Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 11 (15.3.1901)
- Article
- Die Berliner Zionisten
- Date
- 1901-03-15
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die $ Weit06 Nr. 11 Zionismus hier geschlagen hat. Fehlt doch noch das Ergebnis der äusserüchen Documenticrung des Zionismus, das Resultat der diesjährigen Schekelsamrnlung, um ei neu Vergleich mit dem ersten und zweiten Congressjahre anzustellen; ich nenne ausdrücklich das dritte Con^rcssjahr nicht, weil die Schekelsammlung<m erst in letzter Stunde vorgenommen, noch nicht die Hälfte der damals in Berlin befindlichen Zionisten umfaßt haben und darum für Vergleiche nicht massgebend sind. Mehr jedoch als an der formellen Zahl der Zionisten wird die Stärke unserer Bewegung in Berlin am inneren heben der Vereine und an der Fortentwicklung der Institutionen zu erkennen sein. Da wird sich erst zeigen, ob diese oder jene Neuschaffung lebensfähig, ob manches Beginnen auch in die That umzusetzen sein wird. Sicher ist jedoch die Thatsache, dass die Zionisten hier im laufenden Winter eine hervorragende Thätigkeit entfaltet, weitgehende Agitation getrieben und die vorhandenen Kräfte weiter ausgebildet haben. Die Woge, welche die einzelnen Vereine eingeschlagen haben, waren recht verschiedenartige, in Formen und Tondenzen differierend, aber in allen Gruppen wurde in anerkennenswertem Masse gearbeitet Auch wo eine Kritik der Einzelleistungen den Wert manches Unternehmens herabsetzen würde, müsste sie doch meist das Vorhandensein eines intensiven Eifers zugeben. Nicht unwesentlich ist dabei der Umstand, dass die hiesigen Zionisten im vergangenen Winter in allen ihren Vereinen fast ausschliesslich auf ortsanwesende (deutsche oder hier wohnhafte) Gesinnungsgenossen angewiesen waren. Von gewisser Tragweite für die Energie der Zionisten war die bereits im vorigen Sommer eingetretene Verschmelzung beider Ortsgruppen, die früher einen nicht unbedeutenden Theil ihrer Kraft in persönlichen Zänkereien vergeudet hatten. Die zweifellos vorhandenen Unterschiede der Zionisten in ihren Anschauungen und Tendenzen hatten in dieser Art der Gruppierung kaum einen entsprechenden Ausdruck gefunden, so dass die Trennung dieser Ortsgruppen in der letzten Zeit durch nichts gerechtfertigt schien. Die sachlichen Differenzen sind natürlich nicht geschwunden und werden sicherlich im Ideenkampfe noch stärker hervortreten, zumal da der vierte Zionisten- Congress durch das Aüfwerfen verschiedener Probleme selbst dazu den Anlas* gegeben hat. Kein Wunder daher, dass auch jetzt schon hier der Zionismus in gar verschiedener Art propagiert wird : ein je 1er sieht eben im Zionismus den Ausdruck seiner Weltanschauung. Mehr noch als die foimelle Einigung der beiden zionistischen Ortsgruppen hat die nicht immer in geräuschvollen Versammlungen sich kundgebende, aber nicht minder intensive Thätigkeit einer Reihe von Personen in den verschiedenen Vereinen und Zirkeln das zionistische Leben beeinflusst und gefordert und unserer Bewegung die mannigfaltigsten Beziehungen abzugewinnen vermocht. Von den Fragen, weiche die zionistischen Kreise besonders beschäftigt haben, sind neben den Congress- Verhandlungen, die scharf kritisiert wurden, den Erörterungen über den Zionismus selbst (mit specieller Berücksichtigung des Socialismus), über die Lage der jüdischen Arbeiter in Palästina, über Erscheinungen der neuhebräischen Literatur (Achad-Haam, 13erdyczewski) u. a. m., vor allem drei Momente zu erwähnen: Die rumänische Judennoth, der geplante deutsche Judentag un l das Verhalten der Delegierten des jüdischen Arbeiterhundes auf dem Pariser Socialisten - Congresse. Diese drei Themata bildeten nicht nur den Inhalt von Einzel vortragen, sondern gaben auch den meisten anderen Debatten eine bestimmte Richtung, belebten die zuweilen akademischen Ausfuhrungen, verliehen den Reden Feuer und Schärfe, Wehmuth