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Die Welt · 1901-05-23 · 21 (23.5.1901) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
21 (23.5.1901)
Article
Die Geschichte vom steifen Kragen, von den drei Kreuzen und vom Kampfe der Mütze mit dem Hute
Date
1901-05-23
Page
13 (sequence 3)
Language
German
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Nr. ^1 „Die & Weit" Seite 13 mittagsschlafe aufgestanden und las laut aus einem kabbalistischen Buche, wie nach dem Sündenfalle die göttlichen Funken sich zerstreut hatten und seitdem überall herumirren ... Nutel hatte keine Ruhe, er musste sich immer den neuen Kragen vorstellen und, weil es ungestört geschah, nahm er sich ein Herz und äusserte von ungefähr, er wolle auch so einen Kragen wie jene Jungen naben. Urele wurde so verzagt, das« er seinen Gürtel verlor. Denkt Euch, Nutel, sein Sohn Nutel, will einen steifen Kragen haben! Und die Väter, die Urväter, alle dreizehn Geschlechter von Rabbis und Heiligen, von denen er und sein Haus stammen, was werden die dazu sagen? Einer seiner Grossväter hatte gesagt, dass von der ganzen Herrlichkeit Gottes nicht einmal Moses alles wüsste, er aber wisse auch vieles — und nun soll einer von dessen Nachkommen einen goischen Kragen tragen! Darüber musste Urele grossen Aerger haben und wirklich in Zorn gerathen. Er erhob auch zum erstenmale seine Hand gegen Nutel. .. Da erinnerte er sich aber, dass es vorgeschrieben ist, einen erwachsenen Sohn nicht zu schlagen . . . * Urele hatte eine Verwandte*; sie hiess Riwele die Fromme. Auch sie hatte starken Kummer, als ihr einziger Sohn, Schimeie der Seidene, einen neuen Kragen anlegte. Der weisse, geplättete Kragen stach aber so sehr vom losen ab, dass sie sich nach und nach gestehen musste, ihr Schimeie sehe dadurch in der That schöner aus. Gott strafe sie nicht dafür. Mutter und Sohn bewohnten eine dürftige Dachstube, die einen Ausblick über die Stadt gewährte. Riwele hatte einst bessere Tage gesehen, als ihr braver Mann noch am Leben war. Jetzt aber nähten sich ihre Hände krank von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, Und während die Mutter die Abendgebete lispelte, pflegte Schimeie am Fenster zu stehen und hin auszuschauen. Da kehrten die hageren Kühe Israels von der Weide und schieden eine jegliche nach ihrem Ort. Schimeies Blick aber war mehr den Schafen zugewandt, die. brüderlich aneinandergedrückt, in Scharen durch die Stadt liefen. An der Kirche erhoben sich schon die weiten Gärten und Zäune der Bauern, wohin sie heimkehrten. Schimeie war noch nie so weit hinausgekommen : er hatte aber Einlass in den einzigen jüdischen Garten in Turnowa, nnd das war der Garten des Jakob. * V. Es lebte in Turnowa ein sehr wohlhabender Mann mit dem Namen Jakob der Deutsch. Man nannte ihn so, weil er sich fein kleidete und seinen langen Bart täglich kämmte. Er war der Einzige in der Stadt, der bei Lebzeiten seine Geschäfte den Kindern überliess und durch die Müsse sich eine gewisse Würde erwarb. Schon sein zweistöckiges, gelbgetünchtes Haus hob sich gänzlich von den kahlen, niederen Häusern der anderen ab; es war auch einzig in seiner Art, da die Fenster sich wie Thüren öffnen konnten, und es besass auch, wie gesagt, den einzigen jüdischen Garten in Turnowa. Haus und Garten lagen am Ende der Stadt, unweit der Kirche. Von vorne führten Steintreppen zum Weinausschank der Kinderm und nach hinten zog sich der lichte Garten, den nur ein schmaler Steig von den schattigen Anlagen der gräflichen Herrschaft schied; dort war auch die äusserste Linie der eigentlichen Stadt und die Grenze zwischen jüdischem und fremdem Boden. Und siehe da, im Garten des Jakob steht ein grünes Kreuz. Unter einem vom Regen abgewaschenen Blechdächlein ist ein dürrer Christus mit Hammer und Leiter angenagelt, und ganz unten brennt beständig ein rothes Lämpchen. Vor einem Jahrzehnt hat man beim Graben des Gartens dort Menschenknochen gefunden. Die Bauern von Turnowa behaupteten, es wären Reste ihres alten Friedhofes und erreichten durch langen Process, dass dort ein Kreuz aufgestellt wurde. Und viele erinnern sich noch dieses Tages, wo alles sich gefürchtet hat, die Häuser zu verlassen. Ein Herbsttag war es. Ein Bischof selbst wohnte der Einweihung bei. Von allen Dörfern ringsumher zogen Priester und Volk. Kirchenfahnen flatterten, und die goldenen Kreuze funkelten. Tausend Kehlen sangen im Chore. Und die Glocken tönten unaufhörlich : kling, klang! kling, klang! Turnowa hat einen Tag des Mittelalters erlebt. Nach dem ersten Schrecken wollte Jakob sich seines Hauses entäussern und in eine andere Stadt gehen. In Turnowa sann man nach, welches Wunder