Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 9 (1.3.1901)
- Article
- Eine Hilfsaction zugunsten der nothleidenden jüdischen Bevölkerung in Galizien
- Date
- 1901-03-01
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 9 „Die x£ Welt4* Seite 3 Exclusivität aufgeben und sich selbst bemühen, im Interesse der Einheit jede Schranke zwischen sich und den Armen niederzureissen, vor allem die Schranken bourgeoiser Vorurtheile. Dann werden sie auch nicht Männer heranziehen, die sie früher im Dienste der Wohithätigkeit vielleicht verwenden konnten, die sie aber im Dienste einer jüdischen Volkspolitik nicht verwenden dürfen. Dann müssen sie in Volksversammlungen gehen, nicht allein in vornehme Säle, und dort von der Nothwendigkeit ihrer neuen Sache sprechen, dann muss aber auch die Jugend zur Unterstützung herangezogen werden. Die meisten Herren, die der constituierenden Versammlung beiwohnten, hatten schon weisse oder ergrauende Barte. Aber das Werk soll ja auf fünfzig Jahre hinausreichen. Oder gar auf hundert... Entweder — oder. Die Art der Leitung des Hilfsvereines wird bestimmend sein auf die Haltung, welche die Zionisten ihm gegenüber einnehmen werden. Das Unternehmen ist ihnen sicher sympathisch. Sie werden ihm gerne ihre Energie und die jungen Kräfte leihen, wenn es volksthümlich und in wahrhaft jüdischem Sinne geleitet werden wird, — aber auch nur in diesem Falle. B. F. Eine neue Meldung der „Pol. Correspondenz". Die /Politische Correspondenz" lässt sich wieder einmal aus Constantinopel über den Zionismus schreiben. Die Mittheilung hat folgenden Wortlaut: „O. M. Die Pforte hat bekanntlich im November v. J. an die Missions-Chefs in Constantinopel eine Circularnote, betreffend die Einwanderung und Niederlassung von Israeliten in P a-i ästin a? gerichtet, welcher ein Reglement beigegeben war, wonach für die israelitischen Pilger nach dem Heiligen Lande ein Zeitraum von drei Monaten (Hin- und Eückreise zusammengenommen) festgesetzt wurde. Diese Note ist, wie man uns aus der türkischen Hauptstadt berichtet, noch immer nicht allseits zur formellen Erledigung gelangt. Die italienische Botschaft hat allerdings bereits unter dem Datum des 10. December v. J. der Pforte eine Note zugehen lassen, in welcher erklärt wird, dass die italienische Regierung, für die es bloss italienische Unterthanen ohne Unterschied der Confession gebe, das erwähnte Reglement, welches mit den vertragsmässigen Rechten der Freizügkeitim Widerspruch stehe, als auf italienische Unterthanen unanwendbar bezeichnen müsse. Die Mehrzahl der Missions-Chefs steht principiell auf dem gleichen Standpunkte, wenngleich das Recht der Pforte, sich innerhalb der Grenzen der Opportunität gegen unerwünschte Masseneinwanderung aus dem Auslande zu wehren, nicht aus dem Auge verloren wird. Die Angelegenheit steht augenblicklich neuerdings in Erwägung, und die Antworten auf die erwähnte Circularnote werden jetzt vorbereitet. Ein wichtiges Moment dieser Frage bildet der Umstand, dass die Motive der Pforte bei der Einschränkung der israelitischen Einwanderung nach Palastina i ein politischen Charakters sind. Es ist eine ausser allem Zweifel stehende Thatsache, dass die massgebenden türkischen Kreise gegen die z i o n istische Bewegung von Misstrauen erfüllt sind. Von autoritativer türkischer Seite wurde diesbezüglich erklärt: „Die türkische Regierung befürchtet schon seit Jahren, dass die Israeliten in Palästina eine Art eigener Regierung errichten wollen. Trotz aller Befehle, welche an die betreffenden Behörden ergehen, sich strenge an die Vorschriften zu halten, die für die Dauer des Aufenthaltes israelitischer Pilger nach Palästina erlassen worden sind, gelingt es doch häufig, diese Vorschriften mit Hilfe der landesüblichen Mittel zu umgehen. Aus diesem Grunde sah sich die Pforte gezwungen, wiederholt auf den Gegenstand zurückzukommen, wie dies zuletzt mittelst des Reglements vom November v. J. geschehen ist. Die zionistischen Congresse, auf welchen der türkischen Regierung wegen ihrer Toleranz gegen die Israeliten Lob gespendet wird, rufen bei den leitenden türkischen Kreisen eher die gegentheilige als die beabsichtigte Wirkung hervor, da sich an massgebender Stelle die Ueberzeugung festgesetzt hat, dass die zionistische Bewegung in ihrer späteren Entwicklung politische Ziele in Palästina verfolgen werde." Als illustrierendes Beispiel kann folgende Thatsache dienen : