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Die Welt · 1901-03-15 · 11 (15.3.1901) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
11 (15.3.1901)
Article
Die Berliner Zionisten
Date
1901-03-15
Page
9 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 „Die # Welt" Seite 9 zum Ausbrüche kamen. Bei dieser Gelegenheit wurde es klar, wie wenig der Mehrheit der russisch-jüdischen Studentenschaft eine dem jüdischen Volke angethane Schmach zu Herzen geht, dass das jüdische Mäntelchen des Arbeilerbundes hierin keinen Wandel geschaffen, ja sogar in einzelnen das jüdische Gefühl abgestumpft hat. Der „Majorität" der Studentenschaft war die geplante Resolution des Vereines „Kadimah" ein Dorn im Auge, eine unangenehme Mahnung, und ein Theil war bereit, sie selbst durch Gewaltmittel zu Falle zu bringen. Nach Verabredung kamen ganze Trupps von Personen, die sonst die Erörterungen der „Kadimah" geflissentlich meiden, in die entscheidende Versammlung und verlangten, dass Gästen in dieser Vereins-Versammlung das Stimmrecht gewährt werden sollte, obgleich es sich, wie von vornherein betont war, um einen Vereinsbeschluss handelte. Ein Wortführer stellte sogar den Antrag, dass „von nun an bei allen Beschlüssen der „Kadimah", so weit sie nicht administrative und Budget-Angelegenheiten (?) beträfen, die Gäste das Stimmrecht haben sollten", so dass gelegentlich auch antizionistische Beschlüsse gefasst werden würden. Der Verein „Kadimah44 liess sich indes trotz der drohenden Blicke, der heftigen Zurufe, der stürmischen Scenen durch die grosse Majorität weder vergewaltigen noch einschüchtern. Die Taktik der Antizioriisten rief Entrüstung hervor, und der Verein beschloss, im Vollbewusstsein seines Rechtes, die unerhörte Zumuthung der Gegner mit aller Bestimmtheit zurückzuweisen, das Stimmrecht Gästen bei principiellen Vereinsbeschlüssen nichtzugewähren, wie bisherjedochihnen auch fürderhin ungeschmälerte Redefreiheit zuzusichern. Auf Wunsch mehrerer Mitglieder gieng der Verein sogar so weit, die Abstimmung auf die nächste Versammlung zu vertagen, damit die Discusion den Charakter eines reinen Ideenkampfes tragen sollte. Aber darum war es den Parteigängern wirklich nicht zu thun, denn nun begannen verschiedene Antizionisten zu toben und sich wie rasend zu geberden, einzelne riefen mit dröhnenden Stimmen in den Saal hinein: „Vidjom!" („Weggehen!") und suchten durch diese wilde Demonstration die für die Verhältnisse einer fremden Studentencolonie mächtige Versammlung (etwa £50 Personen) zu sprengen. Dies gelang ihnen jedoch nicht. Nachdem etwa 80—90 Studenten (durchaus nicht sämmtliche Gegner) unter minutenlangen Hailoh sich entfernt und damit unsterblich blamiert hatten, legten sich die Wellen, der unbeschreibliche Wirrwarr nahm ein Ende, und die Debatte konnte, wenn auch immei noch in erregtem Ton, fortgesetzt werden. Die Resolution wurde dann in einer darauf folgenden Versammlung einstimmig angenommen. Ich habe damit einen höchst charakteristischen Vor- - gang aus dem russisch-jüdischen Studentenleben kurz und flücktig skizziert. In Wahrheit wäre er eines Künstlers würdig gewesen. Er hätte die Leidenschaft antijüdischer Jünglinge und Mädchen zeichnen können, die im Sturme das primitivste Recht auf sich selbt zertreten wollten, um eine Unwillensäusserung der jüdisch fühlenden Elemente gegen ein am jüdischen Volke begangenes Verbrechen zu unterdrücken. Und wenn es ein feinfühliger Künstler wäre, würde er einen unnennbaren Schmerz, etwas von der herben jüdischen Tragik in den Seelen derer gelesen haben, die den schweren Kampf um die innere Befreiung der jüdischen Individualität ausfechten. — Wie sollten sie es begreifen können, dass der grössere Theil der jüdischen Jugend so antijüdisch fühlt? Im besprochenen Falle handelte es sich wahrlich nicht um diese oder jene Anschauung, die einfachste Liebe zum jüdischen Volke, das Gerechtigkeitsgefühl hätte diesmal der gesammten jüdischen Jugend