und Kraft. Bald waren es Nachklänge der Congressrede von Nor da u, deren düstere Stimmungsbilder durch neue Thatsachen bestätigt wurden; bald war es mächtiger Unwille über das schmähliche Schweigen der Vertreter des Jüdischen" Arbeiterbundes, bald Aufruf zur Organisation der deutschen Juden zu würdigem Kampfe. Die Debatte über den deutschen Judentag hat allerdings die Berliner Zionisten von ihrem eigentlichen Streben allzu sehr abgelenkt, hat aber einen Zweck erreicht. Sie hat den Bankerott der jüdischen Assimilation in Deutschland aufs deutlichste gezeigt. Das assimilierte Judenthum, dessen Aufgabe es war, für die bereits officiell verleugnete Gleichberechtigung mit aller Energie einzutreten, vermochte sich nur hinter verschlossenen Thüren zu „entrüsten" und bewies eine unglaubliche Knechtseligkeit und Aengstlichkeit. So war denn der laute Kampf der Zionisten, besonders zu Anfang, eine Erfrischung, als vorübergehende Erscheinung eine That Sehr bedenklich wäre es jedoch für die weitere Entwicklung unserer Idee in Deutschland, wenn die Zionisten anfangen sollten, in solchem Masse an Kämpfen für die Gleichberechtigung sich zu betheiligen, obwohl sie sich dessen bewusst sind, dass sie von dieser Seite ihr Heil nicht zu erwarten haben. Es galt nur festzustellen, dass die Zionisten nicht daran denken, sich ihrer Rechte zu begeben, gerade so wie sie ihre Pflichten gegenüber dem Lande, in dem sie wohnen, zu erfüllen haben, und zwar nicht nur aus gesetzlichen, formellen Gründen, sondern viel mehr noch aus natürlichen, ethischen Motiven zu erfüllen haben. Ferner galt es, den egoistischen Indifferentismus der deutschen Juden hinsichtlich ihrer eigenen Zukunft zu brandmarken, den kleinlichen Krämergeist zu verscheuchen und zu einer GesammtOrganisation anzuspornen, es hiess, Würde und Selbstbewustsein in einen bisher fast stets würdelos geführten Kampf hineinzutragen. Am wichtigsten war es jedoch, immer und immer wieder auf die Consequenzen eines solchen Judentages hinzuweisen, der sicherlich zur Aufklärung über die eigene Lage, das eigene Wesen, die Zukunft und darum indirect zum Zionismus führen muss. Allein der neue Weg, den die Zionisten betraten, führte recht oft, namentlich zuletzt, zu gefährlichen Entgleisungen, und gar manche Rede, die von Zionisten für den Judentag gehalten wurde, hat den Zionismus innerlich geschwächt; einzelne Zionisten fielen aus dem Tone heraus und verliefen sich in das Gebiet der sogenannten „Abweht" sans phrase. Ist also die von den Zionisten in die Oeffentlichkeit hineingebrachte Judentagsbewegug sicherlich eine beachtenswerte Kraftäusserung gewesen, so ist andererseits höchste Vorsicht am Platze, dass der zionistische Standpunkt nicht gänzlich verschoben werde. Einen nicht minder heftigen Meinungskampf als die Judentags-Debatten riefen die Erörterungen über das Verhalten der Vertreter des jüdischen Arbeiterbundes auf dem Pariser Secialisten-Congresse hervor. Auch in deutschzionistischen Versammlungen wurde mehrmals mit herbem Spott und heftigem Tadel der Thatsache gedacht, dass diese Vertreter Jüdischer" Massen aufs gründlichste geschwiegen haben, als der erwähnte Congrcss in seiner Sympathie- Kundgebung für die unterdrückten Nationen gerade das am meisten verfolgte Volk, das jüdische, unerwähnt lies«. Ein bestimmter Kreis indes, nämlich die auf mehrere Hunderte sich belaufende russisch-jüdische Studentenschaft in Bern, wurde durch diese Angelegenheit in eine geradezu fieberhafte Aufregung versetzt. Die russischen Zionisten erblickten in dieser Thatsache eine so aussergewöhnliche Knechtschaft,, dass sie wenigstens ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen suchten, und der zionistische Verein russischer Studenten „Kadimah" wollte eine Resolution in diesem Sinne fassen. Da gab es mehrere, sozusagen historische Studenten-Versammlungen, in denen starke Leidenschaften