Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-05-23 · 21 (23.5.1901) · p. 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
21 (23.5.1901)
Article
Die Geschichte vom steifen Kragen, von den drei Kreuzen und vom Kampfe der Mütze mit dem Hute
Date
1901-05-23
Page
11 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315927-3397191--26319-3397270
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 21 „Die # Welt'6 Seite 11 Die Geschichte vom steifen Kragen, von den drei Kreuzen und vom Kampfe der Mütze mit dem Hute. Von M. J. Berdyczewski. (Nachdruck verboten.) I. Sittig und gehorsam, in Frieden und in Eintracht lebten die Leute zu Turnowa seit Geschlechtern. Der Lauf der Jahrhunderte, die grossen Giockenschläge der Geschichte und die Kämpfe der Völker brachten in diesem jüdischen Flecken der südlichen Ukraine keine Veränderung hervor. Wozu in aller Welt hätten sie sich ändern sollen? Gott im Himmel ist immer derselbe fürsorgliche Vater; er will, dass ein jeder Jude seine Wege gehe, nach seiner Lehre lebe und nach seinem Willen sich kleide . . . Moses, Jakob, König David und die Richter hatten sich vor Zeiten gekleidet, wie heutzutage der Moses und der Chaim zu Turnowa sich kleiden. Die Propheten sind alle Rabbiner gewesen und haben breite Gürtel getragen, wie man sie heute hat; und Abraham trug einen langen schwarzen Kaftan und las beständig in den fünf Büchern Mosis. Juden sind von jeher fromm gewesen und die Wege ihrer Väter gegangen, wie diese die ihrer Väter gegangen sind. Wusste nicht ein jeder in Turnowa, dass die Ururväter nur deshalb aiis Aegypten erlöst wurden, weil sie ihrer hergebrachten frommen Tracht treu geblieben waren? Nur borgten sich jene Ahnen, sechsmalhunderttausend an der Zahl, .beim Auszuge aus Aegypten die kostbarsten Kleider ihrer Herren, um sie, dem göttlichen Segen gemäss, nie wiederzugeben; was sie wohl mit all dein angefangen haben, weiss niemand bis auf heute. Die Aegypter selbst sind einfache „Goim" gewesen, die mit grossen Wagen Getreide auf den Jahrmarkt fuhren, um es den Juden zu verkaufen; dass diese dort gar schwer gearbeitet und Festungen gemauert hatten, müsse wohl einen anderen Sinn haben, denn wie können jüdische Hände Steine anfassen und Balken schleppen? Fürwahr, Juden haben wichtigere Dinge zu thun, als mir nichts, dir nichts Pithom und Ramses au bauen. Die Tage über kramten die Turnowaer in ihren Geschäften mitr der beschaulichen Gewissheit, dass sie dazu da seien, den Sinn der Welt zu erfüllen. Und wenn der Sabbath kam zum „ewigen Bunde" Gottes mit seinem Volke, that sich in ihnen die „besondere Seele" auf zum Lobe seines Namens und des Namens seines Volkes .. . Dort oben preisen die Engel mit tausend Zungen den Herrn Zebaoth; er selbst aber weilet lieber da unten und freut sic h beim Anblicke seiner Kinder, die in ihren Sabbathkleidern, weissen Hemden und frommen Sammetmützen wie Neuvermählte dreinschauen. Wenn Jakob oder Meschulem dann sagt: Estherl, gib acht auf das Kind, Du trägst einen Juden auf Deinem Schoss, so ist es eine grosse Freude im Himmel, denn was sonst als Juden hat Gott auf der Welt? So lebten die Turnowaer seit undenklichen Zeiten und erfreuten sich des göttlichen Wunders; man fühlte es in der warmen Suppe, im täglichen Brote und in den Schuhen, die lange hielten. Stirbt einer, so weiss man, wohin ergeht und dass ihm im Himmelreiche überall Thür und Thor offen stehen; wird einer geboren, so ist ein Jude mehr in der Welt, der mit sechshundertunddreizehn Geboten gesegnet ist, einer Zahl, so gross, wie die der Glieder und der Muskeln des menschlichen Leibes ist. Die Völker, siebzig an der Zahl, haben im ganzen sieben Gebote und werden nur in der Gesammtheit von den Dienern Gottes verwaltet, während über Israel er alleine wachet und auf jeden einzelnen sein Augenmerk hat. Wenn ein Turnowaer Jüd seine Füsse aufhebt, in ein benachbartes Dorf zu gehen, um Handel zu treiben, geht die Schechinah mit ihm. In den Gebeten heisst es zwar, man sei im Exil; doch bleibt Turnowa für alle Ewigkeit das heimatliche Land. — Und wenn einst die Tage des Messias kommen, die Seelen auferstehen und ihr menschliches Antlitz wieder haben, werden sie alle so aussehen, wie man in Turnowa aussieht, und solche fromme Kleider tragen: fromm sein, heisst ja sich jüdisch kleiden, und wie sollte ein Jude nicht jüdisch gekleidet sein? Freilich gab es auch in Turnowa einige Unterschiede in der Kleidung zwischen Arm und Reich, Alt und Jung und zwischen den Frommen von Beruf und den Frommen des Alltags. Juden sollen auf ihre Art auch nach Ständen unterschieden sein; und es muss nach aussen