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Die Welt · 1901-05-17 · 20 (17.5.1901) · p. 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
20 (17.5.1901)
Article
Königin Judith
Date
1901-05-17
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 20 „Die 3§r Welt6* Seite 11 Sie redete mit fast niemand. Bei den paar Glaubensgenossen in Ljubne achtete man sie um ihres Schweigens und ihrer Arbeitsamkeit willen. Als Kronios nachhause kam, ein leises Brennen auf seinen Wangen, überraschte ihn eine Depesche, die ihn in eine Raserei der Wuth versetzte. Ein Onkel von ihm war in Agram gestorben, und die Verwandten erwarteten ihn zum Leichenbegängnis. Da der Onkel schon todt war, nützte es nichts, ihm noch hunderttausend Tode auf den Hals zu wünschen. Kronios liess einpacken und fuhr nach der weit gelegenen Bahnstation. Unterwegs hatte er dem Kutscher befohlen, den Weg durch Ljubne zu nehmen------ Der Onkel war in die Gruft seiner Väter gesenkt worden. Darauf folgten verschiedene Feste, wie es in jener Gegend nach Begräbnissen üblich ist. Bei einem gemeinsamen Ausritt, den Kronios mit seinem Vetter machte, scheute sein Pferd und schleuderte ihn ab. Er hatte keinen weiteren Schaden genommen, nur das Schlüsselbein gebrochen. Verzweifelnd vor Unmuth liess er sich zu Bett bringen und tyrannisierte vierzehn Tage lang seine Umgebung auf die erfinderischeste Weise. Nur manchmal zog es wie der Schein eines Friedens, einer kommenden Seligkeit über sein Antlitz, dann wurde er ruhig... Judith schritt, ein Päckchen unterm Arm, auf der schmalen Strasse längs des Waldes dahin. Sie hatte in Uika, dem nächsten Orte, einiges Geschäftliche zu besorgen. Am Himmel zogen schwere Wolken herauf, und sie gieng rascher, um noch vor Anbruch der Nacht und des Gewitters zurück zu sein. In Uika erledigte sich alles zu ihrer Zufriedenheit. Frohgemuth begab sie sich auf den Heimweg. Es dunkelte bereits stark, und ein näher schallendes Grollen liess das heraufziehende Gewitter ahnen. Nun galt's noch das letzte Stück Weges. In einer Stunde konnte sie zuhause sein. Da raschelte es neben ihr und ein grosser, grauhaariger Alter trat ihr in den Weg. „Gott lohne Dir Deine Schönheit,* grüsste er. Sie erwiderte nichts, denn Entsetzen lähmte ihre Zunge. Der Alte — im Dorf gieng die Rede, er sei ein verkleidetes Weib — war das langjährige, erprobte Werkzeug Kronios', wenn dieser Gewaltthätiges vorhatte. Sie sah dem Grauen starr in die Augen und begann zu laufen. Aber schon nach wenigen Schritten hatte er sie ergriffen. „Wozu das?* sagte er mit leiser Verächtlichkeit. „Du weisst, sein Wunsch läuft schneller als Wind und Welle. Er verlangt nach Dir, also wehre Dich erst nicht, es wäre vergeblich." Sie wusste, dass dies richtig sei. . Deshalb schalteten die Mädchen in ihrer Litanei ein: „Und vor dem Teufel von Mostar bewahre uns, o Herr!" Wo hätte sie, das arme Judenkind, Hilfe oder Schutz suchen sollen? Nachher vielleicht ... sie presste die Zähne zusammen. Ein Schreien nützte da nichts. Beim ersten Laut, den sie von sich gegeben hätte, würde das seidene Tuch, das er bereit hielt, ihren Schrei erstickt haben. Sich zur Wehre setzen half ihr auch nichts, denn seine grobknochigen Händen waren den ihren an Kraft überlegen. So liess sie sich widerstandslos auf das im Dickicht harrende Pferd heben, das er hinter ihr bestieg. Sie galoppierten fort. Nach einer Zeit, die ihr schnell wie ein Augenblick und doch endlos wie eine Ewigkeit erschienen war, hielten sie. Ein steinernes Gebäude erhob sich vor ihnen. Ringsumher herrschte tiefes, nur von lautlosen Blitzen unterbrochenes Dunkel. Ihr Begleiter hob sie vom Pferd und trug sie durch das Portal, über eine Treppe. Hier legte sich ein Arm sanft um ihre Schultern. Sie schlug die Augen auf. Eine Frau in reichen Gewändern geleitete sie zärtlich über einen mit Teppichen bedeckten, halbdunklen Gang. Am Ende desselben stiess sie eine Thüre auf und zog Judith in ein Gemach. Aus einem silbernen Waschbecken duftete laues, mit