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Die Welt · 1901-04-12 · 15 (12.4.1901) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
15 (12.4.1901)
Article
Die Juden in Jerusalem
Date
1901-04-12
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite I „Die £ Welt" Nr. 15 Juden, gelangt sind, um daselbst erst aufzuerstehen. Um dem armen todten Körper die nicht geringen Strapazen einer solchen Höhlenreise zu ersparen, reisten viele Tausende hin, in Palästina zu sterben und dort auch begraben zu werden. Dass derartige Beweggründe damals mehr auf die armen und alten, schon abgelebten Leute, die mit dem Leben und der Welt so ziemlich abgeschlossen hatten, wirken konnten, ist klar. Diese Leute konnten keinen Handel mehr treiben und keinem Gewerbe mehr nachgehen, wovon sollten sie nun in ihrer neuen Heimat leben? Die nächsten Verwandten oder Bekannten oder auch Fremde mussten für ihre Existenz sorgen. Und die thaten es auch. Ja, sie thaten es sogar recht gerne; denn sie erblickten in den Besiedlern der heiligen Stadt die Märtyrer und Träger auch ihres Ideales: Konnten sie auch diesem Ideale, das im Bewohnen des Heiligen Landes bestand, nicht persönlich nachgehen, so wollten sie wenigstens durch Geldopfer dazu beitragen, dass andere ihm nachgiengen, dass es durch andere verwirklicht wuide. Dies und der ohnehin bei den Juden ausgeprägte Wohlthätigkeitssinn lür Arme schufen den Ankömmlingen in der neuen Heimat eine recht behagliche Existenz. Aller Daseinssorgen enthoben, hatten diese Leute nichts anderes zu thun, als ihren religiösen Pflichten nachzugehen, möglichst viel auf den heiligen Orten zu beten, an den Ruinen der Stadt den Untergang unseres alten Reiches zu beklagen — und etwas anderes thaten sie auch nicht. Dass nun solche Leute, wie sehr cie auch ihres Opfermuthes wegen Anspruch auf Ehrung machen können, in einem neu entstehenden Gemeindekörper, der zu seiner Entwicklung vor allem der Hilfe arbeitsfreudiger und thatkräftiger Männer bedarf, eben nicht die besten Elemente sind, wird wohl ein jeder zugeben. Aber wem wird es einfallen, etwas anderem als den damaligen verhängnisvollen Umständen die Schuld dafür zuzuschreiben, dass im Anfange die jüdische Gemeinde in Jerusalem aus lauter solchen Leuten bestand-— dass dieser Anfang so kläglich war? Hatten etwa die Reichen nicht richtig gehandelt, da sie ihre dortigen armen Brüder unterstützten, oder hatten diese Armen kein Recht, die Unterstützungen anzunehmen P Und doch haben diese Unterstützungen die erste Grundlage für die spätere „Chaluka" abgegeben. Eben diese Unterstützungen haben auch das eigentümliche Abhängigkeitsverhältnis der dortigen Juden von ihren Brüdern im Auslande geschaffen, ein Verhältnis, das für die zukünftige Gemeinde die morscheste Grundlage abgeben musste und auch abgegeben hat. Aber wie der Anfang, so die Mitte, so das Ende. Das ruhige Leben und die in materieller Hinsicht gesicherte Existenz unserer ersten Gemeindemitglieder in Jerusalem bildeten bald einen Anziehungspunkt für viele, die in ihrer Heimat nicht arbeiten wollten oder arbeiten konnten. Waren die ersten Besiedler aus patriotischen oder religiösen Gefühlen dahingereist, so strömten jetzt viele Tausende hin aus Sehnsucht nach einer behaglichen Existenz. Die junge Gemeinde bekam einen Zuwachs an Elementen, um den man sie nicht gerade beneiden konnte. Ueberdies wurde durch sie fast ein jedes Land vertreten, und ein jedes Land wollte nur für „seine" Leute sorgen. In den verschiedenen Ländern bildeten sich unabhängig voneinander Unterstützungs- Comites, die dann einzeln von Unter-Comites sich in Jerusalem vertreten Hessen. Dadurch bildeten sich die verschiedenen „Kolelim" in der Stadt aus. Dieser Umstand mag