wohl das eingedrungene Kreuz wieder verdrängen könnte. Da kam das strenge Soldat^ngesetz und lenkte eine Zeityang die Gemüther ab. Derweil blieb das Kreuz, auch Jakob blieb. Man soll es den Turnowaern nicht verargen; bei aller Misshelligkeit, die ihnen widerfuhr, kam im Laufe der Zeit in ihre Herzen des Kreuzes halber eine stillschweigende Genugtuung, dass ihr Turnowa doch seine eigene Geschichte habe, welche die anderen Städtchen nicht haben . . . Und sonderbar: von dieser Zeit an fieng das Haus Jakobs zu gedeihen an. Die polnischen Adeligen der Umgegend begannen ihre ständigen Einkäufe dort zu machen; der Weinhandel wuchs, und zum Ausschank vom Fass kam der Verkauf von Flaschen hinzu, die in Reih und Glied in den Glasschränken den Turnowaer wie in einer Apotheke standen. Die Jakobs wurden wohlthätig, hüteten die Gesetze und hielten sich bescheidener als je; der Schatten des Kreuzes aber zeichnete sie und verlieh ihnen eine gewisse Sonderheit. Abraham, der ältere Sohn, gewöhnte sich eine Uebereile in seinem ganzen Thun an, wie wenn jemand an etwas nicht erinnert werden will. Sein jüngerer Bruder Gedalja kroch noch mehr in sich und nahm auf seine Schultern die ganze Arbeit des Hauses. Seine Frau lebte schon lange in einer Irrenanstalt und er hatte von ihr dreizehn reizende Kinder. Gedalja hatte auch einen Schwager, Josef, den Schreiber, der in seiner Art ein grosses Thier war. Dieser Josef war auf den Gedanken gekommen, in der Gemeinde die Sterbefälle der älteren Personen nicht einzutragen und die militärpflichtigen jungen Leute statt; der eigenen die Namen der Todten weiterführen zu lassen. So entstand in den Pässen zu Turnowa eine Langlebigkeit, die in der Gouvernementsstadt auffiel, und man sprach dort den Wunsch au«, nach Turnowa zu übersiedeln, wo man ein ungewöhnlich hohes Alter erreicht . . . Den beiden Söhnen reihten sich drei Schwiegersöhne an: Nachman, Nathan und Nathanael, die für die Schwestern Dina, Deborah und Milka, des Kreuz-Makels wegen, nur durch befreiende Josefs-Pässe angeworben wurden. Eigentlich hätte ein jeder von ihnen auch eine der anderen haben können: die Unterscheidung war wirklich belanglos. Den Abschluss der J?amilie bildete das zierliche Zwillingspaar Benzi und Berl, die wackere Bürschlein waren und sich beim neuen Kragen besonders hervorthaten. Seltsamerweise konnten sie auch ein wenig malen; und es war lustig anzusehen, wie sie auf einem gehobelten Küchenbrette mit Kreide die wunderlichsten Striche machten. Das junge Weibervolk musste immer dabei sein, und von der Nachbarsleuten Kinder war Schimeie der Seidene der beständige Zuschauer. So kam es, dass er sich in eine der schönen Nichten verguckte, und sein Herz begann für sie in Liebe zu schlagen. Razzi, so hiess sie nämlich, war wirklich allerliebst. Sie hatte goldenes Haar und ein goldenes Lachen; und weil sie auch ein goldenes Herz hatte und dem blassen Schimeie sehr gut war, thaten sie sich bald an der Pforte des Kreuzos heimlich sehen.Da sassen sie bei Sonnenuntergang und sch auten einander mit grosser Liebe an. Schimeie hatte keine Worte; und er sehnte sich sehr nach der schönen Hand des Mädchens. Das Bild aber ist Zeuge, dass er sie nie berührt hat. Schimeies Matter konnte zur Zeit den Kragen ihres Söhnchens nicht gehörig plätten, und so verrichtete Razzi diesen Liebesdienst. Sie hatte grosse Freude im Herzen, während sie in heller Schürze mit aufgekrempelten Aermein das heisse Bügeleisen über den feuchten Kragen führte. Es war wie eine Weihe um sie, und die Onkels vermochten es nicht, sie wie gewöhnlich zu necken. Leider erkrankte Schimeie und starb, den letzten Kragen bei seiner Lieben zurücklassend. Razzi konnte es sich schwer denken und schämte sich zu weinen. Das Herz wollte ihr vor Weh zerspringen. Sie hielt krampfhaft den verwaisten Kragen in der Hand und gieng damit zum Kreuze. Die Sonne sank, ein Theil des Himmels war fruerroth und golden; in der Luft herrschte eine fast nächtliche Stille, und es lag: eine Ehrfurcht über den lichten Bäumen, die des fremden Heiligthums Nachbarn waren. Das Kreuz war beschattet und die Füsse des Bildes waren im Schimmer des rothen Lämpchens wie schmerzerfüllt. Razzi sah einmal eine Magd dort niederknieen. Sie aber hatte einen anderen Gott . . . Den eingewickelten Kragen hielt sie noch fest; das Lämpchen glomm; sie nahm die Vorderscheibe ab und legte ihn an die Flamme. Die Sonne war längst untergegangen. Drei Wochen lag Razzi in schwerem Fieber, bis sie zu sich kam. Jene Asche aber des, verbrannten Kragens ruht zu den Füssen des Kreuzes bis auf den heutigen Tag. (Fortsetzung, folgt,)

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