder erneuerte Flecken in Turnowa lauser.dfäch besprochen werden. Man könnte sich zutode ärgern, wenn der Balken eines änderet) nicht nach eigener Gesinnung liege, oder wenn ein Fenster statt nach rechts nach links angebracht wäre. Am Anbl.ck des neuen Ladens aber wurde alles dergleichen heruntergewürgt, denn das, was man sah, traf ü her und über... Arme jüdische Töchter, Mädchen ohne Stand, konnten mithelfen und niilvej kaufen. Auch bei solchen, die nicht arm wann, durfte, wenn die Mutter zu den Kindern musste und der Vater sein Tagewerk in der Synagoge noch nicht vollendet Latte, die Aeltere derweil im Laden b!e ben, die spärlichen Kunden eigenhändig abthun oder sie auf i ie Mutter warten lassen. Dass aber eine Erwachsene, e:n Mädchen aus gutem Hause, einen Laden führen soll, war noch nicht dagewesen. Und nun erst gar der Zweck der Sache, die Mitgift. Wie denn V Noch vierzig Ta-e, bevor ein Kind zur Weit k mint, mit eine Stimme im Himmel nus, wein es bestimmt sei. Und will ein Bräutigam mehr haben, als man ihm geben kann, kann man ja zehnmal so viel versprechen und ihm nachher ein Schnippchen schlagen. Taugt er selbst zum Verdienen, ist es gut, wuui nicht, ist noch immer Gott ein Viter. Schliesslich, was braucht der Mensch auf dieser Welt? Man drückt sich schon durch d ss bisse' en Lr*ben. Wie heisst, schrie man, hat man schon so etwas in einer jüdischen Stadt gesehen? Gott, wohin sollen wir den Kopf hinlegen? Zuerst gieng es an die Jungen und jetzt schon an die Mädchen . .. Man war wieder in eine Unruhe gerathen. Das Beten kam aus dem Geleise, und das Essen war übersalzen. Wenn man einen Topf anfasste, so fiel er aus den Händen, und alles nöthige Thun stockte. Schneider konnten den Faden ins Nadelloch nicht mehr hineinlösen; und die Krämer zählten besorgt ihre Sechser, thaten sie in Säckchen und banden sie fest, wie wenn sie ihnen das ewige Geleite gäben. Fürwahr, Turnowa hatte einen Tag, der auch den des Verschwindens der Udele übertraf. Denn die bedrückten Gemüther redeten eine andere Sprache als die des Rabbiuers, und man sagte sich: Ein Glied, das ausscheidet, ist für das Ganze nicht so schlimm, wie ein ungehöriges, das hineinkommt. Wer weiss die Wege des Herrn? Erwählt er eine Stadt zur Prüfung, so hat es kein Ende mehr. Und wie der Tag vergieng und der Abend kam, sollte der Neumondsegen abgehalten werden. Unter freiem Himmel versammelten sich die Beter, um dreimal gegen den Mond zu sprbgen und die herkömmlichen Mysterien zu sagen. Es lag wie ein Schatten über allen. Wie ein gemeinsames Zwiegespräch klang der Friedensgruss von Mund zu Mund: Schalem alechem, alechem Schalem! Schalem alechem, alechem Schalem! Hätte aber einer dann gerufen : Jüden, wir sollen die Sache nicht zulassen! so wären sie wie ein Ma n hingeeilt, den Laden zu erstürmen. Nun unterliess dieser eine den Ruf zu thun, und so kehrte das Volk zu seinen täglichen So; gen zurück: Juden haben ja immer Sorgen. In jenen unterirdischen Gängen der Seele aber, wo man nur einmal im Jahre, in den grossen Tagen des Gerichts, hineinsieht, schlug sich eine tiefere Sorge nieder... Es war ein ausgesprochenes Wort, dass im Hause des Deutsch nun ein drittes Kreuz gestellt wurde... IX. Der Laden der Nechoma war grün gestrichen und mit kleinen Schindel i gedeckt. Vor der Tnüv waren einige glatte Steine angebracht. Trat man über die Schwelle, machten die in den offenen Schränken symmetrisch ausgelegten Päckchen Tabak einen angenehmen Eindruck. Vor dem weissen Pult war ein Licht zum Anbrennen, und ein runder Stuhl stand da zum Hinsetzen. Nechoma trug ihr schönes dunkies Haar glatt gekämmt, was ihrem milden, feinen Gesichte sehr Wohlstand. In ihrer Art, sich häuslich zu kleiden, lag eine eigene Anmuth. die das beständige schwätze Bändchen um ihren Hals noch vermehrte. Sie bediei.te st'lle und bescheiden und verstand es bald, jedem das Seine zu geben. Nur wollte sie gar nicht handeln und blieb immer bei den Preisen: Das nahm ihr das fromme Turnowa sehr übel} ihmn man war ja gewöhnt, meist die Hälfte davon zu zahlen, was der Verkäufer »bei WTeib und Kind schwor, dass es ihn selbst kostete«. So blieb der Nechoma nur übrig, die meiste Ware den feinen Goim zu verkaufen, die den guten TabaV, von braver Hand gewogen, dem vorzogen, welchen sie vorher bei bärtigen, lässigen Juden in einer Umgebung von Salz und Hering kaufen musslen. Die wenigen, die vom Hause Israel aus blosser Neugierde zu ihr kamen, pflegten auch die gelegentliche Absicht zu haben, sich von ihr eine Adresse schreiben zu lassen — die umständlichste Sache von der Welt in den Mauern von Turnowa. Auch die Almosensammler für verschämte Arme kehrten nicht unwillig dort ein, wo man statt des Turnowaer Groschens und Halbgroschens einen ganzen Dreier und manchmal aurh einen Fünfer bekam. Wer kann in die menschlichen Herzen hineinsehen? Vielleicht war auch den jungen Sammlern, deren Frauen dem Gebote nach, das eigene Haar nicht tragen durften, der Anblick des natürlichen Haarwuchses der Sperderin eine schöne Zugabe ~ Die einzigen stabilen jüdischen Käufer waren jene stattlichen Burschen, die unter dem Regime des neuen Kragens sich auch das Tabakrauchen erkämpften. Sia hatten das Gefühl einer besseren AVelt, wenn sie in den Laden der Nechoma kamen. Die stille Art des Mädchens berührte ihr Wesen, und ihr Herz ward gehoben, als sie beim Cigarettendrehen und Anrauchen statt mit blossen Namen mit Herr so uud so angeredet wurden. Dass man beim Kommen und Gehen die Gelegenheit hatte, auch einem

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