Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Article
- Die Juden in Jerusalem
- Date
- 1901-04-12
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 15 „Die # Welt" Seite 3 Aber was vermag in ein solches Ghettoleben mehr Licht und Sonnenschein zu bringen, als die Schule? Sie beschlossen deshalb, dort Schulen zu gründen. Und die Juden in Jerusalem? Haben sie riichtdiesen ihren Wohlthätern dafür dankbar die Hände gedrückt? Haben sie sich nicht nach Kräften bemüht, jenen entgegenzukommen, um ihnen ihr Unternehmen zu erleichtern, es eher gelingen zu lassen? — Mit nichten! Die dahin vorausgeeilte Kunde von deren Vorhaben rief dort einen Sturm der Entrüstung hervor. Es kam in der dortigen jüdischen Welt allenthalben eine gährende Bewegung zum Ausbruche. Man versammelte sich in den Synagogen, hielt flammende und begeisterte Reden gegen Schule, Bildung u. s. w., man hob mit Nachdruck die drohende Gefahr hervor, die die Einpflanzung eines solchen Giftbaumes, wie es die Schule ist, in ihrer Milte bedeuten würde. Schule bedeutet die Taufe, schrie man; ein Jude, der in einer anderen Sprache als im Jargon schreiben kann, ist schon kein Jude mehr, er ist ein Atheist! Und schliesslich protestierte man tapfer und energisch gegen die ungeheure Frechheit der „Deutschen", sich einem unberufen mit Schulen aufzudrängen, um die unschuldige Jugend zu verderben. Das hinderte zwar nicht, dass dort einige Schulen doch gegründet wurden; aber in eine Schule gehören zwei Dinge: Bänke und Schüler. Erstere konnte man sich leicht anschaffen, aber letztere nicht Denn die dortigen Rabbiner, Gemeinde- und Kolelimvorsteher stimmten in ihrer Abneigung gegen die Schule sonderbarerweise miteinander überein und suchten mit allen Mitteln und Mittelchen den Schulbesuch zu verhindern. Ein jeder Vater, der es wagte, sein Kind in die Schule zu schicken, wurde in Acht und Bann erklärt, bekam keine „Chaluka" — und die Schulbänke blieben leer. Zwar reizte es dann einige Väter, die in der Gemeinde wenig Achtung genossen, eine magere „Ghaluka" bekamen und daher wenig zu verlieren hatten, ihre Kinder in die Schule zu schicken, dadurch sich mit den Rabbinern und Vorständen in Conflict zu setzen, um sich wichtig und interessant zu machen. Aber das konnte der Schule keineswegs zum Vortheiie gereichen. Das schlechte Beispiel, das diese Schüler hatten, die feindselige Begegnung, die sie überall antrafen, musste ihr kindliches Gemüth verderben, ihre Väter und Lehrer mussten sie innerlich geringschätzen, weil sie dieselben von der ganzen Welt geringgeschätzt und verachtet sahen. Einen Ehrgeiz konnten sie keineswegs besitzen; nur ihr kindlicher Trotz wurde ausgebildet. Dass unter solchen Umständen die Lehrer und die Leiter der Schulen mit dem besten Willen keine Musterschüler ausbilden konnten, ist klar. Und die Gegner der Schule? Nicht genug, dass sie durch ihr starres reactionäres Verhalten und durch ihre Feindseligkeiten das alles verursachten — sie wiesen jetzt hämisch auf die Schüler hin und sagten mit unschuldig-frommer Miene: „Seht Euch doch die Zöglinge dieser Schulen an! Hatten wir nicht recht, gegen die Schule zu sein?" — Nein, Ihr hattet nicht recht, gegen die Schule zu eifern! Weshalb gienget Ihr nicht mit den ernsten, Euch wohlwollend gesinnten Männern Hand in Hand? Unter Eurem Schutze hätten sich wohl Bildung und Judenthum vereinigen können, und die Schulen wären Musterschulen geworden. Aber Ihr hattet in Eurer blinden Wuth gegen das „Neue" das Gute vom Schlechten nicht unterscheiden wollen. Nach der bisherigen Schilderung der Entwicklung der