Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 17 (26.4.1901)
- Article
- Einiges über die Frage der nationalen Jugend-Erziehung in Palästina
- Date
- 1901-04-26
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 17 „Die # Welt?8 Seite 7 behalten, wie ich auch andere Gedanken nicht für mich behalten habe, die gewissen beliebten Anschauungen der jüdischen Oeffentlichkeit wider den Strich gehen: Wer hören will, der höre, und wer nicht, der ]ass' es bleiben. — Thatsächlich zweifelte ich aber selber, ob ich dadurch dem Bestände und der Entwicklung des Instituts nicht Schaden anstatt Nutzen bringe. Eine langjährige Erfahrung hat mich den Unterschied zwischen einer jeden guten Absicht und der Art ihrer Verwirklichung erkennen und daher die Vorsicht dem Eifer vorziehen gelehrt. Diese Erfahrung habe ich um den Preis vieler schmerzvoller Stunden gewonnen, und ich kann sie nicht von mir weisen — am allerwenigsten in diesen Zeiten, wo jeder Tag mich mehr und mehr in ihr bestärkt ... Es ist leicht, uns im Gedanken auszumalen : Auf diesen und jenen Grundlagen wollen wir die Anstalt errichten, diese und jene Anordnungen wollen wir bezüglich der Leitung treffen, solche und solche Leute wollen wir mit der Arbeit und mit der Aufsicht betrauen. Aber wenn es erst gilt, die Sache ins Leben zu rufen, da werden vor allem A. und B. kommen und ihre Wohlmeinung im Namen „vieler Zionsfreunde" abgeben, nachher werden X. und Y. ebenfalls ihre Bemerkungen im Namen des ,ganzen Volkes" vorbringen; diese sowohl wie jene werden Beachtung finden, und allmählich wird der Plan auf dem Wege zur Verwirklichung seine Gestalt so sehr ändern, dass er schliesslich kaum mehr zu erkennen sein wird. Deswegen sagte ich mir: In einem kritischen Zeitpunkte wie dem jetzigen, wo das ganze Colonisationswerk in grosser Noth ist und sich Verwirrung aller Herzen bemächtigt hat, ist es besser, die Anstalt bleibt vorläufig in den Händen der „Alliance", unter Bedingungen, die mit dem Interesse der nationalen Erziehung wohlvereinbar sind, als dass wir ihr Schicksal von der Meinung jener wetterwend sehen Oeffentlichkeit abhängig machen sollen, von der wir bisher noch niemals wahrgenommen haben, dass sie etwas Rechtschaffenes hervorgebracht hätte . . . Die Leser aber, die die obigen Ausführungen wohl erwogen haben, werden mir vielleicht zustimmen, dass bei Einhaltung der oben angeführten drei Bedingungen den hauptsächlichsten Uebelständen, die aus diesem Doppelbesitze entspringen könnten, wirksam vorgebeugt ist. Es ist den Lesern bekannt, wie gross der Einfluss des Directors in den Schulen der „Alliance" ist; der Einfluss der Lehrer bedarf nicht erst eines Hinweises. Wenn also der Director und die Lehrer (oder die Directrice und die Lehrerinnen) zu ihrer Anstallung unserer Zustimmung bedürfen werden und überdies auch der Hauptlehrer fürs Hebräische an der Leitung theilhaben wird, wenn ferner der Lehrplau im Einvernehmen mit uns geregelt werden wird, so sind alle Vorbedingungen für eine Entwicklung der Anstalt in unserem Sinne gegeben, und ich kann es wahrhaftig nicht für ein besonders grosses Uebel ansehen, dass die „ Alliance" der Schule ihren Namen leiht, der einen guten Schutz abgibt gegen die Meinungsattentate aller möglichen Rathgeber und Besserwisser aus unserer Oeffentlichkeit. Ob die „Alliance14 auf diese Bedingungen eingegangen wäre? Ich denke: wohl, vorausgesetzt, dass wir sie bloss hinsichtlich der Mädchenschule gestellt hätten. Denn, wie ich schon einigemale hervorgehoben habe : hier ist der Gegensatz zwischen ihr und uns kein innerer, wesentlicher. Wir verlangen hier nicht zuviel, und sie kann in unseren Forderungen keinen thatsächlichen Widerstreit mit den Anforderungen des Lebens erblicken Schliesslich würde sie ja, wenn man,ihr die Sache richtig auseinandersetzte, zugehen müssen, dass es immerhin besser ist, die Jaffaer Mädchen sprechen hebräisch und lesen hebräische