Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-05-17 · 20 (17.5.1901) · p. 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
20 (17.5.1901)
Article
Königin Judith
Date
1901-05-17
Page
13 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315926-3397017--26197-3397116
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 20 Die Welt" Seite 13 Sie hatte etwas Erschreckendes an sich, Flammen, die man nicht sah, aber fühlte. Kronios stand reglos in der Mitte seines Gemaches. Ihm war, als röche er Weihrauchduft, als tönten Orgelklange um ihn . . . als sei er wieder ein Kind, das an der Seite des Urossvaters im vergoldeten Betstuhl der Kronios in Mostar sass. Er wollte lachen und konnte nicht, er wollte — Mann sein und brachte es nicht weiter, als dass er vor dem bleichen Weibe, das auf seinem Lager ruhte, aufs Knie sank. Sie legte ihre Hand: auf sein Haupt. „Betest Du nie zu Nacht, Kronios?" Er antwortete nicht, er konnte nicht, Er neigte sein Haupt unter ihrer Hand. Und auf einmal quoll heisses Weh in ihm auf ... ein wildes Sehnen nach etwas. Er schob rauh ihre Finger herab und stand auf. Sein Fuss stiess an einen ihrer groben Schuhe. Er wollte lächeln. Er fuhr mit der weichen, juwelengeschmückten Hand über das rauhe Tuch ihres Rockes, um zu sich zu kommen, um sich zu erinneen, dass ein irdisches Weib, ein Weib mit klopfendem Blut in den Adern, auf seinem Lager ruhte; aber die kalte Majestät, die von den Pfühlen dort ausging, lähmte seine Bemühung. Er trat ans Fenster und legte die Stirne an die Scheiben. Seine Gedanken glichen eben noch blühenden Blumen, die ein Sturm ausgerissen hat. Sie wirbelten in seinem Kopfe herum, er konnte keinen von ihnen haschen, sich erklären. Er legte die Hände an die Schläfen. Und plötzlich wandte er sich um, in erwachendem Grimm. Er stürzte an das Lager. Sie ruhte unbeweglich in ihrer vorigen Stellung, athmender Marmor. „Judith/' schrie er mit aufblitzenden Augen, „zitterst Du nicht vor mir?44 Da schlug sie langsam die Wimpern auf. „Nein, Kronios, warum sollte ich Euch fürchten?" Ihr Bück durchdrang ihn mit der Ernsthaftigkeit und Reinheit eines betenden Kindes. Seine Hände glitten schlaff herab. Er senkte die Stirne. Und dann, nach einer Pause, tönt es leise, ganz leise, als schäme sich das Wort seines Zeugers: „Steh' auf, Mädchen!'* Er trat wieder ans Fenster. Ein grauer Schimmer stieg über den Wäldern empor. Die Bäume begannen ein leises Zwiegespräch. Der Tag fieng an zu erwachen. Sein Tag von Damaskus ... Plötzlich fühlte er eine Hand auf seiner Schulter. Die Bäuerin vom Acker der Zilla stand vor ihm. Das Tuch lag wieder züchtig auf ihrem Haupte und verbarg ihr Haar. Ihr weisses Antlitz blickte ihm ruhig entgegen. „Lebt wohl, Kronios!" „Da gehst," sagte er hochaufathmend und starrte sie an. „Fürchtest Du Dich nicht? Noch ist es fast Nacht." „Ich fürchte nichts." „Weisst Du wo hinaus?" „Nein." „Dann ... Du ... Du gehst also wirklich? " Um seine Lippen zuckte es. „So komm, komm!" Er schritt ihr voraus durch eine Reihe schwach erhellter Gemächer. Zuletzt öffnete er eine Thüre. Sie führte auf eine steinerne Treppe, die ins Freie gieng. „Lebt wohl," sagte Judith. „Nein, warte . . . ich will Dich geleiten," er sprang ins Zimmer zurück, riss den seidenen Stoff, der einen Di van bedeckte, an sich und hüllte seine Schultern darein. „Und noch etwas, hier in diesem Kasten . . . warte," das Schloss gab dem Druck seines Fingers nach, „hier ist eine Pistole, für den Fall, dass Du eine unliebsame Begegnung hast; sie ist geladen ... es ist Nacht, vertheidige Dich, weisst Du auch den Weg? Zwei Stunden zuerst steil, dann sachte , . ." „Ich kenne Eure Wälder, Kronios, als Kind spielte ich oft in der Nähe Eures Schlosses." Sie öffnete die Thüre und trat hinaus. Er folgte ihr. „Ein Stück lass mich an Deiner Seite gehen . . ." Und als sie unten waren, gab er ihr die Richtung an, die sie einschlagen sollte. Und dann schritt er noch eine Weile neben ihr hin. „Nim kehre ich um. Königin Judith!" Sie standen einander gegenüber. „Eine letzte Bitte! Lass mich . . . Deine Lippen küssen, Mädchen ]" Ihre Augen lohen auf. „Ich bin kein Mädchen. Seit acht Tagen bin ich das Weib des Jussuff." Er taumelt zurück. Jetzt kann er das Königliche ihrer Reinheit erfassen, das bewusste Tragen ihres Scepters ... „Warum sagtest Du mir das nicht früher?" „Weshalb hätte ich es thun sollen?