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Die Welt · 1901-05-31 · 22 (31.5.1901) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
22 (31.5.1901)
Article
Die Geschichte vom steifen Kragen, von den drei Kreuzen und vom Kampfe der Mütze mit dem Hute
Date
1901-05-31
Page
13 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 „Die & Weit Seite 13 Mädchen die Hand zu geben, war eine Errungenschaft, die sie .mit einem geheimen Stolz erfüllte. So war den Jungen ein neues Licht aufgegangen; auch ihr äusseres Bestreben bekam einen tieferen Hintergrund. Es lag mehr Gesinnung in dem, dass sie ihre Kleider bürsteten\ und wenn sie sich des Morgens wuschen, war das nicht mehr das blosse Vollziehen einer Vorschrift, sondern ein reales Waschen, und das frische Wasser drang sozusagen zum Gemütb. Es kam so weit, dass man beim Beten zuweilen einige Blätter umschlug und lieber zum Fenster hinaussah. Bei Tisch wollten sie nicht mehr mit blosser Hand essen und verlangten durch das geweckte Bewusstsein nach Messer und Gabel. Wie man nachher sich eine Cigaretle drehte, sie anzündete und sich an den kleinen bläulichen Wolken erfreute, ergab es sieh von selbst, dass man sich der Zwangsarbeit des Talmud entzog und lieber in die Bibel schaute. Wenn auch der Sinn der Sache ihnen durch Jahrtausende entrückt war, so drang doch in ihre Seelen ein Hauch jener Zeiten, wo mehr von Berg und Thal die Rede ist, und wo die Jünglinge Israels mit Lanzen und Pfeilen zu thim halten und noch nicht den Talmud zu lernen brauch!en. Vom Laden au?, wenn sie wieder dort waren, giengen sie durch den schmalen Steig, der den Garten des Deutsch von den grällichen Anlagen schied. In der Abendröthe kam ihnen alles so eigen vor. Und dort, jenseits der Anlagen, ist noch eine andere Welt. Feurige Hur.de sind da angebunden, die bereit sind, einen jeden Juden zu ztrreissen; geht man aber entbiössten Hauptes vorbei, thun sie einem gar nichts. Und ein Wunsch kam in ihre Herzen, einst jene Ferne zu ei reichen. Sie wus.-.ten nicht: wie und wo und wann? Aber sie wären gerne mit Josu*} über den Jordan gegangen. * * * X. Nutel des Rabbiners war zur Zeit in einer ganz anderen Welt. Er trieb sich mit dem sagenhaften Joseph de la Reine herum, der den leiblichen Satan in einen Bock hineinzaubeite, und fand grosses Gefallen an den wunderlichen Stellen über Sphärenkunde, die in den alten Büchern zerstreut sind. So pflegte er auch den Tabak für seinen Vater bei Pessach dem Tiefen zu kaufen; das war ein langes, hageres Jüdchen, das man schlechthin „der Philosoph1' nannte. Auf diese Weise erfuhr man in Turnowa von der Philosophie. Dieser Pessach besass ein altes astrologisches Buch, in dem Sonne, Mond, Sterne, sowie die Erdkugel mit Bezeichnungen: Ost, West, Nord und Süd abgemalt waren. Nur wundeite sich dieses Jüdchen, wie man die Richtungen der Welt daraus erkennen kann, da man doch das Buch nach allen Seiten umdrehen kann. Wenn Nutel dieses bei ihm sah, war er davon so voll, dass er zuhause keinen Platz fand und sich wunderte, wenn kurz darauf ein kräftiges Dinileih, das zu ihnen Kerzen kaufen kam, ihm statt der Weltkugel eine harte Kupfermünze in die Hand drückte ... Das Laden des Pessach war nur durch eine dünne Hulzwand von dem der Nechoma getrennt. Das verdross den Philosophen sehr; und er dachte ernstlich daran, eine dicke Mauer dazwischen aufbauen zu lassen, und wenn er es unterliess, war es nur aus dem Grunde, weil es das gelegentliche Herüberholen eines Päckchens Tabak bei der Nachbarin, aus blosser Neugierde zu sehen, womit der Satan handelte, sehr erschweren würde. Um den Pessach auch' von seiner zarten Seite zu zeigen, muss noch erwähnt werden, dass er vor dem fremden Päckchen eine gewisse Ehrfurcht hatte, so dass er. wenn er es wiederverkaufte, ihm statt des üblichen groben Bindfadens die besondere Ehre eines feinen Theebändclieijs erwies. Wenn Nutel bei ihm war, liebte es Pessach, den alten zerrissenen »Midrasch", auf dem übehiechender