Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Article
- Die Juden in Jerusalem
- Date
- 1901-04-12
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaction: Montag, Mittwoch und Freitag von 3—4 Uhr. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 20 Heller. Der Inseratentheil wird Dienstag abenäs geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. PI«a■ Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland BlbCi ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Rulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Ct. Nr. 15. Wien, 12. April 1901. 5. Jahrgang Die Pessach-Doppelnummer — vorzüglich zur Agitation geeignet — ist, soweit der Vorrath reicht, gegen Voreinsendung des Betrages (in Postmarken) bei der Administration zu beziehen. *rt****^^M^**^**^^«^»^****^^M»A**l*^*^*M*%***t*^**M» Die Juden in Jerusalem. Von Elias Barg (Jerusalem). Wenn wir die in jeder Hinsicht traurige Lage der Juden in Jerusalem betrachten und uns fragen, welche Mittel am besten imstande wären, diese zu verbessern, so müssen wir zunächst suchen, die Grundursachen zu entdecken, welche diese Lage herbeigeführt haben. Dabei wäre nichts verfehlter, als das zu thun, was die meisten, die sich mit dieser Frage mehr oder weniger beschäftigen, gethan haben, nämlich : die Schuld an den dortigen schlechten Zuständen entweder den dortigen-Juden zuzusprechen, indem man ihnen jeglichen Erwerbsinn abspricht, dafür aber einen sehr ausgeprägten Schnorrersinn zuschreibt, oder sie den Juden im Auslande in die Schuhe zu schieben, indem man gegen das sogenannte philanthropische System eifert. Denn abgesehen davon, dass man mit derartigen ungerechtfertigten Beschuldigungen unmöglich eine Aenderung der Lage zum Besseren anbahnen kann, um die allein es doch einem jeden zu thun sein sollte, zeugt ein solches ungerechtes Vorgehen gegen die einen oder die anderen entweder von einer voreingenommenen Gesinnung oder von einer völligen Unkenntnis, daher einer total falschen Vorstellung der dortigen thatsächlichen Verhältnisse. Von ein^r gleichen Unkenntnis der Verhältnisse zeugen auch die als Mittel zur Lösung dieser Frage gemachten Vorschläge. Der eine räth, die „Ghaluka" zu erhöhen, dass heisst durch einen Appell an den Wohlthätigkeitssinn der Juden im Auslande eine ständige Vermehrung der Unterstützungs- oder Armengelder für Jerusalem herbeizuführen, und der andere sieht das Heil der dortigen Juden in der gänzlichen Abschaffung der „Chaluka" und meint, dass man dort anstatt deren Fabriken und andere Erwerbszweige gründen könnte. Dass der erste Vorschlag von dem offenbaren Irrthume ausgeht, dass alle Juden in Jerusalem a u s s ch Ii e s s tich von der„Chaluka"leben, und dass derjenige, der den zweiten Vorschlag ins Leben rief,- naiv genug war, zu glauben, dass alle dortigen Juden arbeits- und erwerbsfähige Leute sind — lasse ich dahingestellt sein. Man kann daraus sehen, dass beide die Sache so aufgefasst haben, als wenn es sich hier lediglich um eine materielle Frage handelte, die nur durch Verbesserung oder Abschaffung der „Chaluka" gelöst werden könnte. Es ist nicht zu leugnen, dass die „Chaluka" in der Gesammtlage der dortigen Juden eine bedeutsame Rolle spielt, und dass sie als Glied in der Reihe von Ursachen, die die gegenwärtigen Zustände in Jerusalem herbeigeführt haben, für manches die Verantwortung zu übernehmen hat. Aber entschieden falsch ist es, alle die Schäden auf sie zurückzuführen. Ebensowenig ist es richtig, in ihr, der „Ghaluka", das einzige und beste Mittel zu sehen, durch das diese Zustände geändert oder gebessert werden könnten. Es ist klar, dass man in dem engen Rahmen eines Artikels keine ausführliche Darstellung der Entwicklungs-Geschichte eine)* grossen, beinahe vierzigtausend Seelen zählenden Gemeinde geben kann; aber das ist hier auch gar nicht nothwendig. Für unseren Zweck genügt es, die Hauptmomente aus dieser Geschichte herauszugreifen und zu zeigen, welche massgebenden Factoren damals hauptsächlich gewirkt und die Quellen abgegeben haben, aus denen sich die jetzigen schlimmen Zustände dort nach und nach entwickelten. Werfen wir einen Blick auf ungefähr ein Jahrhundert zurück, auf die Zeit, in der sich die ersten Anfänge einer Neubesiedlung der damals noch sehr schwach bewohnten Stadt Jerusalem durch aschkenasische Juden bemerkbar machten, so können wir hauptsächlich zwei treibende Momente feststellen, die den ersten Anstoss zu dieser Besiedlung gegeben und sie eine Zeitlang gefördert haben. Es sind das erstens die in der Brust eines jeden wahren Juden wohnende patriotische Liebe zu dem Heiligen Lande seiner Väter, die es ihm zur heiligen Pflicht macht, das Vaterland zu bewohnen. Und zweitens die unter den frommen Juden weitverbreitete religiöse Anschauung, däss bei Ankunft des Messias alle Todten, die nicht im Heiligen Lande begraben liegen, eine unterirdische Wanderung durch Höhlen werden antreten müssen, bis sie zum Oelberge, dem Friedhofe der Jerusaiemer