Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 9 (1.3.1901)
- Article
- Eine Hilfsaction zugunsten der nothleidenden jüdischen Bevölkerung in Galizien
- Date
- 1901-03-01
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die # Welt" Nr. 9 innerhalb der Länder ihres derzeitigen Aufenthaltes, also auch Galiziens. Die Voraussetzungen für das Unternehmen sind demnach falsch. Das hindert nicht, das Unternehmen selbst freundlich aufzunehmen, schon weil es uns selbst mit Genugthuung und guter Hoffnung erfüllen kann. Wir sehen da eine Action, die österreichische, deutsche, amerikanische Juden zugunsten ihrer galizischen Brüder einleiten wollen. Hat es vor dem Auftreten der Zionisten ein derartiges Interesse von Juden für Juden anderer Staaten oder Sprachen gegeben? Hat man den Zusammenhang, der zwischen den Schicksalen der Juden aller Länder besteht, auch nur verstehen, geschweige denn zugeben wollen? Ja, hat man denn nicht den Bestand einer Judennoth überhaupt geleugnet? Was haben nicht alles die Anti- und Azionisten von dem Gedankeninhalt des Zionismus in den letzten Jahren in sich aufgenommen und, ohne dass sie es zugeben würden, ja vielleicht, ohne dass sie sich dessen bewusst wurden, alsEigenes hergegeben! Schon fängt man an, zu verstehen, was Judennoth ist. Schon weiss man, dass sie mit den kleinlichen Mitteln der Abwehr nicht abzuwenden ist. Schon versucht man es mit grösseren Mitteln, schon wird sich ein Theil der wohlhabenden Juden der Pflichten des Besitzes gegenüber der Armut bewusst, — doch noch weicht man scheu dem Zionismus, dem Schlusssatze aus, obwohl man die Prämissen selbst als richtig anerkennt. Die Begründer der galizischen Hilfsaction erwarten von ihrem Unternehmen eine Lösung der galizischen Judenfrage. Dann hätte der Erfolg ihrer Action den Zionismus ad absurdum geführt. Wir erwarten das Gegentheil: Dass insbesondere diejösterreichischen „Bnai B'rith" gerade durch ihre Thätigkeit Erfahrungen sammeln werden, die ihnen bisher mangelten, dass sie vor allem zu der Erkenntnis gelangen werden, dass die Fragen der Auswanderung, der Arbeitslosigkeit, des Boycotts „innerhalb" der europäischen Länder kaum im Kleinsten, geschweige denn im Grossen gelöst werden können. Am leichtesten findet der den Uebergang zum Zionismus, der es auch nur im Geringen versucht, wirklich jüdische Thaten zu setzen. Es wäre sicherlich nur erfreulich, wenn wir uns auf dem Wege der galizischen Hilfsaction mit den „B'nai B'rith" im Zionismus fänden. So sehr uns die Nachricht von dem Unternehmen der „B'nai B'rith" erfreut hat, ebenso sehr enttäuscht hat uns die consiiluierende Versammlung des galizischen Hilfsvereines. Es scheint den Herren vorläufig nicht gelungen zu sein, weitere Kreise der Bourgeoisie heranzuziehen. Denn die Theilnehmer an dieser ersten Versammlung gehörten fast durchwegs den Logen der „Bnai B'rith" selbst an, von Vertretern des breiten Mittelstandes war überhaupt nichts zu sehen. Die ganze Art der Erledigung der Tagesordnung machte einen recht ungünstigen Eindruck. Wir wollen nicht vorschnell urtheilen. Aber würden wir uns nur von den Eindrücken dieser Versammlung bestimmen lassen, so müssten wir von einem „todtgeborenen Kinde" sprechen. Das Referat brachte rein äusserliche Details zur Kenntnis der Mitglieder. Es wurde von dem Anschlüsse der deutschen und amerikanischen Logen berichtet und schliesslich resümiert, dass das Unternehmen hoffentlich Erfolg bringen werde, „Allerdings," erklärte der Referent, „ist die Hilfsaction nur möglich, wenn die G esammt-Judenschaft aller Culturländer