Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 14 (3.4.1901)
- Article
- Lesser Ury
- Date
- 1901-04-03
- Page
- 10 (sequence 3)
- Language
- German
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10 Wasser spielen züngelnde Farbenflammen. Aber wer mit ganzem Auge hineinsieht, sieht den Ton des Schmerzenräihsels und das Beben unstillbarer Sehnsucht im Himmel und im Meere. Das ist Urys Ton und Bewegung. Die lange, nackte Bank dehnt sich da aus vor Himmel und Meer. Zwei schlanke Bäumchen strecken sich vor ihr empor; die Stimmung magerer scheuer Knabenarme ist in ihnen. Eine späte Sonne dringt zwischen ihren Zweigen herüber. Aber diese letzten Strahlen sind müde und kommen nicht bis zur Bank. Die steht da, in Schatten und Nebel gehüllt, und man fühlt, wie hinter ihr ein freudloses Land sich hinzieht mit kargen Aeckern und schweren dumpfen Lebenskämpfen. Vor der Bankrauscht's zwischen Meer und Himmel wie von mächtigen Flügeln; hinter ihr ist das Schattenland wie ein Reich der Gefangenschaft. Auf der Bank sitzen Menschen, Juden. Kurze Rast auf einer grossen Wanderschaft. Ein Augenblick zwischen Vergangenheit und Zukunft. An sich ist dieser Augenblick nicht mehr als jeder andere vor und nach ihm. Auesserlich ist nichts an ihm, was ihn erheben würde über die anderen, wie jene Zeit der ersten Trauer auf den Trümmern Jerusalems über alle anderen Zeiten. Sie wandern schon viele lange bleierne Tage, nun sitzen sie da, bald werden sie aufstehen und weiter wandern, sich weiter schleppen durch den öden Jammer trostloser Zeiten und Länder. Und doch ist dieser Augenblick eine Ewigkeit, denn er enthüllt die Seelen zu flammender SelbstofTenbai ung. Es ist ein Abend unter vielen Abenden und Juden unter vielen Juden. Aber diese Menschen sind das ganze jüdische Volk, und dieser Abend ist seine ganze Geschichte. Das ist Urys langer, seliger Kampfweg von der Skizze zum Werke : er gieng aus, die jüdische Vergangenzu malen, und er hat die jüdische Ewigkeit gefunden. Ewigkeit spricht aus diesen stummen Menschen, die nebeneinander, nicht miteinander dasitzen, jeder seinem eigenen Traumgewebe hingegeben und doch im tiefsten Leben seines Blutes allen anderen verbunden. Ewigkeit spricht aus ihren Seelen. Aus dem Alten dort rechts mit den dürren, ineinandergeschlungenen Händen, die ruhig und doch ganz durchzuckt sind vom Krampf des uralten Gebetes, mit dem schmalen Mund, dessen Unterlippe vorgeschoben ist, wie ein Trutzzeichen des Glaubenssicheren, mit den halb geschlossenen Augen,, deren Blick ohne Richtung ist, wie in das raumlose Jenseits gewandt, aus dem der Unsichtbare ihm zuhört. Die Ellbogen auf die Beine gestützt, in schwerer, etwas stumpf ergebener Treue, sitzt er da. Sein Glaube hat ihn blind gemacht für den gai zen Verlauf seines Elends; er weiss nur, das Gottes strafende Hand sich auf ihn und die Seinen gelegt hat. Er erwartet alles von dieser Hand, das Beste und das Böseste; seine Hände, die fein gegliederten, festknochigen, kennen nur das Gebet. Er wird glaubend sterben. Er ist einer von vielen. Aber die Ewigkeit spricht aus ihm. Und aus dem Jungen, Wagemutigen, Hoffnungstrunkenen neben ihm, durch dessen edlen Rassenkopf die frische Lebenskraft des Volkes wie ein Glutstrom fliesst, Visionen, Ideen, Pläne erregend. Er kennt den Abgrund des Unheils und der Gefahr bis in die letzten Untiefen hinein; und doch geht sein freier, stolzer Blick weit hinaus