Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 20 (17.5.1901)
- Article
- Königin Judith
- Date
- 1901-05-17
- Page
- 12 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 12 „Die 2& Welt*« Nr. 20 Kronios lehnte sich in die weichen Felle seines Divans zurück. Die Räucherschale dampfte, und die Caraffe vor ihm mit der blutrothen Flüssigkeit wurde leerer. „Trinke!u sagte er, ihr Glas füllend. „Ich trinke nicht mehr. Der zweite Schluck würde mir schal schmecken." Er sah sie mit loderndem Blicke an. „Wohei hast Du diese Sprache, Mädchen? Du redest wie Frauen meines Standes." „Eures Standes?" Sie schüttelte das Haupt. „Ein edler Freund meines Vaters — hundertjährig ist er gestorben — hat mich gelehrt, die Worte zu setzen. Worte sind Perlen, pflegte er zu sagen; schlecht gefasst verlieren sie an Wirkung ..." „Wer war dieser Mann?" „Sie sagten, er sei ein berühmter Rabbiner aus Syrien gewesen. Dort hatte er Zerwürfnisse und musste fliehen. Er trieb sich lange in der Welt umher. Alt und krank ist er eines Tages zu uns gekommen; damals lebten noch meine Eltern ..." «Also daher die morgenländischen Glutfarben Deiner Rede." „Ich lese auch viel in der Bibel." „Und berauschest Dich an der Vergangenheit Deines Volkes. Aber jetzt sollst Du Dich an der Gegenwart berauschen, Judith." Er erhob sich, legte den Arm um sie und sah in ihr Gesicht. Sie bewegte kaum die Wimpern. „Wollt Ihr Euch nicht auf Euren früheren Platz begeben, Herr? Habt Ihr keine Harfe?" „Eine Harfe? Nein, aber einen Flügel, doch Du kannst sicher nicht Musik darauf machen." „Nein, auf keinem Instrument. Ich wollte die Harfe auch nicht in meinen, sondern in Euren Händen sehen." „In meinen . . .?" „Ihr erinnert mich an David. Euer goldenes Kleid, Euer Gürtel--" „Du meinst den König, der die Psalmen erfand?" „Den meine ich, ja; er hatte alles, nur eins nicht. . ." „Was war das?" „Hunger." „Ah! Wahrhaftig! Aber siehe, ich bin nicht David, ich habe Hunger . . . nach Dir." Er kauerte sich neben den Perlmutterstuhl, auf dem sie sass. „Wollt Ihr nicht auf Euren früheren Platz gehen, Herr?" „Nein, Judith." „So zeigt mir etwas Hübsches." „Das will ich." Er schlang den Arm um sie. Sie blieb unbeweglich sitzen. „Ich dachte, Ihr seid ein reicher Herr; Ihr habt also bloss eins zu zeigen." Seine Augen lohten auf. Der erhobene Arm glitt herab. „Verstehst Du Dich auf Juwelen?" „Ich glaube." Er erhob sich und brachte ein goldenes Kästchen mit köstlichem Geschmeide und Edelsteinen her." „Woher habt Ihr das alles?" „Geerbt, geschenkt erhalten." „Es sind schöne Steine. Wer wird sie nach Eurem Tode besitzen?" Ein Schatten flog über Kronios* Gesicht. „Ich weiss nicht; das ist mir auch gleichgiltig." „Mir wäre es das nicht. Wenn ich stürbe, müsste ich alles mit mir nehmen, was ich im Leben liebte, selbst den Rubin, der an Freudentagen meine Stirne geschmückt hat. Aber nehmt die gleissenden Steine fort, sie ermüden meine Augen." Er schob das Kästchen weg; sie erhob sich. „Das Gemach ist schön, aber zu warm. Man möchte glauben, ein Greis wohnt hier,4-' Kronios' Brauen schoben sich zusammen. Eine seltsame Sprache führte dieses Mädchen. Sie stand in der Mitte des Zimmers in ihrer hohen, schlanken, starren Grösse und sah um ^ich. Etwas Fremdes umgab sie, etwas Herrisches. Noch kein Weib hatte hier mit dieser Miene gestanden. Alle hatten gebebt, gejauchzt, geweint auf diesen seidenen Pfühlen, gerichtet hatte noch keine. Er sah stumm auf sie. Ein Neues, ein Typus, den er noch nicht kannte. Oder war es kein Typus, nur eine Einzelerscheinung? In