Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 9 (1.3.1901)
- Article
- Eine Hilfsaction zugunsten der nothleidenden jüdischen Bevölkerung in Galizien
- Date
- 1901-03-01
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Eine Hilfsäction zugunsten der notleidenden jüdischen Bevölkerung in Galizien. Der Weltverband der israelitischen Humanitätsvereine „B'nai B'rith" plant eine Hilfsäction zugunsten der nothleidenden galizischen Juden. Von der richtigen Erkenntnis geleitet, dass . selbst zu einer theilweisen Linderung der galizischen Judennoth eine weitausgreifende Organisation noth wendig ist, beabsichtigt der österreichische Verband der „B'nai B'rith", einem Central- Hilfsverereine (mit dem Sitze in Wier) Zweigvereine in aller Welt anzugliedern, um die materiellen und geistigen Gräfte aller arbeitswilligen und hilfsbereiten Juden seiner Action nutzbar zu machen. Den „B'nai B'rith" allein gehören, wie es heisst, 25.000 Mitglieder an, die sich wohl zum grössten Theile den Hilfsvereinen anschliessen werden. Damit allein stellt sich die Action von vornherein als lebensfähig dar. Ueber Vereinssatzungen: den Zweck der Hilfsvereine sagen die § 1. Der Hilfsverein für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Galizien hat den Zweck, die materielle Lage der Juden in Galizien zu verbessern und deren Culturniveau nach Möglichkeit zu heben. ' § 2. ' Dieser Zweck soll angestrebt werden, insbesondere durch : 1. Schaffung von Arbeit und sonstigem Erwerbe für die jüdische Bevölkerung Gaüziens, Errichtung von Hausindustrien, Central-Ein- und Verkaufsstellen für gewerbliche und landwirtschaftliche Erzeugnisse, eventuell Subventionier ung von neu zu gründenden In dustrie-Unternehmu ngen. 2. Errichtung von gewerblichen Fachschulen, Creierung von Stipendien für Han d w erkslehrlinge und Veranstaltung von Vorträgen durch Wanderlehrer. 3. Beschaffungeines billigen und leichten Credites für das Gewei be, für das Handwerk, für den Ackerbau und Handel durch Er rieht u n g von Vorschüsscassen. 4. Zuführung zur Landwirtschaft. Bekanntlich hat der vierle Zionisten-Gongress zur Frage der wirtschaftlichen Hebung der Juden den Zionisten bestimmte Directiven gegeben, welche die Grundlagen für ein wirtschaftliches Programm der Zionisten aller Länder bilden sollen. Diese Directiven beziehen sich auf die Schulung der Massen für den wirtschaftlichen Kampf und auf die Fürsorge während der Arbeit und zur Zeit der Arbeitslosigkeit. Sie lauten: L Schulung für den wirtschaftlichen Kampf: a) Vorbereitung für den gewählten Beruf, nothwendig geworden durch die Absperrung der öffentlichen Schulen für Juden. b) Schaffung von Bernfsgenossenschaften und Gewerkschaften. % Fürsorge während der A r b e i t und zurZelt der A r b e i t s1o s i g ke i t: a) Kranken-, I n v a 1 i d i t ä t s- und Altersversorgung. b) Arbeitsver m i 111 u n g und Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. 3. Massregeln zur wirtschaftlichen Emancipation : a) Ermöglichung von Selbstpro d u c t i o n (P r odueti v-Genoss enschafte n). b) Erschliessung von Absatzgebieten f ü r diese Pro duetion. c) Schaffung von Credit-G en o s s en s ch aften, Vorschüsscassen, Rohstoff-Genossenschaften und Consumvereinen. Man sieht: Was die Zionisten in wirtschaftlicher Hinsicht für alle Länder planen und vorbereiten, zum Theile auch in ihrem Gultusgemeinde-Programm fordern, das planen im grossen und ganzen auch die „B'nai B'rith" für Galizien. Wir können darum ihr Unternehmen sicher nur sympathisch begrüssen, selbst wenn wir annehmen müssen, dass seine Begründer sich in Bezug auf den Erfolg ihrer Action allzu kühnen Hoffnungen hingeben. Wir brauchen für zionistische Leser nicht erst auszuführen und zu begründen, dass die galizische Judenfrage, wie die Judenfrage aller anderen Länder, durch Hiifsactionen, die nicht in ihren letzten Zielen zionistisch sind, nie und nimmer gelöst werden könne. Der Weg, den wir gehen, ist deutlich vorgezeichnet: Wir wollen die armen jüdischen Volksmassen durch Entfaltung einer socialpolitischen Thätigkeit (im weitesten Sinne des Wortes) solange stützen, bis die Judenfrage in der Etablierung einer jüdischen Heimstätte ihre Lösung findet. Wohl für die Mehrzahl der „B'nai B'rith" ist die galizische Hilfsäction erster und letzter Zweck. Sie glauben an die Möglichkeit der Lösung der Judenfrage