Bauerntabak zum Trocknen la/, herunterzuholen und die von ihm unzäliligemale entdeckte Stelle zu zeigen, wo es steht, dass Adam einen Schwanz hatte und dass er, bevor er vom Baume des Wissens ass, ein ein'acher Affe war. Wurde es dann im anderen Laden laut, so blinzelte Pessach mit den Augen und legte vertraulich die Hand auf Nutels Schulter. Nutel entzog sich und sah lieber in den Midrasch hinein. Und da geschah es, dass Nutel selbst einst in jenen Laden kam. Er war vorbeigegangen und hatte im Sinne, nur einen Blick hinein zu thun. Es zog ihn aber mehr bin; nun war er über die Schwelle getreten, und wie er da stand, bat er ganz befangen um ein Achtel Tabak. Nechoma holte es hervor und sagte milde: Bist Du Nutel'? Nutel hatte noch nie ein schönes Mädchen in solcher Nähe gesehen. Und wie er mit dem Tabak eilend davongieng, konnte er wieder an jene Stelle in der Bibel denken : Und sie war schön von Gesicht und schön von Gestalt. Der Tabak bekam dem frommen Rabbi sehr gut, und er war der ehrl eben Meinung, dass der Philosoph sich reeller aufführte. Da gestand Nutel, dass dies beim Deutsch geholt wurde. Urele. erschrak und sagte: Warum hast Du es gethan? Nutel wusste nichts zu erwidern; er schlug ein Buch auf und setzte sich dazu. „Nutel, ich will Dir etwas sagen. Nutel," wiederholte der Rabbi, „Du, Du, verstehst Du? Du solltest es doch verstehen. Ein Jude, verstehst Du, ein Jude muss doch den Zweck wissen . .. Denken, verstehst Du, ist eine andere Sache. Ist man abseits gerathen, ist es schlimm, dafür aber ^ibt es ein Wiederleuchten, wir haben ja, Got sei Dank, die heiligen Bücher.. . Aber das Auje, das Herz, verstehst Du, diese sind, wie Du aus dem Talmud weisst, die^wahren Vermittler der Sünde... Der tiefere Sinn davon ist wahrlich eine andere Sache... So einer, wie Du, verstehst Du, kann es doch nicht so wie alle jene Jungen machen. Den Sinn der Thora verstehen sie doch nicht wie Du. "Wären wir nicht auf der Erde, brauchte ich Dir dies alles nicht zu sagen . .." Nutel schwieg und sah noch eifriger ins Buch hinein. Nun s h Urele ein, dass der Augenblick gekommen ist, wo er, als „Herr des Ortes", doch des Ganzen wegen dem Deutsch Vorstellungen machen muss. Eigentlich gieng der Gedanke schon längst von der Rabbinerin aus, die hinter seinem Rücken mit den Krämern darüber verhandelte. Sie war aber fromm und klug, und alles, was sie ausdachte, gestaltete sie so, dass der Rabbiner es für sein Eigenes hinnahm. Urele gürtete seine Lenden, legte den seidenen Sabbathmantel an und gieng mit Got'es Vertrauen zum Deutsch. Er hatte sich alles ausgedacht, was er sagen müsse, es entfiel ihm aber gleich, als er die schöne Stube des Jakob betrat. Jakob sass in der Nebenstube bei seiner Alten und war sehr gemessen, als er hineinkam, Seine Ehrwürden zu begrüssen. Der Rabbiner blickte unsicher und zerknitterte sein rotlies Schnupftuch. „Was verschafft mir die Ehre?" frug der Deutsch, indem er mit der Hand über seinen Bart fulr\ „Wie gelu's, Rabbi UreleV" fuhr er fort, da der Rabbiner uoch immer schwieg. „Nicht zu sagen," antwortete Urele hustend. Jakob war aufgestanden. Er setzte dem Gaste ein Glas Wein vor und sprach: „Na, was sagen Sie zu den Leuten? Ein schönes Gesindel sind sie, diese Holzhändler. Denken Sie, zwanzig Ruhel der Hektar." — Darauf sagte der Rabbiner bescheiden, dass eine Nachbarin von ihm schon den dritten Tag kein Brot habe und dabei sei noch ein Kind bei ihr erkrankt. Jakob nahm eine wertvolle Silhermünze und gab sie dem Rabbiner mit dem Wunsche, er möge noch viel für jene Arme sammeln. Darauf begleitete er seinen Gast bis zur Thür und kehrte behaglich mit der ihm erwiesenen Ehre ins Nebengemach. Urele war so von der Wohlthat des Jakob gerührt, dass er zu der Armen hineilte, ihr die Silbermünze aushändigte und mit dem Gefühle weggieng, dass der Allgütige immer für seine Kinder sorgt und in jeder Noth Hilfe für sie hat. (Fortsetzung folgt.)

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