über die Wasser, zu fernen Ländern, zu neuen Anfängen, zu ungebeugtem Ringen. Hier ist Freiheit, Kühnheit, Kraft, Zukunft. Kampflustig und sieghaft ist sein Blick, und sein Körper wie aus Erz gegossen und doch biegsam wie junge Palnun. Neben ihm eine verhüllte Frauenyestalt, ganz dem Meere zugewendet, vertraut und geheimnisvoll zugleich. Sie hält die linke Hand nach links, wie einer, der ein fernes Land staunend erblickt; sie ist voll von Verzweiflung uud voll von Zuversicht; und sie ist nicht mehr hier, sondern drüben, im Sehnsucht^lande; sie weiss nicht das Werden der Erfüllung, aber sie weiss deren Sein. Wunderbar zeigt sich hier Urys schlichte, gewaltige Art, einen Schauenden zu malen, und seine Kunst, Hände zu Trägerinnen geheimster Emotionen zu gestalten. Am Boden ein Knabe, der nur zum Thed sichtbar ist; mager und verträumt; aus dem fragenden, noch nicht begreifenden Blick, der halb in den Himmel, halb ins Nichts versunken ist, theilt sich uns die Kunde von einer sonnenlosen verhärmten Kindheit mit, eine zage Hilflosigkeit stöhnt auf. Hier ist das grosse Leid noch Frage, noch unbewusste Last. Der Knabe hebt die Hände leicht gefaltet, nicht ineinandergeschlungen wie der fanatische Alte, empor; er weiss nicht, zu wem er betet. Aus ihnen allen spricht Ewigkeit. Weiter vorn, nach rechts gewendet, die Alte, eine niedergeworfene Stammmutter. Sie dämmert hin, dumpf, fast bewusstlos, das Gesicht mit den scharfen, zerquälten Zügen autgestützt, ein Bein über das andere gelegt, unsagbar müde. Ihre Wangen sind eingefallen, ihre glanzlosen, wimperberaubten Augen haben alle Thränen ausgeweint und wissen nur noch den stumpfen, leeren Schlaf und das trübe, bildlose Starren — Augen, für die alle Farben der Welt todt sind. Bis in die rauhen Falten des Ueberwurfs hinein lastet die alpartige Mattigkeit der vernichteten Mutterseele. Aber die nackten, verkrümmten Füsse spannen sich dennoch in adeligen Linien, und die schmale feine Hand, die aus dem weiten Aermel herausragt, ist wie ein Zauberspiegel, in dem das neblige Bild einstiger Schönheit geblieben ist. Ueberhaupt haben diese Menschen Rassenhände, durchgebildet und durch, seelt. Aber bei dieser Alten ist ein Schicksal darin. — Dieser Hand Geschichte, die man von ihr abliest — wie sie so arm und so bedeutsam geworden ist — ist ein Accord der stillsten und grössten Tragik. Oft legt Ury so das Unsagbare in die Formen einer edlen Hand. Ewigkeit . . . Daneben eine junge Frau, niedergebeugt, das eine Auge mit dem Kleidsaum auswischend; das andere blickt mit zähem, aber verwildertem Ausdruck nieder. In ihren wirren Harren, in den verzerrten Gesichtszügen ist der Einfluss des grausamen Lebens auf einen Lebensfähigen. Weiter ein älterer Mann, der das Geweht mit der Hand bedeckt. Ein "Aufrechter, ruhig Trauernder, der seinen Widerstand zu sammeln und innerlich auszuleben weiss. Einer, der den Schmerz überdenkt, über den Schmerz hinausdenkt. Vielleicht einer von der Reihe jener seltsamen, mit Ausnahme Spinozas beinahe völlig unbekannt gebliebenen Juden, die aus dem Ghetto geradeaus in den Ko mos treten, ohne Uebergänge. Vorn links aber kauert einer am Boden, ein Zerwühlter, Gepeinigter, an dessen Hals sich der Wahnsinn gehängt hat. Hier ist Entartung, aber die speeifische Entartung der Juden, die eine kranke, halb schlaue, halb irre Lebensgier und eine kranke Mystik erzeugt hat. Hier sind die grässlichen Wunden der