Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Article
- Die Juden in Jerusalem
- Date
- 1901-04-12
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „Die £ Welt" Nr. 15 einzusetzen, welches aus von allen Mitgliedern der Gemeinde gewählten, keiner Unterstützung bedürftigen Männern bestehen muss; 2. die Vermögens Verhältnisse annähernd, dagegen die Zahl der Köpfe aller dortigen Familien genau festzustellen, ohne Unterschied der Landesherkunlt oder Spraci e und mit Ausschluss aller der Unterstützung nicht bedürftigen Familien; und 3. die für den dortigen Lebensunterhalt einer einzelnen Person nothwendigen Kosten in Anschlag zu bringen. Haben wir das, w as, wie jeder sieht, nicht unmöglich ist, erreicht, so haben wir dann zwei Wege: Entweder theilen wir die Juden in Jerusalem in zwei Kategorien ein, in solche, die erwerbsunfähig und solche, die erwerbsfähig sind. Erstere bekommen den nach Massgabe der eingelaufenen Gelder ihnen zufallenden Theil zum directen Lebensunterhalt, und für letztere werden mittels des anderen Theiles der Gelder Eiwerbszweige gegründet. Oder es findet eine nach Massgabe der Vermögensverhältnisse gleichmässige und gerechte Vertheilung statt. Die Willkürherrschaft hat aufgehört, und die Gelder schmelzen nicht mehr ein. IL Hebung und Weckung des Geistes und des Selbstbewusstseins unter der dortigen jungen Generation. Nur auf echt jüdischer Basis gegründete Volksschulen, in denen die hebräische Sprache als L e h r- und Umgangssprache getrieben wird und den Schülern zugleich eine moderne Volksschulbildung beigebracht wird, wobei die Religion auch nicht die geringste Einbusse zu erleiden braucht, Averden den Geist der dortigen Jugend zu heben und ihr Selbstbewusstsein zu wecken vermögen; sie werden sie ein Ghaluka-Leben verachten und ein freies und unabhängiges Dasein lieben lehren. Und in diesem Geiste und mit diesem Selbstbewusstsein grossgezogen, wird es eine Generation sein, die der Hilfe anderer nicht mehr bedürfen und sich selbst zu helfen wissen wird. Mit der - alten Generation in Jerusalem werden wir nichts ausrichten können — mit der jungen alles. Die Bedeutung von Katheder und Kanzel für die nationale Erziehung. Von Rudolf Nassau. Zwei Pflichten hat der Mensch gegen sich: die Pflicht der Selbsterhaltung und die Pflicht der Selbstveredlung. Diese Pflichten obliegen nicht nur dem einzelnen Individuum, sondern auch der Gesammtheit eines Volkes. Will ein Volk leben und gedeihen, will es seine geschichtliche Aufgabe voll und ganz lösen, dann muss es bestrebt sein, die Bedingungen seines nationalen Seins zu erfüllen, seine immanenten geistigen und sittlichen Kräfte auszubilden, und muss für deren freie, ungestörte Entfaltung sorgen. Ein Volk, das dies verabsäumt, gibt sich selbst auf und geht an der sittlichen Schwäche seiner Massen zugrunde, weil es das Vernunftgesetz der nationalen Selbstveredlung und das Naturgesetz der Selbsterhaltung missachtet. Die Assimilations-Juden des Westens haben im verflossenen Jahrhundert schwer an sich und ihrem Volke gesündigt. Indem sie das Gift der Assimilation in alle Poren des Volksorganismus dringen liessen, ward ein oft erbärmlich-verächtliches, aber stets unjüdisches Geschlecht erzeugt, das, losgelöst vom nationalen Boden, ohne inneren Halt, im nationalen Verrath seinen traurigen Lebenszweck erblickte. Es ist hoch an der Zeit, zu retten, was noch zu retten ist. Die junge, heranwachsende Generation hat das verderbenbringende Gift noch nicht eingesogen. Sie kann und muss vor dem Schicksal schimpflicher nationaler Entartung bewahrt werden, sie darf und wird der Welt nicht mehr das Schauspiel einer bis zum Aeussersten getriebenen nationalen