kundgethan werden, auf welcher Stufe der himmlischen wie der irdischen Leiter der Mensch stehe. Alles in allem aber kleiden sich die Turnowaer stivng jüdisch, zumal, da die redliehe Bescheidenheit es auferlegt, allen Nachbarn in allen Dingen voranzugehen. Wenn auch die Juden der ganzen Welt gleiche Brüder und Kinder desselben Gottes sind, so ist es doch nicht anders, als dass der himmlische Vater zu allererst über Turnowa waltet. So war Turnowa immer die fromme Burg gewesen, wo dem Gesetze kein Haar gekrümmt wurde. Alle löblichen Dinge waren dort an eigener Quelle; und wenn man zuweilen die Augen nach Ost und West, Nord und Süd richtete, so war es nur, um zu wissen, nach welcher Seite man beten soll. Der Sage nach hatte bei der Schöpfung der Welt der Himmel sich noch weiter ausdehnen wollen und immer weiter; da rief Gott dazwischen: Genug, meine Welt! — Was brauchten die Turnowaer mehr, als ihre alten, frommen vier Wände —-- It. Es gibt nichts Ewiges auf Erden. Seit Hören und Gedenken nämlich trugen die Turnowaer weite ungestärkte Hemdkragen, die mit kurzen leinenen Bändchen zugebunden werden. Die sehr Frommen bedienen sich nicht einmal dieser und lassen die ehrbare Brust frei zum Hinweise, wie weit sie der Welt entrückt sind .. . Nur die Männer des Alltags und alle die, die zu besonderer Frömmigkeit keine Zeit haben, binden den Kragen, als gewöhnliche Sterbliche, zu; und diejenigen, die ein Halstuch tragen, wickeln es in einfacher Weise über den Kragen mit der gefälligen Nachlässigkeit, dass der Knoten nach hinten zu sitzen käme. Nun gab es dazumal in Turnowa eine Anzahl stattlicher Burschen, die schöne Schwestern hatten. Sonst wachsen in Israel beide Geschlechter wie in verschiedenen Treibhäusern, und auch da, wo es unter den Mädchen ein wenig modisch hergeht, werden die Jünglinge streng gehalten und müssen naturgemäss unter dem Joche der Lehre schmachten. Die Väter jener Burschen aber waren Leute ohne Herkommen, die sich zu einer knappen Wohlhabenheit emporgeschwungen und auf dem langen Wege, den sie zurücklegen mussten, gelernt hatten, in manchen Dingen clurch die Finger zu sehen. So konnte es geschehen, dass die Jungen nach den thoraunkundigen Schwestern zu schielen begannen; und sie fanden bald Gefallen an ihrem freien Treiben. Es dauerte auch nicht lange, da wurden sie vom weiblichen Putze angesteckt, und sie verstanden sich gar dazu, ihn im eigenen Sinne in die männliche Region zu übertragen. Noch machte sie der schwere Ernst der Buchstaben, die beim Studium des Talmuds sich rechts und links vor ihnen auftürmten, zaghaft in ihrem Bestreben; wie aber zu den Schwestern sich ihre Nachbarinnen gesellten und die Sphäre der Anmuth voller wurde, da gieng man ans Werk, indem man das missliche dicke Halstuch zusammenpressen lernte, und darüber den Kragen hübsch glatt legte. Zu guterletzt sann man auch darauf, das Tuch in Streifen zu zerschneiden, und man konnte damit zu der ersehnten dünnen Halsbinde gelangen. Jene traditionellen Bändchen aber schlängelten sich noch an den Ecken der feinen Halsbinde, wie Ueberbleibsel einer anderen Welt, und bereiteten dem verfeinerten Geschmacke ein ausgesprochenes Unbehagen. So mussten die Armen eines Tages unter die Schere kommen; — und an der Stelle, wo sie jahrhundertelang wurzelten, wurden kleine, zierliche Hemdknöpfchen von den zarten Händen der Schwestern in lieblicher Fröhlichkeit angenäht. Es geschah an einem Freitag; die Hemden waren frisch, die Gemüther vom Badehause noch warm, und draussen wehte der erste Frühlingswind. Es frohlockte unter den Jungen; man machte einander Besuche mit grösserem Anstände unH hiess sicli willkommen, indem man statt des üblichen stummen Grusses sich zum erstenmale die Hände gab. Turnowa erlebte den ersten gestörton Sabbath; die Leute waren wie vom Himmel gefallen. Schuster und Schneider und überhaupt Handwerke]", die zum Kern Israels nicht mitzählen, konnten hie und da sich dergleichen erlauben, wer hätte es aber glauben können, dass wirkliche Juden und feine jüdische Kinder die heidnischen Knöpfe an ihren Hemden befestigen werden? Man sah ein, dass es nicht mit rechten Dingen zugehe, denn bereits standen die Raben auf den Dächern. So lagen die Dinge in Turnowa, als jene stattlichen Burschen, von den Mitbürgerinnen ihrer Schwestern noch mehr angeeifert, einen weiteren Sprung wagten. Der lose Kragen nämlich, wenn auch über die Halsbinde gezogen^barg noch inanche Falle, und weil er vom Schlafnemd nicht getrennt war, konnte er nicht lange halten und führte in den letzten Tagen der Woche ein düsteres

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.