Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-04-26 · 17 (26.4.1901) · p. 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
17 (26.4.1901)
Article
Einiges über die Frage der nationalen Jugend-Erziehung in Palästina
Date
1901-04-26
Page
6 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315923-3396466--25796-3396560
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite G „Die # Welfr iNr. 17 geschont habe als die Knabenschule. Bei der Knabenschule liegt der Urgrund des Uebels in der Sache selbst, d. h. in den Daseinsbedingungen der Anstalt, und es ist ganz unmöglich, eine Besserung in dem Sinne herbeizuführen, dass die Schule ihrem nationalen Zweck gerecht werde; es sei denn, die Lebensverhältnisse in Jaffa würden sich ändern, was ja nicht von uns abhängt. In der Mädchenschule aber haben wir es bloss mit zufälligen, rein äusserlichen Uebelständen zu thun, die nach und nach zu beseitigen nicht besonders schwer fallen müsste; darum haben wir nicht das Recht, einen solchen Jungbrunnen unserer Sprache und der nationalen Erziehung leichtfertig zu verschütten, der schöne Hoffnungen für die Zukunft erweckt, wenn auch seine Anlange unansehnlich sind. Sowohl im Leben des einzelnen Mannes, wie im Leben einer Gesammtheit begegnet es uns zuweilen, dass etwas, das zu Beginn irgendeiner Thätigkeit als die Hauptsache gegolten hat, später der praktischen Erfahrung nicht standhalten kann, und demgegenüber das, was anfangs bloss zufällig, gleichsam im Vorbeigehen, geübt worden ist, sich späterhin als viel nützlicher erweist, sodass es an die Stelle jener „Hauptsache'' tritt, die die Erwartungen getäuscht hat. Aehnlich ist es mir in Bezug auf meine Stellung zu den beiden Schulen in Jaffa ergangen. Wie allen Freunden dieser Institute, ist auch mir stets die Knabenschule als die Hauptanstalt und die Mädchenschule als blosses Anhängsel zu ihr erschienen. Als ich aber diesmal nach Palästina kam und den wahren Sachverhalt kennen lernte, musste ich meine Anschauungen über diesen Punkt von Grund aus ändern und der Erziehung der Mädchen in jeder Hinsicht den Vorrang zuerkennen. Als ich mich in Jaffa aufhielt, wurde mir der Vorrang der Mädchenerziehung in Hinsieht auf ihre Möglichkeit klar; denn während die nationale Erziehung der Knaben in den Städten auf Hindernisse stösst, deren Beseitigung uns nicht möglich ist, steht uns nichts im Wege, die Mädchen in den Städten in unserem Sinne zu erziehen. Und als ich die Colonien bereiste, erkannte ich die grössere Wichtigkeit der Mlidchenerziehung auch im Hinblick auf ihren Nutzen, als eines Mittels zur Erreichung unseres Zieles. Unwahr sind alle Zeitungsberichte * über das Wiederaufleben der hebräischen -Sprache in den Coionien. Es gibt keine einzige Colonie, von der man sagen könnte, dass das Hebräische dort als Umgangssprache, der Erwachsenen und als Muttersprache der Kinder herrsche. Bloss in den Familien der Lehrer können wir diese Erscheinung ganz und voll wahrnehmen, weil die Lehrer einen grossen Theil des Tages daheim verbringen können und das Ideal der Wiederbelebung unserer Sprache ihr ganzes Geistesleben ausfüllt. Ueberdies sprechen auch ihre Frauen meist hebräisch und sind den Männern auf diese Weise bei der Erziehung der Kinder behilflich. Die Colonisten jedoch, auch diejenigen, die die hebräische Sprache kennen und deren Wiederbelebung anstreben, sind ja tagsüber auf dem Felde beschäftigt, während die Kinder mit der Mutter daheimbleiben, welche in einer fremden Sprache zu ihnen spricht. Daher ist es nicht zu verwundern, dass in allen Coionien noch immer der Jargon unbeschränkt vorherrscht; wenn ich den Gesprächen der Kleinen in Haus und Hof lauschte, schlug zumeist der Klang dieses Idioms an mein Ohr — ganz wie in den Städten unseres Ansiedlungsrayons. Alle Bemühungen der Lehrer, den Jargon auszumerzen und das Hebräische an seine Stelle zu setzen, sind ausserhalb der Schulmauern fast ganz fruchtlos, da die Muttersprache der Kinder diesen Bestrebungen hindernd in den Weg tritt. Bloss eine Colonistenfamilie kenne ich, in der die