Jahrtausende und der Taumel, der Sabbatai schüttelte. Der Golus Typus ist hier am schärfUen herausgebildet, in seiner eigentümlichen Pa hologie, die ganz erfüllt ist von verkümmernden Möglichkeiten, ein giauenhaftes inneres Leichenfeld. In den Skizzen lagen die Todten einer Stunde am Boden, hier liegen Seelenkräfte von Volks-Jahrtausenden erschlagen. Wer in dieses mit der Unbarmherzigkeit des ganz grossen Künstlers ausgebaute Gesicht schaut, begreift, dass neben der jüdischen D6cadence jede andere fast wie eine harmlose Spielerei aussieht. Ewigkeit ... . Und ganz links, das Gemälde abschliessend, ein träumender Jüngling. Er hält den Kopf in den Händen, sein Blick ist in einer anderen Welt. Er sieht nichts, er hat Gedichte der Vergangenheit in der Seele. Vielleicht wird auch schon ein Gedicht der Gegenwart geboren. Er trauert nicht, er sucht nicht, er erkennt nicht, er verzweifelt nicht; er taucht die Schrecken in seine reiche Stimmung. Aber in dieser Stimmung ist Trauer und Erkenntnis, Verzweiflung und Entdeckerlust; und sie vermählt ihn dem Himmel und dem Meere. Diese lange schmale Uferbank trägt ein vielgestaltiges Leben, aber hier am stillen Rande keimt das Lied, das alle Seelen fasst und sagt, das Lied vom werdenden Jerusalem. Die Ewigkeit hat diesen Traum gesegnet. Und sie hat Urys Traum gesegnet, der in Kämpfen einer harten Einsamkeit zu diesem Werke wurde. Das Bild ist in einem seiner Grundverhältnisse Leonardos „Abendmahl" verwandt. In beiden reagieren mehrere Menschen, jeder aus meiner Wesensart heraus und diese offenbarend, auf ein Gemeinsames: in dem einen auf das furchtbare Wort ihres Meisters („Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch: Einer unter Euch wird mich verrathen"), in dem anderen auf das über ihnen allen ausgespannte eine Schicksal. Bei Leonardo;ist das Kömmende, das auf die Seelen eindringt, im sprechenden Christus dargestellt Ury malt das Schicksal in den Körpern der Sitzenden und im umgebenden Räume. Das' Schicksal. Seines Volkes Schicksal und das seine. Denn er bat es an sich erlebt und in diesem Bilde aus sich herausgestellt. So wohnt in seinem Werke die grosse Notwendigkeit der Geschichtszeiten und das Kampfgesetz eines echten Künstlerlebens, eine ganze Volksseele und eine ganze Menschenseele. IV. Ein Jahr nach „Jerusalem" gibt Ury sein Triptychon „Der Mensch", dessen erste Conception ungefähr in dieselbe Zeit zurückreicht wie die Jerusalem-Skizzen, in die jugendlich überströmenden, ideenreichen Brüsseler Tage. Dieses Dreibild ist, nach „Jerusalem" angesehen, überraschend einfach. Es will den Gang eines Menschenlebens, des Menschenlebens, in drei ausdrucksmächtigen, umfassenden Momenten darstellen. Drei Töne, drei Querschnitte gleichsam, durch den Lauf der Zeiten gelegt, und ein ganzes Dasein soll uns erstehen. Und es geschieht. Wir nehmen die drei Momente als ein Ganzes, als das ganze volle Leben selbst. Wir vermissen keine Zwischenhandlung oder Begründung, wir fragen nicht nach Zusammenhängen, wir sehen eine Continuität, eine Einheit, den ganzen Vorgang eines Geschickes. Und so fällt auch die Gewöhnung an individuelle Erscheinungen von uns ab, wir sehen in diesen drei Bildern den Menschen selbst, etwas Ueberindividuelles, Namenloses, und wir fühlen: Hier ist das Leben, neiget die Stirnen! Auf dem ersten Bilde liegt der Jüngling im Frühlingswalde, den das Licht der frühen Sonne durchflutet und in tausend