Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 14 (3.4.1901)
- Article
- Lesser Ury
- Date
- 1901-04-03
- Page
- 11 (sequence 4)
- Language
- German
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11 Farben taucht, und träumt, weiche, flockige, gestaltlose Träume, für die es in der Erdenwelt weder Bilder noch Worte, nur ganz zarte, leise angeschlagene Töne gibt Dieser junge Körper ist ins junge Gras gedrückt, durch beide geht ein Weben und Wachsen, beide trägt eine starke Lebenswelle. Die Träume fliegen empor, auf leichten Flügeln, den Vögeln nach, mit ihnen eine Weile auf den dünnen, saugenden Zweigen rastend, dann weit über sie sich hinausschwingend, ins Grenzenlose. Er blickt ihnen staunend nach. Auf dem Mittelbilde steht zwischen zwei säulenartigen Baumstämmen am Meeresstrande der Mann, stemmt den rechten Fuss übertrotzig auf, kreuzt in glühender Willensmacht die jge waltigen Arme und sieht aus brennenden, wissenden Augen hinauf zum Himmel. Vom Himmel scheint eine riesengrosse Hand sich seinem Haupte entgegenzudrängen, das der Kampf in harten, festen Linien ausgeschmiedet hat. Er fühlt die Last der Riesenhand und ist ganz Gegenbewegung. Alles in ihm ist bereit zum ewig erneuten, stummen, aussichtslosen Hingen. Aber die Zeit, die alle Wesen und Kämpfe gebiert und verschlingt, geht ihren Weltenweg. Auf dem dritten Bilde kauert der Greis mit erloschenen Augen, mit erschöpftem Körper, aus dem jeder Wille verglomm, in ödem kraftlosem Brüten. Seine Bahn versandet ohne Ziel. Die Sonne versinkt hinter ihm, — und der Himmel glüht wie am ersten Tag. Künstlers stillste Stunden, Traum, Kampf und Zweifelsqual haben dieses Triptychon geschaffen, dessen Sinn dieTragödie des Einsamen ist. Ein Einsamer ist dieser Jüngling, der abseits von aller Gemeinschaft im Waldeszauber seinen flüggen Sehnsuchten nachsinnt, die gewiss nicht Liebe, nicht Freundschaft sind. Ein Einsamer dieser Mann, der hier im Angesichte des Meeres, Blick und Willen nach oben gerichtet, mit dem Schicksale Rücksprache hält. Und als Einsamer, von allem Menschenbunde Abgekehrter, dämmert dieser Greis sich ins Sterben ein. Der Mensch! Aber doch nur: ein Mensch. Einer, der eine eigene, allen unverständliche Sprache spricht, der ein eigenes, von keinem mitgefühltes Leben lebt. Einer, von dem keine Brücken führen zur Menschenweit. Einer, der nicht über sich hinausgeht und der daher zerbrochen ins grosse Werdegrab zurücksinkt, ohne aus einer schöpferischen Lebensgemeinschaft die tiefe Ruhe des Mittheilens geschöpft zu haben und von dem Weiterwirken seiner Bewegung einen letzten Segen mitzunehmen. Aber Ury greift über dieses Lied von der Einsamkeit hinaus. Wieder ein Jahr darauf gibt er „Adam und Eva". Einen biblischen Stoff hat er hier unbiblisch und neuartig behandelt. Das sind nicht mehr die beiden reuigen Kindsmenschen, die halb willenlos, naiv zugreifend, eben wie Kinder, „gesündigt" haben und nun mit einem diesen Geschöpfen gegenüber ganz unbegreiflichen Aufwände von flammenden Schwertern und Worten aus dem Paradiese verjagt werden, ehe sie es gemessen konnten Ury zeigt die jungen Welteroberer. Sie wollten wissen, mit den Sinnen und der Seele wissen. Man hatte es ihnen verwehrt. Sie aber gehorchten nicht, weil sie dem Gesetze ihres eigenen Wesens und nicht fremden Geboten nachleben wollten. Sie erkannten und wuchsen an der Erkenntnis, und als sie vertrieben wurden, zogen sie hoch und stark hinaus, sich eine eigene Welt