hebräische Sprache allein herrscht und von den Kindern als ihre natürliche Muttersprache von allem Anfange an benützt wird — und in dieser Familie ist es die Frau, die die Sprache kennt und pflegt, während die Kenntnisse des Mannes im Hebräischen nicht sehr gross sind und er, wenn ich nicht irre, auch das Wenige, das er weiss, sich erst angeeignet hat, nachdem er diese Frau geheiratet hatte. Auf Grund dieser und ähnlicher Erscheinungen gelangte ich zu einer völligen „Umwertung der Werte" in dieser Beziehung, und wenn man mich jetzt fragte: Knaben oder Mädchen, welche von beiden sind fdr die nationale Erziehung wichtiger? — so würdeich antworten: Wenn beide Geschlechter zugleich im nationalen Sinne erzogen werden können, so ist es freilich besser; wenn aber die Kräfte zu gering sind und für beide nicht ausreichen, dann sind die Mädchen unbedingt vorzuziehen. Eben deswegen konnte ich mich mit dem Gedanken nicht aussöhnen, dass auch die Mädchenschule der „Alliance" überlassen werde und keine Spur darin bleibe von der nationalen Erziehung, um derentwillen sie geschaffen wurde. Indessen muss ich gestehen, dass ich lange gegen eine innere Neigung gekämpft habe, die mich antrieb, auf das Comite der „Chowewe Zion" dahin einzuwirken, dass es diese Anstalt den Händen der „AUiance" ganz entziehe und die Leitung uud Verantwortung selbst übernehme. Dies würde keineswegs besonders grosse Opfer erfordert haben, wenn sich die geeigneten Personen gefunden hätten, die die Anstalt richtig zu leiten und den Unterricht nach Stoff und Methode mit dem Daseinszweck der Schule in Einklang zu bringen verstünden. Denn welche Anforderung stellt unser Zweck an die Mädchen-Ei Ziehung? Gewiss nicht die, dass die Mädchen — mit der „Alliance" zu sprechen — besonders „gelehrt" seien, vielmehr dass sie zu verständigen jüdischen Müttern herangebildet werden sollen, die den Willen haben, ihre Kinder in unserem Sinne zu erziehen, und die das Verständnis haben für die richtige D jrchführung ihres Willvns. Zu diesem Zwecke genügt es, dass man sie lehre, richtig hebräisch zu sprechen und zu schreiben, ihnen eine allgemeine und klare Vorstellung von unserer Literatur und Geschieh'e vermittle und ihnen schliesslich auch allgemeine Kenntnisse, die der Entwicklung des Iutell«?cts förderlich sind, in einem Ausmasse beibringe, wie es einer jüdischen Mutter aus dem Volke ansteht. Wozu soll ihnen das Französische dienen? Jedenfalls genügt es vollauf, wenn sie es erst in den höheren Jahrgängen und in geringem Masse lernen, damit sie sich in dieser Sprache zur Noth verständlich machen können. Für einen so eingeschränkten Lehrplan genügen — selbst wenn wir Handarbeiten hinzunehmen — fünf bis sechs Jahre. Hauptsache ist, dass die Lehrer verstehen sollen, dieses Wenige in geeigneter Weise vorzutragen, damit es wie ein Saatkorn wirke, das, in den Boden gesenkt, von selbst aufgeht, und dass sie die zarte Pflanze sorgsam warten sollen, auch nachdem sie ihnen entwachsen ist. Wenn wir die Erhaltungskosten einer solchen kleinen Schule massig veranschlagen, belaufen sie sich auf etwa 15,000 Francs jährlich. Ein solches Opfer dürfte man wohl für einen neuen Versuch wagen, wie er seit der Zerstrcuvng des jüdischen Volkes noch nicht gemacht worden ist: für den Versuch, ein Heer jüdischer Frauen auszurüsten und sie vor uns her zu schicken, damit sie für die Erhaltung unseres Volkes, seines Geistes und seiner Sprache uns vorankämpfen . . . Allein trotz all meiner innigen Zuneigung für diesen Plan und trotz all meiner Sehnsucht, ihn verwirklicht zu sehen, that ich meinen Gefühlen Zwang an und versuchte es nicht, den Plan dem Comite zu unterbreiten. Nicht etwa, als hätte ich mich an die altjüdische Regel gehalten, „nichts vorzubringen, was kein Gehör finden dürfte". Allerdings war zu. vermuthen, dass auch dieser Vorschlag — die Mädchenschule vorzuziehen — unter jene Dinge gehören mag, „die kein Gehör finden dürften". Doch hätte ich um dessentwillen allein meinen Gedanken nicht für mich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.