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Die Welt · 1901-05-31 · 22 (31.5.1901) · p. 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
22 (31.5.1901)
Article
Die Geschichte vom steifen Kragen, von den drei Kreuzen und vom Kampfe der Mütze mit dem Hute
Date
1901-05-31
Page
11 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 22 „Die & Welt" Seite 11 Die Geschichte vom steifen Kragen, von den drei Kreuzen und vorn Kampfe der Mütze mit dem Hute. Von M. J. Berdyczewski. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) VI. Razzi hatte eine wunderliche jüngere Schwester, Udcle mit den Lichtern. Das war ein aufgeschossener Backfisch mit lieblichem Munde und schönen schwarzen Augen. Ihr krauses, dunkles Haar verlieh ihr etwas Tropisches, dabei waren ihre Hände ungemein zart. Sie liebte es, mit Kerzen zu spielen und sie nachher anzuzünden, wobei sie die Augen vergnüglich schloss und wieder öffnete. Auch hörte dieser Krauskopf nicht auf zu singen. Den ganzen Tag klang es aus ihrem Munde: Bruchslücke von Gebeten folgten auf Melodien einer Drehorgeluud Splitter trüber Hochzeitsmusik liefen in ganz Fröhliches aus. Immer pflegte sie in der Küche beim Gesinde zu stecken, sie scherzte, sang mit den Mägden, hüllte sich in ihre buuten Tücher, oder hielt ihnen brennende Kerzen vors Gesicht. Und wenn die Natur sich verwandelte und der Sommer kam, trieb sie ihren Muthwillen auf den Bäumen, riss Zweige ab und zündete sie an. Des Winters wollte sie die Eiszapfen zum Brennen bewegen, was ihr aber durchaus nicht gelingen wollte. Es kamen in sie dann gar eigene Gefühle, als alles von den Schiieegevvändcrn bedeckt war, und sie halle Mitleid mit dem Kreuze, das im Garten ihres Grossvaters fror. Es trug sich zu, dass eine kleine Armenschar einst nach Turnowa kam. und da ihr Wagen zeit aufsei lug. Üas waren namen- und heirnällo>e Leute, die wie Zigeuner das Laud durchstreiften und mit dem g;<nzcn Bet'Ierapjiarat von Stadt zu Stadt zogen. Drei alte Leute und ein tauber Wicht standen der Gesellschalt vor. Eit.e gebrechliche Frau und ein gestohlenes Mädchen leiteten das Zeltvvesen, und ein kräftiges Frauenzimmer in Männerkleidern war bei den Pferden. Als die Krone aber galt ein hübsches krankes Mädchen, das bei Tage sich blind stellte und von einem hageren Bettler geführt wurde. Diese beiden wussten durch schöne Lieder bares Mitleid zu erhaschen und waren damit die eigentlichen Brotgeber der immer ziehenden Schar. Und wie beide mit dem G sänge durch die Stadt gierigen, ward der Krauskopf gsnz gefangen. Sie folgte ihnen auf Schritt und Tritt, und ihr Herz ward berauscht vom Wanderlied . , . Des Nachts wälzte sie sich träumend i-n Bette. Des Murgens lief sie ihr.en schon wieder nach; und weil es bei ihr nicht ohne Verschmiertsein gieng und ihr Kleidchen hübsch zerrissen war, konnte man meinen, sie wäre die d.itte im Bunde. Eines Tages brachen die Bettler auf und zogen mit Hab1 und Gut auf und davon. Kein Hahn krähte ihuen nach. Wie aber eine Weile vergieng, da sah man unLer dem vielköp'igen Geschlechte Gedaljah's ein Kind fehlen: Udele war nicht mehr da. Josef, der Schreiber, wühlte das ganze Haus auf und schwang sich mit aller seiner Tapferkeit aufs Pferd, das ihn bald herunterwarf und selbst nach der entgegengesetzten Seite lief. Die Polizei that das ihrige, die Sache umständlich aufzuschreiben, und hob das Protokoll sorgfältig auf, und bei einer alten Frau trieb man eine Art Orakelbuch auf, wo man auf die Frage: wo die Udele sei? den Bescheid bekam, dass der Krug von einer unsichtbaren Hand zerbrochen sei und dass die Gerste dies Jahr nicht gedeihen werde ... Drei Tage und drei Nächte suchte man noch au allen Ecken und Enden. Von der Enkelin des Deutsch aber war keine Spur zu finden; und man Schlots daraus, dass in der That ein Mädchen aus Tuinowa verschollen sei. So legte sich über Turnowa eine neue Unruhe. Leute, die immer ihre Kaftans offen trugen, begannen sich geflissentlich zuzuknöpfen, und dort, wo die Fi ömmigkeit im täglichen Gebrauch stets milde war, wurde eine stumpfe Strenge