Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 21 (23.5.1901)
- Article
- Die Geschichte vom steifen Kragen, von den drei Kreuzen und vom Kampfe der Mütze mit dem Hute
- Date
- 1901-05-23
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die # Welt Nr. 21 Dasein. Da liess man es sich nicht zweimal sagen, denselben mit einem gesteiften Kragen zu bedecken und über die zerknitterte Brust ein weiss gestärktes Vorhemdchen anzulegen. Den arglosen Mädchen lachte das Herz, als sie des schönen Weiss am Halse ihrer Brüder ansichtig wurden; den Kragenaniegern aber selbst ward dabei wunderlich zumuthe, und es durchwehte sie ein beklemmendes Gefühl ihrer Würde, als wenn sie den Hauch eines fernen Landes in sich vernähmen... * III. In Turnowa wurde es rege. Vor manchen Schwellen der Häuser begannen die Leute sich zu häufen und sprachen mit Hand und Mund über die Vermessenheit der Jugend. Im Eifer konnte plötzlich ein Du fallen auch zwischen denen, die sich bisher mit Ihr anredeten, und solch«, die sich immer irn Hintergrunde hielten, traten dabei eine Stufe höher durch den blossen Insfcinct, dass jede derartige Verschiebung nicht mehr gutzumachen sei. An einem Ende der Stadt wurde eine Verlobung aufgelöst, weil der Vater des Mädchens keinesfalls einen Schwiegersohn mit einem neuen Kragen haben wollte, und dort, wo das Unheil selbst einzog, besann man sich, und der Zwiespalt zwischen Vätern und Söhnen wurde würdig nachgeholt. Ein blinder Onkel bat, man möge ihm doch erklären, wie es zugehe, und ein alter Grossvater wehklagte, warum man nicht noch einige Jahre abgewartet habe, bis er diese sündige Erde verlassen haben werde. Godi, der Aufwallende, biss in die Finger seines steifbekragten Sohnes und schwor, ihn solchergestalt zu den Soldaten zu geben. „Du Bösewicht," schrie er, „schämst Du Dich nicht vor Gott und vor Leuten? Taufe Dich lieber und mache allem ein Ende." Und Jechiel Jacob Nathans hatte grossen Aerger, dass er keine Kinder erzeugt hatte; denn wenn er einen Sohn hätte und dieser wollte einen steifen Kragen haben, so würde er, Jechiel, der Sohn Jakobs, der Sohn Nathans, den Turnowaern gezeigt haben, wie man mit dem Satan verfahre. Ein bis dahin ganz irdisches Jüdchen benützte einen neuen Kragen zum Schnupftuch aus frommer Rache. Ein anderer wollte, dass man einen Scheiterhaufen für solche Kragen anlegen solle. Nun aber kostet Feuer Geld und Kragen kosten auch Geld, wäre es nicht gerechter, meinte ein dritter, sie sammt und sonders ins Wasser zu stecken, um ihnen die trotzige Stärke aus dem Leibe zu ziehen? Es galt als ein himmliches Zeichen, dass es am Sabbath, dem Tage, wo man keinen Regenschirm tragen darf, unaufhörlich regnete, so dass die sündhaften Kragen jämmerlich zugerichtet wurden. Raphael der Einäugige spottete über das zwiefache Kragentragen und sagte : „Trage ich Oberschuhe, habe ich doch den Nutzen davon, aber solch ein Oberkragen ist, wie wenn man der Zunge einen Beutel aufsetzte." Und als ihm darauf ein Kragengeist zu erwidern wagte, so etwas sei aber schön, schrie ihn Raphael an: „Schön, schön! Wie heisst, bist Du ein Mädel? Juden haben andere Sorgen, als sich schön zu machen; und dann ist es gar nicht schön; lieber schmieret Euch den Hals mit Kreide an — wie wahr ich lebe, so seht ihr darin aus." Da fuhr Mendele der WTisser dazwischen : „Wenn dies nicht schön wäre, hätten es doch die Deutschen nicht getragen." — „Narrheiten,*4 schalt Raphael, „die Deutschen sind hochmüthige Menschen und wohnen alle in Berlin; hier aber ist Turnowa, unser Turnowa, verstehst Du." „Wir Juden", fügte Nachman der Kranke hinzu, „haben unsern Gott im Himmel, der sich um die anderen Völker nicht kümmert; und hätte Moses einen steifen Kragen getragen, er hätte cie Thora nicht bekommen, da kannst Du sicher sein." Herscheie Kosak ereiferte sich dabei so sehr, dass er vergass. seine Rockärmel, wie üblich, zu verschieben. Dieser wollte einst zum russisch-türkischen Krieg fahren und galt deshalb in solchen Dingen als Sachkenner. Und ein dämlicher Jude mit langem Bart, dessen Grossvater in Leipzig zur Messe gewesen war, betheuerte chronologisch, dass an alldem schon Moses Dessauer*) schuld ist; der war noch ein Stück fromm geblieben und trank womöglich koscheren Thee. Seine Kinder aber giengen bald zur Taufe; denn dieser Art ist die Macht des Satans: man gebe ihm nur den Finger, so erfasst er die ganze Hand. *) Mendelsohn. Dass bald darauf, wie Schlag auf Schlag, das weisse, weltliche Taschentuch das bunte, väterliche zu verdrängen arifieng, konnte nur bestätigen, wie nahe es schon zur ganzen Hand sei . . . Es ist eine alte Ueberlieferung, dass der Messias vor den Thoren von Rom sitze und das Gleichgewicht der Welt dadurch erhalte, dass er immerfort einen Schuh auszieht und den anderen anzieht. Und wie die Turnowaer die urplötzlichen Aenderungen vor sich saher, beschlich sie eine Ahnung, dass nun der Messias einen Schuh verloren habe... IV. Die Welt konnte wirklich aus den Fugen kommen; denn auch im Hause der Thora selbst, beim Rabbiner Urele dem Guten, begann sich der Wunsch nach dem neuen Kragen zu regen. Urele war ein sehr frommer und gottesfürchtiger Mann; und alles, was er that, geschah aus Liebe zum ewigen Vatar, der es immer mit uns gut meint und uns beschützet vom Morgen bis zum Abend. Juden wären noch frommer, wenn sie nicht für Weib und Kind zu sorgen brauchten, und dann ist ja das menschliche Leben so kurz . . . Wenn die Weisen nicht da wären, könnte man sich auch viel verirren, und ist es einst schon dazu gekommen, so streckt Gott wieder seine Hand aus; steht es doch geschrieben, wie schwach der Mensch sei. Deshalb konnte es bei ihm nicht recht gerathen, in frommen Zorn zu kommen, wo er es als Wächter der Thora und ihrer Gesetze hätte thun sollen. Es fiel bei ihm immer sehr schamhaft aus, und er dachte sich: Juden sind ja die auserwählten" Kinder Gottes; wie komme ich, von Erde geboren und zur Erde bestimmt, dazu, einem solchen zu zürnen, der bei allem hundertmal frommer ist als ich. Und dies gieng schon daraus hervor, dass Gott befohlen hat, sich möglichst klein zu machen, und die Demuth der Thora sehr hoch angepriesen ist. Auch Urele hatte Weib und Kind zu ernähren, dafür aber musste der Schöpfer allein Sorge tragen. Und er that es, indem er acht gab, dass die Kinder Israel zu Turnowa den Vertrag, ihre Sabbathlichter nur beim Rabbiner zu kaufen, nicht umgehen sollen, und indem er "ihre Herzen bewog, ihr Thora-Oberhaupt vor allen Feiertagen mit Fisch und Fleisch zu beschenken. Nur hatten die Turnowaer die Gewohnheit, die Lichter meist nicht bar zu kaufen: und wenn sie ihrem Urele etwas bescherten, luden sie sich bald darauf zu ihm ein und verzehrten das Ihre redlich mit Haut und Haar. Der gute Rabbi war dabei rührend vergnügt, denn, erstens war er der Rabbinerin vom Herzen zugethan, und er freute sich, dass ihre trefflichen Künste im Speisenzubereiten so an den Tag kamen, und zweitens wurde ihm dann die Gelegenheit geboten, die Gelehrsamkeit seines Sohnes, Nutels, des guten Kopfs, den Gästen vor die Augen zu führen. Es war dem so, dass, während dieselben in behaglichem Einerlei den Mund -vollstopften, sie eine Weile inne hielten und daran-dachten : wie doch alles in der Welt gegen die Unermesslichkeit der Thora ein Unding sei . . . Der gelahrte Nutel war noch nicht sechzehn und schon seit einem halben Dutzend Jahre mit einem Mädchen verlobt, das er, nach guter alter Sitte, nie gesehen hatte. Er wusste aber von der Bibel her, dass es etwas gebe, das „schön uiid anmuthig von Gesicht und Gestalt sei"; so fiel es ihm beim ermüdenden Studium manchmal ein, dass jenes Mädchen auch so sei . . . Er konnte sich mitunter gar beim Gedanken ertappen: wenn es ihm doch einmal mit der Hand über das Haar führe ... Er log sich aber gleich vor, dass er gar nicht an so etwas gedacht hatte, denn wie durfte er, ein Junge, an ein Mädchen denken? Wäre er bei ihr, dachte er wieder, so möchte er einen neuen Kragen anhaben; das schwarze Halstuch seiner Mutter, das er trägt, ist gar nicht schön, und solch ein weisser Kragen mit dünner Binde ist doch sehr gut. Eines Tages kam Nutel in den Besitz eines schönen Taschentuches. Es war frisch gewaschen und fein geplättet. Die Thüre zur Gaststube nebenan stand offen, niemand war da; er trat ein. Des Tuches Weiss blendete: er faltete es zu einem Kragen zusammen und legte es feierlich um den Hals. Es war Nachmittag; die Sonne drang spärlich durch die hellen Vorhänge; die in Grau verhüllten Möbel vermehrten die Stille, und die gestickten grünen Landschaften schliefen in ihren Winkeln; da begann die Uhr in tiefen Togen zu, Schlagen; eins, zwei, drei. Nutel stand da vpr, dein Spiegel, wunderfremd berührt; es war ihm, wie wenn er weinen wollte ... Als er in die Lehrstube zurückkehrte, hatte er ein anderes Gesicht.. . Sein Vater war soeben vom Nach-