jedem Falle war er ihr dankbar. Eine noch unerklungene Note . . .! „Wozu habt Ihr so viel Schmuck in diesem Zimmer? Damit es verblendet, nicht wahr?'4 „Judith,'* sagte er erstaunt und schlang den Arm um sie. Seine Stirne stand in gleicher Höhe mit der ihren. „Bist Du gross!" „Seht Ihr das erst heute? Ja, von dem Schmuck sprachen wir. Warum schmückt Ihr das Zimmer so, in dem Ihr — Siege feiern wollt? Ich an Eurer Stelle..." Sie lachte, mit einem tiefen, heissen Lachen. „Was würdest Du?" fragte er, den Athem anhaltend. „Hinaus mit all den Herrlichkeiten, den Teppichen und Fellen, den silbernen Dreifüssen und goldenen Schränkenen, hinaus mit den Duftschalen; nichts als dürftige Kahlheit dürfte hier sein, aber in ihrer Mitte würde ich stehen, ich, ich, ich, und der Sieg würde vor mich hinknieen und meine Füsse küssen ..." Ihr Antlitz brannte in weisser Blässe. Seine Nüstern flogen, das Herz in seiner Brust schrie vor Glück und Erstaunen. „Königin Judith, komm," stammelte es mit erstickter Stimme. „Wohin?" „Hier herein .. ." Er schlug einen goldgestickten Vorhang zur Seite. In rosafarbenen Scheinen lag ein Raum da. dessen Mitte ein Lager einnahm, schimmernd in weisser Seide ui.d Purpurstoffen. „Euer Schlafgemach. Ein Aufgebot von Glanz! Ihr braucht ihn also überall. Er ist Eure Krücke. Ohne ihn ..." „Meinst Du," fragte er flammend, „man erkennt den König auch ohne Krone?" „Dann thut sie doch weg." „Aber die meisten wollen ihn nicht ohne sie." „Wer sind diese?" „Deine — Schwestern." „Ich habe keine Schwester." Sie reckte sich höher. Das war anders, als er sichs vorgestellt hatte. Ganz anders. Dieses Mädchen, die Jüdin vom Acker der Zilla! „Königin Judith," murmelte er, in heissem Entzücken seine Blicke über sie gleiten lassend. „Königin ohne Krone im Arbeitskittel . ♦ Und er dringender: „Judith!" „Ihr bettelt!•< „Mädchen!" Seine Blicke lohten zornig auf. Dann, um ihrer Herrlichkeit ein Ende zu machen, der Herrlichkeit, die einen lähmenden Zauber auf ihn ausübte, flüsterte er ihr ein Wort ins Ohr. „Schlafen gehen? Ja. Aber zuvor lasst mich mein Nachtgebet beten, wie ich allabendlich thue." Ehe er das spöttische Wort aussprach, das er aussprechen wollte, hatte sie sich mit ausgebreiteten Armen zu Boden geworfen. „Herr des Himmels, tränke mich mit Deiner Kraft, damit ich hart werde wie der Keil Deines Grimmes, der die Burgen der Feinde zerschmettert! Herr des Himmels, erhitze mich am Feuer Deiner Flammen, damit ich werde wie Dein sengender Blitz, der die ehernen^Herzen Deiner Hasser zerschmilzt! Herr des Himmels, giesse Deinen Sturm in mich, der mit reissenden Händen die Stärke Deiner Widersacher zu Boden streckt!" Sie erhob sich mit geschlossenen Augen und begann sich zu entkleiden. Zuerst die groben Lederschuhe, dann das graue Gewand, dann den rothen Rock der Ljubnerinnen. „Schmücke meine Stirne mit dem Edelstein Deiner Wachsamkeit, denn ich bin machtlos, siegle meine Lippen mit dem Kuss des Herrschers, der sich tränket aus unberührten Gewässern!" Das letzte Stück fiel ... Mit dem weissen Gesichte und den geschlossenen Augen streckte sie sich auf das Lager des goldenen Kronios. Ihr grobes Hemd, das die keusche Brust bis zum Halse verhüllte, blickte befremdend aus dem Spitzengeriesel der seidenen Pfühle. Ihre Hand hob sich langsam zum Haupte, um die Nadeln aus dem Haare zu ziehen. In seinem dunklen Reichthum quoll es nieder. Und nun lag sie da in ihrer ganzen wehrlosen Jungfräulichkeit, mit dem weissen Gesichte und den geschlossenen Augen, auf der Stirne einen Zug übermenschlicher Hoheit,