Bücher, als dass sie Jargon sprechen und Hintertreppenromane amerikanischer Herkunft lesen, ja selbst als dass sie französisch sprechen und französische Bücher lesen sollen, die ihren Verhältnissen durchaus nicht angepasst sind und in keinerlei Contact stehen zu ihrem harten künftigen Leben im Hause ihrer Ehemänner, der Handwerker oder Taglöhner. Bekanntlich nahm jedoch das Comite meinen Vorschlag bloss mit einer kleinen Aenderung an: anstatt für die Mädchenschule allein, bestimmte es die Subvention und stellte es die Bedingungen für beide Anstalten. Dadurch wurde nun leider die Sache in ihr Gegentheil verkehrt. Denn das war vorauszusehen, dass die „Alliance" bezüglich der Knabenschule derartigen Bedingungen, die den materiellen Zweck dem idealen unterordnen, niemals zustimmen werde. Und in der That, die „Alliance" gieng auf die Bedingungen nicht ein. Sie hatte es auch gar nicht nöthig; denn das Odessaer Comite erschrack gewaltig vor der öffentlichen Meinung, und da es Angst hatte, es möchte ihm selber nicht möglich sein, die Schulen zu Beginn des Jahres zu eröffnen, so dass diese — was Gott verhüte — noch einige Zeit geschlossen blieben: übergab es beide Anstalten der „Alliance", setzte seine Subvention für beide aus und gab seine Bedingungen bei beiden preis — vorläufig auf ein Jahr. . . Nunmehr, nach allen den Compromissen und Verzichtleistungen, wird es nicht möglich sein, nach Ablauf des Jahres die Verhandlungen mit der „Alliance" auf Grund ebenderselben Bedingungen wieder aufzunehmen. Es gibt nur noch drei Möglichkeiten: Entweder bleiben beide Anstalten der „Alliance" überlassen, oder es werden ihr beide abgenommen, oder aber das „eine Jahr" wird ins Unendliche prolongiert. Es gibt wohl noch eine vierte Möglichkeit: Wir überlassen der „Alliance" die Knabenschule und nehmen ihr die Mädchenschule ab. Allein ich kenne unsere „öffentliche Meinung" viel zu gut, als dass ich ihr zutraute, sie würde etwas so „Absurdes", eine solche „verkehrte Massregel" zulassen. Da uns nun zur Uebernahme der beiden Häuser die nöthigen Mittel, zu ihrer völligen Preisgebung aber der nöthige Muth fehlt, so ist es sehr wahrscheinlich, dass das einjährige Provisorium weiterbestehen bleiben wird, als eines jener „Interims", die unsterblich sind.*) Dem sei wie immer: das „Beth Hasepher" in Jaffa, welches wir in unseren Träumen geschaut haben, existiert nicht, diese bemitleidenswerten Anstalten aber, die jetzt wie ein Spielball von Hand zu Hand fliegen — was sind sie in der Gegenwart, und was können wir von ihnen in der Zukunft erwarten?! . . . Wenn ich dessenungeachtet mir erlaubt habe, vor dem Lesepublicum über die Schulen viel mehr Worte zu verschwenden, als ich je über weit bedeutendere Dinge aufgewandt habe, so habe ich es wahrlich nicht um der Schulen willen gethan, sondern um des schönen, unerfüllten Traumes willen, um der lieblichen, *) Zur Zeit, da die Leser diese Ausführungen — die vor der General-Versammlung der „Chowewe Zion" in Odessa geschrieben und zum Druck befördert worden waren — zu Gesichte bekommen werden, wird es vielen von ihnen schon bekannt sein, dass diese Versammlung beschlossen hat, nach Ablauf dieses Jahres der „Alliance" beide Anstalten abzunehmen und mit deren Leitung und Verwaltung eine Speciaicommission zu betrauen. Nun habe ich mich schon einmal über den Wert eines solchen „eigenen Organs" geäussert, und ich wünsche sehnlich, die Erfahrung möchte mich Lügen strafen. Immerhin kann ich es nicht unterlassen, meiner Betrübnis darüber Ausdruck zu geben, dass die Entscheidung über eine solche Frage, die die öffentliche Meinung nahezu ein halbes Jahr lang beschäftigte und eine ganze Literatur hervorrief, auf den letzten Moment verschoben wurde, als die meisten auswärtigen Theilnehmer bereits abgereist waren, so dass die Entscheidung ohne vorherige gründliche Erörterung, in aller Eile und Uebereilung getroffen werden musste.