dortigen jüdischen Gemeinde lassen sich nun die gegenwärtigen Zustände und Verhältnisse der dortigen Juden leicht errathen. Auf dem culturellen, geistigen w ie auf gewerblichem Gebiete liegt alles brach. Auf der einen Seite erblicken wir zwar manchmal eine kleine Anzahl liberaler Männer, die schüchtern und zögernd für Bildung, Aufklärung und Unabhängigkeit auftreten; dafür aber sehen wir auf der anderen Seite ihr gegenüberstehen eine ungeheure Majorität starr reactionärer, bildungsfeindlicher Männer, die zum Verderben der ganzen Gemeinde die Gewalt in Händen haben und diese gegen Bildung und Aufklärung, vor allem aber gegen Unabhängigkeit anwenden. Anstatt für die unglücklichen Handwerker oder kleinen Gewerbetreibenden zu sorgen, die sich mit ihrer Goncurrenz gegenseitig verzehren; anstatt zu sorgen für die Jugend, die verwildert und zugrunde geht; anstatt endlich für die Befriedigung des Bildungstriebes der jetzigen reiferen Jugend zu sorgen — der Jugend, die mit dem bisherigen, dem Tode ähnlichen Leben, das ihre Väter fristen, nicht zufrieden ist, der Jugend, die nicht mehr, wie bisher, mit ohnmächtigem Widerwillen den Druck lächerlichen Fanatismus einerseits und den ihnen mit Unrecht zugeschriebenen entehrenden Schimpf schnorrerischen Sinnes andererseits ertragen will — anstatt dessen beschränken sie ihre ganze Thätigkeit auf Nichtsthun! Denn sie schlafen; und wenn sie eine Thätigkeit entfalten, so ist sie meist negativer Natur, so zum Beispiel zu verhindern, dass die nach Bildung strebende Jugend — man höre und staune! — ja nicht die dort vorhandene hebräische Bibliothek besuche und dergleichen. Was bewirken sie dadurch? Die meisten jungen Leute, die nur etwas Sinn für Bildung haben und nach einem menschenwürdigen Dasein trachten, verlassen Jerusalem; und diejenigen Unglücklichen, welche frühzeitig das Joch der Ehe auf sich geladen haben, schmachten unter den Drangsalen der gegenwärtigen Verhältnisse, ohne Hoffnung auf Besserung ihrer Lage. Nun sind wir, nachdem wir auch die gegenwärtige Lage in ihren charakteristischen Zügen kurz schilderten, wieder an die erste Frage angelangt, welche Mittel am besten imstande wären, diese Lage zu verbessern > Zugleich drängt sich uns aber auch die Frage auf: Wodurch können wir eine vollständige Aenderung der dortigen eigentümlichen Zustände bewirken? Mit anderen Worten: Welche Mittel sind imstande, dieses Abhängigkeitsverhältnis, in welchem die dortige jüdische Gemeinde zu der übrigen jüdischen Welt steht und welches ihre selbstständige Entwicklung und Entfaltung hemmt und fast unmöglich macht, endgiltig zu lösen? Man sieht, dass unsere Thätigkeit sich nach zwei Richtungen hin erstrecken muss: erstens für die Besserung der gegenwärtigen Lage zu sorgen, die schon vorhandene Krankheit zu heilen; und zweitens zu sorgen, dass die Ursachen, die diese Lage herbeigeführt haben, abgeschafft, respective deren Entstehen in Zukunft verhindert werde : neue Krankheiten nicht entstellen zu lassen. Kurz, wir müssen der dortigen alten Generation helfen und dort eine neue Generation auf erziehen. Um dieser doppelten Aufgabe gerecht zu werden, müssen wir folgende zwei Mittel anwenden: I. Alle in den verschiedenen Ländern vorhandenen Unterstützungs-Gomites für Jerusalem schliessen sich zum Zwecke gemeinsamer Thätigkeit zu einem Haupt- Gomite zusammen. Dieses entsendet eine Gommission, bestehend aus Mitgliedern aller Gomites, nach Jerusalem, um dort 1. die verschiedenen Unter-Gomites, die sogenannten Kolelim, aufzuheben uud anstatt deren e i n Haupt-Untercomite, ein Kol-Hakolelim in der Stadt