kostbaren Blumenessenzen durchtränktes Wasser ihr entgegen. „Wasche dir den Staub von der Stirne, mein Lämmchen," bat die Frau, „hier ist ein Kamm, hier Nadeln, hier Kleider/ Sie wies auf einen Haufen seidener Gewänder, die auf niedrigen, türkischen Divans ausgebreitet lagen. Eine rothe Lampe liess die Juwelen daran funkeln. „Ich lasse Dich zehn Minuten allein. Nach dieser Zeit komme ich und hole Dich hinüber zu Deinem glücklichen Gebieter, der vor Ungeduld nach Dir schmachtet/ Die Frau verschwand hinter eine/ Portiere. Als sie nach zehn Minuten wieder erschien, stand Judith noch an derselben Stelle, im selben Kleide, kalt, herb, unbeweglich. Das Weib erröthete vor Zorn. „Warum gehorchtest Du nicht?" fragte es. „Du solltest Dich ja umkleiden." Judith antwortete nicht. Da nahm sie die Frau an der Hand, führte sie durch mehrere matt erleuchtete Prunkgemächer, schlug endlich einen schweren Vorhang zur Seite, liess ihn hinter dem Mädchen herabgleiten und verschwand ... / Zuerst ward's Nacht vor Judiths $ugen . . . Eine von Duft und Wärme geschwängerte Atmosphäre drang ihr entgegen. Dann erblickte sie in dunkelblauen Sammt gekleidete Wände, Sofas mit weichen, gleissenden Fellen, eine bronzene Räucherschale, von der Duftwolken aufstiegen, einen gedeckten Tisch, von Silber und Krystall blitzend, und endlich--ihn. Er trug einen kurzen, gelbseidenen Rock, von einem Scharlachfarbenen Gürtel um die Mitte gehalten. Seine Füsse staken in hohen, mit Spangen geschmückten Schuhen, Und die Füsse bewegten sich und trugen ihn ihr näher... „Judith!" Ein Flüstern wie von Geigen ... Ein Duften wie von Rosen aus den Sultansgärten am blauen Bosporus, ein Rauschen von Seide . .. Hinsinken hätte sie müssen oder sich die Haare ausraufen vor Verzweiflung. Sie schlug die Augen zu ihm auf. Zum zweitenmal sah er diese Augen auf sich gerichtet, und der Schauer von neulich durchrann ihn wieder. Sie war so weiss wie die Gardenien im Kruge, die dort dufteten. Das Haar über ihrer Stirn knisterte verrätherisch. Und die Augen brannten wie in Todesglui. Wahnsinn ergriff* ihn. Er fasste ihre Hand. Sie war eisig. Dann trat er zum Tisch und goss eine pu-purne Flüssigkeit in ein Glas. „Trinke, Judith, Du sollst warm werden." „Nein, ich trinke nicht." Uod wie er langsam das Glas zurückstellte, trat sie ihm einen Schritt näher. „Ich will doch trinken, Herr, gebt mir das Glas/ Er reichte es ihr froh. „Und diese Früchte, diese Früchte, locken sie Dich nicht? Pfirsiche aus Marseille, Trauben aus Tokay, Nüsse aus dem Kaukasus. Darf ich Dir eine Mandarine schälen? Sie sind heute aus Granada angekommen. Willst Du nicht platznehmen? Hier! * Sie hatte das Glas Cypernweins langsam geleert. „Ja, ich will platznehmen, aber nicht neben Euch, Euch gegenüber, damit ich — Euch besser sehe." Vor seinen Augen begann es zu sprühen. Sollte" er, sollte er . . . das letzte Capital zuerst zu lesen beginnen? Aber er wusste aus Erfahrung, dass man sich durch den überstürzten Genuss seiner Lieblingsspeise um den Geschmack daran bringt . . . Nein, er wollte sich bezähmen, er, er . . . „Stolze Bäuerin," sagte er, um den Sturm seines Innern zu beschwichtigen, „stolze Bäuerin, warum hast Du die Kleider verschmäht, die ich dir hinlegen liess?" „Ich habe mich noch nie mit getragenen Gewändern geschmückt." Ein Blitz der Freude fuhr über sein Antlitz. „Du hast Rasse/ „Dieses Kleid ist fast neu," sie sah an sich herunter, „und es ist meine Lieblingsfarbe/ „Silberweiss und Hellgrau. Liebst Du denn nicht Roth, die Farbe der Liebe?" „Ich liebe nicht die Liebe, die roth ist." „Alle Liebe ist roth." „Nein, Herr, es gibt eine Liebe, die weiss ist, die verschwiegene, meertiefe .. „Judith!" Seine Augen griffen nach ihr. „Du, Du bist ein köstliches Weib. Weisst Du es?tt „Ich habe über mich nie nachgesonnen. Seit meine Eltern todt sind, musste ich viel arbeiten, und früher war ich ein Kind, dem ein Apfel mehr zu denken gab, als sein eigen Ich."

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