dieselbe Handlungsweise dicfcieren müssen, nach der die Zionisten verfuhren. Und doch standen die Zionisten mit ihrem Proteste fast allein, stiessen sogar auf fanatisches Widerstreben, theilweise selbst auf Vergewaltigungsmittel. Und wenn wir das Erlebte, das im einzelnen sich nicht wiedergeben lässt, nicht mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört hätten, wir würden es nicht glauben, dass die Parteiwuth die Menschen so blind machen und die Jugend zu solcher Selbstentwürdigung führen kann. Die Zionisten aber wurden in diesen Zusammenstössen gestählt, reifer, um den bevorstehenden harten Kampf für den Zionismus aufzunehmen, und an einzelnen Momenten konnte man es wahrnehmen, dass die Idee die Menschen stark macht. Dies ist unsere Genugthuung. * IL Nachdem auf ein paar wichtigere Momente etwas länger eingegangen wurde, soll jetzt ein summarischer Bericht über die Thätigkeit der einzelnen zionistischen und jüdisch-nationalen Vereine für die Zeit von Mitte September bis Mitte Februar folgen. I. Zionistische Vereinigung. Diese Organisation ist die allgemeine, officielie, sie umfasst jedoch noch nicht die Hälfte der hiesigen Zionisten und zählt etwa 200 ständige Mitglieder. Der Vorstand war in diesem Winter sehr eifrig, er unterhielt eine lebhafte Correspondenz mit vielen anderen zionistischen Vereinen in Deutschland, hat eine Commission zur Verbreitung von Bankactien (durch den Share-Club) cooptierfc und die Gründung eines jüdisch-nationalen Handlungsgehilfen - Vereines veranlasst. In allen ihren praktischen Unternehmungen und grösseren Actionen wird die Vereinigung von den anderen zionistischen und jüdisch-nationalen Gruppen unterstützt. Versammlungen (alle mit mehr oder minder lebhafter Discussion, Judentags-Versammlungen von5(J0—800, sonstige von 100-250 Personen besucht): 1. Bericht über den IV. Zionisten - Congress (L. M o z k i n). 2. Bericht über den IV. Zionisten-Congress (Doctor A. Friedemann). 3. Der Zionismus und die rumänische Judeimoth (Dr. Th. Zlo cisti). 4. Zionismus und Socialismus (M. Bube r). 4. Makkabäer - Fest (Hauptredner : Dr. A. F r i e d em an n). 6. Der deutsche Judentag (Dr. A. F r i e d e m a n n). 7. Der deutsche Judentag (Dr, Th. Z 1 o c i s t i). 8. Zur technischen Erschliessung Palästinas (David T r i e t s c h). 9. Der deutsche Judentag (Rechtsanwalt Doctor Schwarz). II. S e c t i o n für Kunst und Wissenschaft des Jude nth ums (Untergruppe der zionistischen Vereinigung). Diese Section ist eine Neuschöpfung des laufenden Winters. Es ist noch abzuwarten, wie weit sie lebensfähig ist, da ihre Ziele noch durchaus nicht geklärt sind. Versammlungen: 1. a) Einleitende Worte (M. Bub er). b) Das Menschenmaterial des Zionismus (aus einem Vortrage des Dr. N. Birnbaum). 2. Achad-Haam (Dr. S. Bernfeld). III. B ar-K ochba, jüdisch-nationalerT urnverein (210 Mitglieder). Der Verein zerfällt in zwei Mätiner- Abtheilungen (ca. 120 Mann), eine Frauenab'heilung seit diesem Winter (ca. 70 Mitglieder) und eine Lehrlings-Abtheilung (ca. 25 Mitglieder). Die Abtheilungen turnen je zweimal wöchentlich. Zuweilen werden Vorträge nationaljüdischen Inhalts gehalten. In diesem Winter gab es ein grosses Makkabäer-Fest (Hauptredner Dr. H. L o e w e). Dieses Institut mit seinen offenbaren Leistungen gewinnt immer grössere Sympathien beim jüdischen Publicum. Besonders beliebt ist das prächtige Schauturnen, welches den Wert dieser Uebungen deutlich erkennen lässt. Nicht nur die Körper werden geschmeidiger, der Sinn muthiger, nein, auch jüdisches Nationalbewusstsein durchdringt diese jungen Seelen. Man sieht es den fröhlichen Turnern an, dass sie auch kampfbereit sein können und auf ihr Volksthum stolz eind. Der Verein „Bar-Kochba" zeichnet sich durch straffe Organisation und strenge Disciplin aus. Er gibt seit einem Jahre die VJ ü dis che Turnzeitung" heraus und bringt somit den Gedanken, dass die Gründung

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