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Die Welt · 1901-04-03 · 14 (3.4.1901) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
14 (3.4.1901)
Article
Lesser Ury
Date
1901-04-03
Page
12 (sequence 5)
Language
German
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Ii Vr. So sind mir Urys grosse Werke erschienen. Aber er hat auch Pläne, weltenweite, ausgereifte Pläne. Einen davon hat er mir anvertraut, den ich hier nur andeuten will. Er will einen „Moses" malen. Michelangelo hat den Moses gebildet, wie er einem dumpfen und undifferenzierten Massenwiderstande gegenübersteht. Er sieht das niedrige Treiben der Menge, er will es niederzwingen, aber er hält an sich. Herman Grimm hat vor ihm das Gefühl, „als ständen diesem Manne die Donner des Himmels zugebote, aber er bezwange sich, ehe er sie entfesselte", und Conrad Ferdinand Meyer hat die bezeichnenden Worte: „Du packst mit nerv'ger Hand den Bart, Doch springst Du, Moses, nicht empor". Ury will den Moment nach diesem darstellen: den Moses, der aufspringt, um dem starren, verderbten Volke — dieser in der Sclaverei aufgewachsenen Generalion, welche die Worte auf Sinai vernehmen darf, aber das Land der Erfüllung niemals erblicken soll, bestimmt, in der Wüste zu sterben — die ersten heiligsten Gesetzestafeln „an den Kopf zu werfen", wie Ury sagt — wie Ury mit einer Stimme sagt, in der sein Zorn und seine Liebe beben. VII. Worin ist Ury jüdischer Künstler? Zunächst in seiner Art zu malen, als Colorist. Ich meine damit nicht bloss seine Vorliebe für funkelnde, lichlberauschte Farben — Farben, die er nicht durch Stoffwahl sich zurechtlegt, die er sich vielmehr mit seinem begnadeten Auge aus der Natur herausholt — eine Vorliebe, die man auf orientalischen Einfluss gedeutet hat. (So sagt Franz Servaes einmal von Urys Werken: „Es ist immer wieder das Hallelujah der Farbe, das uns wie ein hrausender Lobespsalm entgegenschwillt. Und man steht gebannt, überwältigt, trunken vor dieser alttestamentarischen Wucht dercoloristischen Vision : Jehovah lebt in diesen Elammenfarl>en!") Mehr als dies meine ich die Thatsache des extremen Colorismus selbst in der Form, wie ihn Ury zeigt. Dieser Colorismus will nicht die Umrisse der Dinge, sodern ihre Nuance geben, wie sie aus der Einwirkung von Licht und Luft entsteht. Der Ton wird auf die feine Wechselwirkuug der Wesen und Kräfte, nicht auf ihr äusseres Heraustreten gelegt; doch geschieht, wie wir am „Jeremias" gesehen, das Mildern der äusseren Begrenzung (wenn man da von „mildern" sprechen kann, wo nur die Wiedergabe des natürlich Gesehenen vorliegt) nur zugunsten einer innerlicheren Individualisierung. Diese Art nun, die Welt zu sehen, ist echt jüdisch. Man kann sich davon überzeugen, wenn man Versuche mit jüdischem i.nd z. B. germanischem Bildgedächt iis anstellt, oder wenn man die Schilderungen in dem altjüdischen Schriittllum mit denen im altgriechischen vergleicht. Ueberail herrscht bei uns eine mehr flächenartige, von einer Gesammtstimmung ausgehende und mehr auf die Beziehungen der Dinge als auf iure Formen gerichtete Anschauungsweise vor. Mit dieser Auffassung wird selbstvei ständlich d e Möglichkeit einer jüdischen Plastik nicht in Frage gestellt. Doch glaube ich, dass sie sich vornehmlich vom Relief aus entwickeln wird, wie denn auch jüdische Bildhauer mit ihren der Reliefform am nächsten stel enden Werken (ich erinnere nur an Nossigs Maske des königs Salorno) die feinsten, intimsten, sozusagen jüdischesten Wirkungen erzielen. Dann ist Ury jüdischer Künstler als Revolutionär, das heisst als einer, von dem Bewegung, umgestaltende Bewegung ausgeht. Das ist er schon dadurch, dass er der künstlerischen Gesammtentwicklung vorauseilte und aus sich heraus erst den radicalen Impressionismus, dann den modernen malerischen Monumentalstil fand. Er hat das Neue nicht bloss, wie die Juden es zu allen Zeiten thaten, vorausgeahnt und vorbereitet, sondern auch zu gestalten gewusst. Aber er ist vor allem Revolutionär in seiner Art zu schaffen, die ein ewiger Kampf ist und von der aus er die Ruhe als die einzige und unverzeihliche Sünde betrachtet — „Wollen ist Leben, Können ist Todu, meint er — und das ist jüdische Art. Und er ist Revolutionär in seinen Bildern,, in denen sich immer wieder eine lebendige Kraft gegen dumpfe Schicksalsmächte aufbäumt und eine Erlösung sucht. Als solch ein Revolutionär aber geht der jüdische Stammesgeist durch die Zeiten. An den Anfang seiner