daran mitwirkt." Ueber das, worüber eigentlich zunächst zu berichten gewesen wäre, über die Art der geplanten wirtschaftlichen Unternehmungen, über das Resultat etwaiger vielleicht vorhergegangener Studien in Galizien, wurde nichts verlautbart. Keine eingehendere Würdigung der Lage der galizischen Juden, kein statistisches Material, keine fachmännischen Aeusserungen, keine Pläne. Wir wollen annehmen, dass im Schosse des Gründungs- Comites bereits über das Meritorische nachgedacht und berathen wurde. Gesprochen wurde jedenfalls in der constituierenden Versammlung kein Wort darüber. Und was noch eigentümlicher war: Obwohl das Referat kaum einige Minuten gedauert hatte, hatte kein Theilnehmer der Versammlung so viel Interesse, zu fragen, wie und was man arbeiten solle. Mit Recht äusserte sich in einer Ecke ein Unzufriedener, aber ebenso Wortfauler: „Es ist traurig, eine Sache, die eine Thätigkeit auf fünfzig oder gar hundert Jahre hinaus voraussetzt, so zu behandeln, als gehe es um die Gründung eines Veteranen-Vereines." In der schablonenhaften Manier dieser Art von Vereinen wurde dann die Wahl der Leitung über Vorschlag des Präsidiums durchgeführt. Bei dieser Gelegenheit gab es einen Augenblick etwas mehr W7ärme und Lebhaftigkeit. Ein Theilnehmer der Versammlung verwahrte sich dagegen, dass man die sechs Vorstandsstellen, die für Galizien vorbehalten sind, wieder mit Herren (Dr. Byk und Genossen) besetze, die in einem politischen Abhängigkeitsverhältnisse zum Polen-Club und den Polen ständen und für das Judenthum weder Zeit noch Herz hätten. Die Versammlung aber erklärte sich stürmisch für Dr. Byk, dem Redner wurde das Wort entzogen, Schluss der Debatte beantragt und angenommen, die Wahl per acclamationem beantragt und angenommen und darauf die Versammlung nach kaum einstündiger Dauer vom Vorsitzenden mit drei Sätzen geschlossen, von denen einer nicht mehr oder weniger besagte, als dass diese Versammlung „unter den Auspicien der gesammten Judenschaft tage . . Ist der Geist, der über dieser Versammlung schwebt, der Geist des ganzen Unternehmens, dann ist es schade, darüber ein Wort mehr zu schreiben. Vor allem muss die Sache ernst und gründlich, oder sie soll lieber gar nicht angepackt werden. Zum zweiten: Entweder planen die „B nai B'rith" eine Wohlthätigkeits- Aciion, dann können sie die Rollen der Almosenspender unter sich vertheilen. Oder aber sie wollen ein socialpolitisches Unternehmen begründen, dann müssen sie wissen, dass es keine unmündigen Stände mehr gibt, dass Socialpolitik mit Wohl thätigkeit nichts gemein hat, dass sie daher auch jene zuRath und That heranziehen müssen, für die sie sorgen wollen, zumindest aber wirkliche, ehrlich-jüdische Vertreteder ärmeren Stände. Die galizischen Juden, das sollen die Herren doch schon wissen, haben längst kein Vertrauen mehr zu den Bannerträgern der Assimilation. „Jüdische Polen'4 an die Spiize eines galizischen Unternehmens setzen, heisst, es von vorneherein discreditieren. Auch sonst ist es weder klug noch passend, wenn die Herren, um das Kind beim rechten Namen zu nennen, „unter sich14 bleiben. Wenn sie wirklich sich dessen bewusst sind, dass sie der Unterstützung des Gesammtjudenthums bedürfen, müssen sie einer Zahl von Repräsentanten des eigentlichen Volkes Eingang in die Vereinsleitung und in deren Agenden schaffen. Da gibt es nur ein „Entweder — oder". Entweder bleiben die Logen der „B'nei B'rith", was sie waren, exclusive Wohlthätigkeitsvereine, oder sie wollen mehr sein, die Schöpfer jüdischsocialpolitischer Einrichtungen, dann müssen sie die