für den ersten Augenblick unbedeutend, ja ganz harmlos erscheinen, blickt man aber etwas tiefer, so sieht man, dass er der Jerusalemer Judenschaft zu einer unheilvollen Quelle des Uebels wurde. Denn ist schon für eine jede beliebige Gemeinde nichts verderblicher, als die Entstehung von kleinen Körperschaften in ihrer. Mitte, die, einen Zerfall und eine Zersplitterung der Kräfte bedeutet und eine Brutstätte für Streitigkeiten und Zerwürfnisse aller Art schafft, so musste ein solcher Zerfall in kleine gesonderte Körperschaften, wi'e es die Kolelim sind, für die Gemeinde in Jerusalem noch viel verderblicher und unheilvoller werden; denn sie war zusammengesetzt aus Leuten, die aus verschiedenen Ländern herstammten und bei denen ohnedies schon Gegegensätze aller Art bestanden, Gegensätze, die durch das innige Zusammenleben mit der Zeit ausgeglichen worden wären, die aber jetzt sich noch schärfer ausprägten und nach verschiedenen Seiten hin ausbildeten. Wer in die dortigen internen Verhältnisse ein bisschen eingeweiht ist, der wird schon davon ein Wörtchen zu sagen wissen. Hatte nun dieser Zuwachs, der den gleichen Anspruch auf die nach Jerusalem gelangten Unterstützungsgelder machte, die frühere sichere Existenz der dortigen Gemeindemitglieder mehr oder weniger erschüttert, musste daher ein jeder, der nicht von einer Seitenquelle einen Zuschuss bekam, nach einem kleinen Gewerbe sich umsehen, wodurch er sich dann noch hätte ernähren können, so musste das Zuströmen vieler neuen Tausende, das nach der bekannten grausamen Ausweisung der Juden aus Russland oder infolge der unmenschlichen Unterdrückungen in Rumänien erfolgte, für sie ein wahres Unglück bedeuten. Denn mit der erheblichen Zunahme von jüdischen Einwohnern, die Jerusalem durch diese Einwanderungen erfuhr, hielt die Vermehrung der Armengelder keineswegs gleichen Schritt. Jeder aber musste Unterstützung bekommen. So musste es denn nur auf Rechnung der früheren Armen geschehen. Besonders hatten die Angehörigen derjenigen Kolelim darunter am meisten zu leiden, welche den grössten Zuwachs an neuen Gliedern bekommen hatten. Aber das war nicht das einzige. Die neuen Ankömmlinge, die zum grössten Theile der arbeitenden Glasse angehörten, stürzten sich jetzt wie rasend auf jedes Gebiet der Gewerbe und des Handels und schufen eine Goncurrenz, die zum Verderben aller gereichen musste, die den früheren Gewerbetreibenden das Stückchen Brot raubte und die noch bis auf den heutigen Tag andauert. Aber auch in moralischer Hinsicht haben die neuen Immigranten einen verderblichen Einfluss ausgeübt. Von ihrer Heimat aus an Verfolgungen und Unterdrückungen gewöhnt, glaubten sie sich auch in ihrer neuen Heimat unterdrückt und verfolgt und stellten sich auch so. Dort in ihrer Heimat besassen sie keine Bürger- und Menschenrechte, sie waren also schon gewohnt, ohne sie zu leben — warum sollten sie auch hier solche beanspruchen? Ihre infolge der ständigen Unterdrückung angeregte, aus der Selbstberuhigung hervorgegangene und an Resignation grenzende sonderbare Anschauung, dass ein Jude im Golus leiden müsse, machte ihnen das Leiden so gewöhnlich und natürlich, dass sie auch dort leiden zu müssen glaubten, wo sie es nicht nöthig hatten. Aus ihrer Heimat gewohnt, in ihren eingeengten Judenvierteln zu leben, drängten und engten sie sich auch hier in enge und schmutzige Strassen und Viertel ein und schufen sich dort, wo sie es nicht nöthig hatten, allein und freiwillig ein Ghetto — und leben auch dort wie in einem Ghetto. Viele Juden im Auslande, denen Jerusalem und dessen jüdische Gemeinde sehr am Herzen lagen, schienen das eingesehen zu haben und wollten Abhilfe schaffen,

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