Selbstverneinung und Selbstverleugnung bieten. Drei Stätten hauptsächlich sind es, die berufen und geeignet sind, das mühevolle Werk der nationalen Erziehung der Jugend anzubahnen und glücklich zu Ende zu führen : das Elternhaus, die Schule und die Kanzel. So lange uns eine jüdische Schule nicht zur Verfügung steht, muss vom Katheder aus diese nationale Erziehung im Religions~Unterrichte in Angriff genommen werden. Eine Verquickung von Religion und „Politik8 und daraus resultierende Collisionen mit den Principien der Schulgesetze sind nicht zu befürchten; denn „das Judenthum ist keine passive Religion, sondern eine active Erkenntnis, welche mit der jüdischen Nationalität organisch verwachsen ist". (M. Hess, Rom und Jerusalem.) I. Ob der heutige Religionsunterricht die jüdische Jugend an unseren Mittelschulen auch wirklich „religiös" erzieht, ist sehr zweifelhaft. Dass er ihre nationale, also auch jüdische Erziehung total vernachlässigt, ist ausser Frage. Es ist unbestreitbar, dass er zumeist Öder, todter Buchstabenunterricht, ein gedankenloses Durchpeitschen des vorgeschriebenen Lehrstoffes ist. Das ist im Unterrichte in der hebräischen Sprache nicht weniger der Fall, als in der jüdischen Geschichte. Man kann sich kaum eine sinnlosere Unterrichtsmethode denken, als die heute an den Mittelschulen beim Unterrichte in der hebräischen Sprache fast allgemein befolgte. Ohne Rücksicht darauf, dass den Schülern im Hebräischen oft die elementarsten Kenntnisse mangeln, dass diese Schüler kaum ein Dutzend Vocabeln und gar keine Grammatik kennen, werden Sprüche Salomos, Psalmen Davids oder der Prophet Jesaias übersetzt, und zwar werden in den oberen Classen 15—20 Capitel jährlich durchgepeitscht. Diese kläglichen Uebersetzungsversuche, deren Nutzen nach jeder Richtung hin gleich Null ist, müssen in ein leeres, sinnloses Auswendiglernen deutscher, meist unverstandener Sätze ausarten. Dass bei einer solchen Praxis, bei so minimalen Vorkenntnissen von einem tieferen Eindringen in den Geist der Sprache keine Rede sein kann, ist evident. An diesen Uebelständen ist aber nicht die Mittelschule in erster Linie und allein schuld. Der ganz oberflächliche, durchaus unzulängliche, oft gar nicht obligatorische Unterricht an der Volksschule, bringt es mit sich, dass die Schule nicht nachholen kann, was im Elternhause versäumt wurde. Die für Mittelschulen geltenden Bestimmungen über die Aufnahmspiüfungen aus Religion sind auch nicht darnach, respective werden zu wenig streng gehandhabt, um im elterlichen Hause oder in der Volksschule einen gründlichen Unterricht zur Notwendigkeit zu machen. Tritt nun der jüdische Knabe ohne die nöthigen Sprachkenntnisse in die Mittelschule, dann ist bei dem heutigen Lehrplane, bei der geringen Stundenzahl — l—°2 Stunden wöchentlich — bei dem verschiedenen Schülermaterial, bei der ganzen Lehrmethode jede Möglichkeit ausgeschlossen, dass er unter dem Einflüsse der Schule seine Lücken ausfülle. Es ist vielmehr eine bekannte Thatsache, dass die früheren Lehrer und die Eltern bei dem die Mittelschule verlassenden Abiturienten, wenn er wirklich schon, ein weisser Rabe, hebräische Sprachkenntnisse in die Mittelschule mitbrachte, nie einen Zuwachs, fast ausnahmslos aber eine erschreckende Abnahme seiner Kenntnisse constatieren können. Jedes selbstbewusste Volk hütet und pflegt seine Sprache als seinen kostbarsten heiligsten Schatz. Wir Juden des Westens haben aus dem nationalen Jungbrunnen der Sprache nicht geschöpft, sondern haben ihn muthwillig und gewaltsam zum Versiegen gebracht; die Schätze der jüdischen Literatur blieben ihnen verschlossen, die gewaltige Geistes- und Culturarbeit unseres Volkes fand keine Be-