hervorgeholt, die am Tageslicht sich selbst eigen vorkam. Jener dämliche Jude, dessen Grossvater in Leipzig zur Messe gewesen war, rieth der verzagten Familie, man solle gleich hinfahren und das Mädchen beizeiten loskaufen; Hersthele Kosak besann sich aul das einzige, was er wussle. ui d trat dem mit allen Kräften entgegen: nein, sie wäre in Bukarest in der Türkei... Und Jechiel Jakob Nathans wusste dabei Zusammenhangloses zu erzählen, von der schönen Sarah, di3 der falsche Messias zum Weibe nahm, und von der anmuthigen Tochter des Propheten Fzank. die zu Offenbach ein festliches Haus geführt halte . . . Die Leute sperrten Mund und Ohren auf, und Nutel des Rabbiners stand da in Lauschen ganz versunken und dachte sich als Jünger .. . Hilel der Traur'ge sass die ganzen Nächte hindurch und machte si«h d'e Augen roth über das Buch der Leuchte; und der unermüdliche Rabbiner slie>s bei sei ten.em Studium auf Jolgende Stelle : „Eine jüdische Seele ist ein Glied Gottes, das, wenn auch erkrankt, immer geheilt werden kann, so lange es noch mit dem G.iiizeu verbunden ht; wird es aber weggeschnitten, so klagt die Schechinah: „Wehe meinem Kopfe! wehe meinem Arm!-4 Es war was zu vernehmen, dass mit dem verschollenen KinJe über das Haus des Deutsch sich der Schattin eines neuen Kreuzes gelegt hatte. :j: * VII. Im Hause des Jacob wurde man noch rücksichtsvoller und schweigsamer; man gieng früher schlafen als je, und man mied auch den spärlichen Verkehr. Der gestreute Sand vor den Thüren wurde eine Zeitlang nicht erneuert; die halb geöffneten Fenster waren meist verhängt, und kein Kopf war dort n.ehr zu sehen. Der Alte liess seinen jüngeren Sohn zu sich kommen und sagte ihm, das sei, wie wenn er ein Arge verlojen hätte. Er zog sich nach dem Essen bald zurück und brütete hinlänglich über das Geschehene. Abriham zeigte sich nicht mehr ohne Rockärmel und befahl den Mägden, von nun an das AVasser sein u des Morgens zu holen. Gedaljah scheuerte die Fässer mit einem wilden Eifer und fuhr jedes Kind au, das bei der A:heit durch den Keller lief. Und die löhlichen Schwiegersöhne raunten ihren Frauen zu, der Verlust eines dreizehnten Kindes sei kein grus.»(s Loch im Himmel; nur schämten sie sich des Menschengeredes, und wenn sie sie jetzt heiraten sollten, würden sie eine grössere Mitgift veilangt haben. Sie führten sogar Gedalj.di und Abraham gegenüber einen heimlichen Trotz und stichelten Benzi und Beil, die ihrerseits zu den Kollegen in eine gewisse Gemessenheit traten und nicht gern über die Nichte sprachen. Die Mädchen selber rückten mehr zusammen, wuschen sich bedächtiger als je und sas en beim Es^ea noch stiller auf ihren Plätzen. Razzi war schon genesen, aber sie war blasser geworden. Die Kinder schalten sich um sie, und s'e blieb auch gerne bei ihnen. Nur wenn der Abend kam und sie von der letzten Stube aus nach dem Galten sah, fühlte sie sch allein. Sie hatte keine Stimme wie die verschollene Udele, aber in ihrem Herzen bewegte sich der Rhythmus einer Melancholie. Da pflegte ihre ältere Schwester, die stille Nechoma, zu ihr zu kommen, ein schönes erwachsenes Mädchen, das die Muter im Hause verlrat. Diese war der Liebling ihres kinderlo en Onkels Abraham, der sich als ihr zweiter Vater piies. Der andere Onkel, Joset der Schreiber, der nebenbei auch eine Art Heiratsvermittler war, rühmte sie in seinem Nutizbiuhe im biblschen Stil: sie ist schön von Gestnlt und schön von Angesicht, und sie findet Gnade in den Augen aller, die sie sehen. Bei all seiner standesgemässen Lügenhaftigkeitkonnte er doch nicht die nöthige Bemerkung hinzufügen: und sie hat eine schöne Mitgift gar und ist reich, wie man es sich wünsche. Im Hause des Deutsch gab 6s eben nicht viel Bares, und die Wohlhabenheit kostete dort mehr, als man vermochte. So bereitete das Mädchen schon beizeiten grosse Sorgen, denn der Makel des Kreuzes und die Vcrschollenheit der Schwester verlangten ihren Tribut — und auch sonst ist es unter Juden kein Leichtes, ohne ein hübsches Geld eine Tochter loszuwerden.

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