* Ihre Augen blitzen. „Nur eine Wissende konnte Dich überwinden, Kronios." Ein zitterndes Roth strömt in sein Gesicht. Er möchte sie niederschlagen und gleichzeitig die Sohlen an ihren Schuhen küssen. Mit abgewendetem Gesichte sagt er: „Leb wohl, Judith!" Und dann ganz leise: „Du hast ihn wohl lieb . . . sehr lieb? . . ." „Ja, ich liebe ihn." Die ganze einkrallende Sinnlichkeit und schamrothe Keuschheit, mit der nur ein jüdisch Weib lieben kann, zittert aus ihrer Stimme. „Und er wird Dir . . . diese Nacht . . . glauben . . Da schreit sie auf. Diese Nacht — glauben! O Gott! Wenn er es nicht thut . . . wenn nicht, daran hat sie noch nicht gedacht, nein. Ihre Augen weiten sich, sie beginnt zu laufen . . . wenn er ihr nicht glaubt, wenn nicht . . . wenn nicht . . .! Jener Teufel, der sie um ihr Glück gebracht hat, um ihre verschwiegene, weisse, meertiefe Liebe, weil sie seinen Augen behagte!! Kurze, abgebrochene Schreie stösst ihr Mund aus, das Tuch gleitet von ihrem Haar die schwarzen Strähne flattern um ihre Stirne ... sie ist ganz Nerv, ganz Stöhnen, ganz zuckendes, schreiendes Leben, Hass. tobender, besinnungsloser, ekstatischer . . . Plötzlich wendet sie sich und eilt zurück, ein Stück'Weges und noch eins . . . dort, dort steht er an einen Baum gelehnt, ein Lächeln 'der Sehnsucht um die Lippen ... sie kreischt auf, wirft die Arme empör, reisst ihre Waffe heraus und schiesst ihn mitten in die Brust. „Königin Judith!" Aus seinen brechenden Augen trifft sie ein Blick heisser Liebe, der ersten Liebe des goldenen Kronios . . . ftus dei) \)epeii)ei). Voranzeigen. Wien. (Allgemeiner Jüdischer Arbeiterverein.) Jeden Samstag Vereinsabend mit Vortrag oder Discussion. Gäste stets willkommen. (Im Saale der „Jüdischen Toynbee-Halle", XX., Webergasse 13.) Beitrittsanmeldungen und Zuschriften sind zu richten an Colle^en Jacob Hammer, Schriftsetzer, IL, Praterstrasse 13. Fuldas stattfindende Schewuoth-Fest wurden hervorragende Kräfte* gewonnen, und gibt sich für diese Veranstaltung bereits lebhaftes Interesse kund. Das Reinerträgnis ist bekanntlich den nothleidenden jüdischen Arbeitern in Palästina gewidmet. (Näheres unter „Tribüne"). Berichte. Wien. Der „Verein zionistischer Frauen und Mädchen in Fünfhaus" hielt am Donnerstag den 5. April seine erste General-Versammlung ab, in welcher folgende Damen gewählt wurden: Frau Dr. Hermine Kornfeld als Präsidentin, Frau Fanny Weiss, Fr. Dr. Marianne Rosens-tadt, Frl. Anna Walter und Ida Bondy, Fr. Minna Baad, Dr. Olga Kadis ch, Anna Bier er, Anna Pick und Josefine Kahane. Frau Baad, welche eine Wiederwahl als Präsidentin nicht mehr annahm, dankte im Namen des scheidenden Ausschusses. Frau Dr. Olga Kadi sc h berichtet hierauf über den Olmützer Parteitag und damit verbunden über das Programm unseres nächsten Vereinsjahres. Wien. Der Einzelverein „Favoriten" des Verbandes „Zion" veranstaltete am 30. v. M. eine ausserordentliche Plenar-Versammlung, die den Zweck hatte, einige Vereinsgeschäfte zur Erledigung zu bringen und die Mitglieder des Vereines mit den Ergebnissen des Olmützer Parteitages bekannt zu machen. In den Vereinsvorstand wurden die Herren Dr. Kraus, M. Polaczek und Dr. Schwarz neugewählt. Der Obmann Dr. Rosenthal konnte die Functionäre sämmtlicher jüdischen Vereine des Bezirkes begrüssen und betonte in seinem Belichte die Nothwendig-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.