Menschheitsgeschichte hat er eine Auflehnung gesetzt, und wenn er sie auch brandmarkte, so ist doch die ganze reiche Schönheit des Menschenlebens, wie wir es kennen, darauf gesteilt. In der palästinensischen Epoche zeigt sich diese revolutionäre Tendenz in persönlichen Gestaltungen, deren ausgebildetste Hiob ist, und in dem Eifern der Propheten gegen den Willen des Volkes. In der Diaspora wird diese dichterisch nationale Revolution eingeengt und in die Bahnen eines krankhaften Messianismus abgelenkt; daneben und darüber hinaus entwickelt sich die Grundbewegung zu einem raenschheitlicheu Erlösungsdränge. Wir leben in dem Uebergange zu einer dritten Zeit, über deren Revolutionäres gerade der am reichsten Hoffende am schamhaftesten schweigen muss. Alle Phasen aber haben in Urys Werken unbewussten, andeutenden Ausdruck gefunden. . Und Ury ist jüdischer Künstler als der Dichter der jüdischen Seele. Abseits von allem Literarischen, nur dem Schaffen von Farbenwerten hingegeben, hat er doch die Gedichte des Judenleides und der Judensehnsucht gemalt. Er hat die Lyrik des neuen Juden von heute gegeben, tler Feinem Volke zürnt, weil er es liebt. Ich erhoffe noch Morgiges *on ihm. Aber heute wollen wir ihn dankbar grüssen als d-is, was er ist: Lesser Ury, der Meister der sonnigsten Farben, der Bewegung-Bringer. der Dichter unseres Zornes und unserer Liebe. m Neuer Frühling. Hörst Du das Lied des Sturmes? Es klingt so gut Und geht wie wildes Wecken um auf Erden; Jetzt brauchst Du nimmermehr zu weinen, Ruth — Denn es will Frühling, es will Frühling werden! So wie's schon einmal leuchtend Frühling ward Nach langer Knechtschaft Nacht und Finsternissen : Das war ein Frühling ganz besonderer Art, Von dem die Sagen Wunderdinge wissen. Das war ein Mann von ganz besonderem Schlag, Der unter Frühlingsstürmen uns erstanden, Der, selbst voll Licht und Sturm, ein Frühlingstag, Sein Volk befreit aus fremder Frohne Banden. Der es befreit, geführt und nicht geruht, Bis er ihm seine Heimat wies auf Erden — Jetzt brauchst Du nimmermehr zu weinen, Ruth, Denn wieder will es Frühling, Frühling werden. Berlin. Martin Fr ie diaende r. cSl|5 Der Utopist. Eine Pessach-Phantasie von Dr. Ph. Menczel. Ich bin ein Utopist. Man hat es mir sclrpn so oft gesagt, dass ich schliesslich daran glauben muss. Es waren gescheite Menschen, die es mir in öffentlichen Versammlungen zugerufen und in Privatgesprächen mit überlegenem, fast mitleidigem Lächeln gesagt haben. Es muss also wahr sein. Wahrhaftig, Scherz beiseite. Ich glaube daran : Ich bin ein Utopist. Ich bin ein Utopist uud muss mich nun bemühen, •den erwählten Beruf zu Ehren zu bringen. Warum auch nicht? Tischler, Schneider, Schuster, Schlosser, Rauchfangjkehrer und Wasenmeister gehören Innungen an, halten ihre Fahnen hoch und wachen über die Standesehre. Warum sollten wir Utopisten nicht gleichfalls auf unseren Beruf •etwas geben? Ich sage: Wir Utopisten, denn auf den Congressen in Basel und London und erst jüngst auf dem österreichischen Zionistentage in Olmütz konnte ich mit Vergnügen wahrnehmen, däss ich kein Einsiedler bin und dass die Gilde der Utopisten eine stattliche Anzahl von Mitgliedern zählt. Mehr noch. Ein Standesbewusster bleibt bei der Gegenwart nicht stehen. Wo ist erst die Tradition, die geheiligte? Her mit den historischen Beispielen! Moses, der Lehrer und Schöpfer unseres Volkes, war ein Utopist. Die Keckheit! So höre ich wieder rufen: Nun will sich der Mensch gar mit dem Stifter unserer erhabenen Religion, mit dem Schöpfer des Monotheismus in eine Linie stellen. Aber ich bin nun schon einmal so unbescheiden. Der Grösste unseres Volkes muss zum Gleichnis herhalten, •und ich finde darin viel Erhebenderes und doch zugleich Anspruchloseres, als wenn ich es etwa wagen sollte, mich mit dem redegewaltigen Dr. Güdemann, dem Oberrabbi von Wien, zu vergleichen. Denn Moses heisst schlechtweg wMausche Rabbenu" und nicht „Mausche Oberrabbenu". Er «hatte keinen goldenen Kragen, trug keinen Talar und predigte „nicht im Seitenstetten-Tempel. Was war Moses? Nichts mehr, als ein Zionist, wollte sagen : ein Utopist, ein Schwärmer für Zion, der das jüdische Volk wegführte von den vollen Fleischtöpfen Aegyptens und mit ihm gegen Kanaan gieng. Der Utopist] Wie oft musste er es aus dem Munde der Gescheiten von damals hören! Hätte Dr. Güdemann damals gelebt, in welch schöne Sätze hätte er seinen gleissenden Spott,

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