zu bereiten. Das sind keine thörigen, bussfertigen Kinder mehr, das sind zwei Menschen, und unendlich mehr als das: ein Menschenpaar. So hat Ury die beiden gemalt. Da dehnt sich die junge frische unberührte Erde dem Meere entgegen. Es will Abend werden. Adam und Eva schreiten hin, hinter ihnen jagt der Sturmwind daher, das einzige Zeichen der zürnenden Mächte. Staunend schauen die beiden auf die unbekannten Felsenblöcke, an die ihr Fuss stösst, auf die räthseihafte tiefblaue See und die unbegreifliche ferne Himmelslinie. Er selbstsicher, mit stolzer gedrängter Kraft alle Möglichkeiten überblickend und durchforschend, sie befremdet aber vertrauend angeschmiegt und thatbereit. Ueber ihnen, am leuchtenden Himmel, ein Hohes Lied der Farben; in ihren leuchtenden Seelen ein Hohes Lied der Menschenkraft und der Menschenliebe. V. Es ist bemerkenswert, wie Ury sich immer wieder zu jüdischen Stoffen hingezogen fühlt. Er scheint in ihnen seine Eigenart leichter ausleben zu können, gleichsam als kämen ihm diese Gestalten entgegen, als begehrten sie, aus der Hand des Künstlers ihres Blutes ein neues Leben zu gewinnen. So ist sein erstes grosses Bild aus einer kaum angedeuteten Bibelscene entstanden; so schafft er in „Jerusalem" einen ewigen Ausdruck für die ganze Tonscala des Juden Volkes; so kehrt er nach dem „Menschen" zu den Gaben des Urbuches zurück; so schenkt er uns den Jeremias, über den hinaus seine Seele an einem Moses arbeitet. Vorerst aber malt er ein kleines Bild von allgemeinstem Inhalte, das aber doch wieder jüdische Menschentypen zeigt. „Vergänglichkeit" nennt er es. Ein herbstlicher, gelb-rother lastender Abendhimmel über einer Trümmerhalle, aus der drei zerbrochene Säulen emporragen. Im Hintergrunde ein Weib mit seinem Kinde, derSonne nachschauend, vorn zwei Männer, der eine gebeugt, hoffnungslos, der andere, ein hoher Greis, die Hand zum Himmel erhebend, als wollte er sich sein Recht herunterholen. Ungefähr gleichzeitig entsteht der Jeremias, der schon zur Zeit der Vollendung von „Jerusalem" concipiert wurde. Dises reifste Werk Urys, das noch in seinem Atelier steht, von wenigen gekannt, von noch wenigeren erkannt, bedeutet schon in der Compositiou ein Ereignis, ein Document der Kunstentwicklung. Die Hauptgestalt wird in die umgebende Natur gleichsam eingesenkt und wirkt gerade dadurch stärker heraus; die trennenden Linien werden fast aufgehoben, aber nur um die seelischen Begrenzungslinien des Individuums zur vollen Geltung zu bringen. Wir werden später sehen, wie sich in dieser grossen Auffassung eine jüdische Wesensart kundgibt. Die Stil Verderbnis unserer Zeit hat uns gewöhnt, bei Nennung eines Jeremias-Bildes an einen effectvoll drapierten Greis zu denken, der mit pathetischer Trauergeberde auf coulissenartigen Ruinen thront. Nun treten wir vor diesen Jeremias. Ein weiter, mit allen Schauern der Unendlichkeit wirkender Nachthimmel über einem kleinen, wüsten Erdenstücke. Eine seltsam durchhellte Mitternacht füllt das riesenhafte Bild, in allen Tönen des Blau und des Violett abgestuft. Oben Kränze von zahllosen tiefweissen Steinen; irgendwo, unsichtbar, der Mond, dessen Lichlflut den Raum überschwemmt und aus jedem Luftpunkte eine andere Farbe herauszulocken scheint. Unten aber, auf diesem kleinen, nackten Felsenstücke, eine braune, violett umspielte Masse, zunächst kaum erkennbar. Eine sonderbare Felsengestaltung etwa aus dem Boden herausgewachsen, ein Aufwurf dieser rauhen wilden Erde? Man starrt, man fasst es mit den Augen — ein Mensch! Und nun sieht man ihn plötzlich ganz. Ein stiller, alter Mann liegt hier auf dem Boden. Sein violettes Gewand ist in Schatten getaucht, sein schwarbrauner Trauermantel erliegt der blauen Tönung dieser einzigsten Nacht: eines Pilgerims und Wandersmannes Kleider, in harten, schweren Linien fallend. Auf seinem Barte wogt das Blau des Weltraumes. Seine Augen tragen eine ungeheure Frage in die grenzenlose Ferne hinaus. Sein Mund ist in sich verbissen; man sieht, er würgt an einem übermenschlichen Schmerz. Die Rechte stützt das grosse, in monumentalen Linien ausgehauene Haupt. Die Linke aber liegt lässig und doch wuchtig da, grossknochig, zerfurcht, titanenhaft, bis in die graue, straffe Haut von Seelenmacht durchbebt: die Hand eines Propheten und eines Revolutionärs. Und wenn man lange mit seiner besten Glut auf dieses Bild geblickt hat, da scheint es einem, als gruppierte sich das unnennbar reiche Blau der Nacht um diese wunderbare Hand, ja, als schüfe sie es aus ihrer goldenen Wunscheskraft heraus, dieses Reich des Blau, dieses Königreich der tausendfältigen, raumerfüllenden Sehnsucht. Um die Gestalt des Sehers legt sich das Blau hell wie ein Lichtgewand, nach oben hin wird es immer dunkler, tiefer, unirdischer. Und an der Horizontlinie deutet es, in eigentümlicher Abhebung satter werdend, die fernen Menschenstätten an. Ein Kritiker hat an den Sänger der Klagelieder erinnert. Nichts kann verkehrter sein. Der hier auf dem Boden liegt, ist der Einsame und Mächtige, dem seine Prophetie das Joch und die Schwinge war, schmerzhafte, zehrende Last und freiestes Höhenglück. Der Starke, den der Herr zur festen ehei nen Mauer wider sein Volk gemacht hat. Der Wandernde, der sein Maus hat verlassen müssen. Der Wissende, dem das Herz im Leibe pocht und der keine Ruhe hat, weil in der Friedenszeit seine Seele der Posaune Hall hört und eine Feldschlacht und einen Mordschrei über den anderen. Der Verlassene, der unter Menschen in einem öden Lande lebt und in der Tageshelle unter finsterem Himmel. D.r Ehrliche und Ungebeugte, der den Herrschenden die Worte seiner Sendung ins Gesicht schleudert und ihrem Zorne Trotz bietet. Der Verketzerte und Misshandelte, der in den Stock gelegt und in den Kerker und in die Schlammgrube geworfen wird, dessen Reden verbrannt werden und von dem die Priester und die loyalen Propheten zum Volke sprechen; Dieser ist des Todes schuldig. Der Leidenschaftliche, der sich zu Rachewünschen gegen die Vielzuvielen hinreissen lässt und dessen ganzes Herz doch am Volke hängt Der Auserwählte, den der Herr betraut und der zu seinem Meister spricht: „Herr, Du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen; Du bist mir zu stark gewesen, und hast gewonnen", der sich in der Qual seiner Berufung gegen seinen Meister auflehnt und denkt: „Wohlan, ich will sein nicht mehr gedenken uud nicht mehr in seinem Namen predigen", und in dem das Wort doch zuckt und bebt wie ein Feuerstrom, dem er nicht widerstehen kann. Ury, der wenig spricht, aber dessen Worte stets das Ergebnis einer langen, die Tiefen seines Wesens aufwühlenden Seelenarbeit sind und den Stempel einer unvergleichlichen Echtheit tragen, flüstert manchmal, auf den „Jeremias" schauend, vor sich hin: „Wer mich kennt, weiss, wer hier auf dem Boden liegt". Wer den Linien der Prophetengestalt, wie ich sie charakterisiert habe, gefolgt ist, wird diese Worte verstehen.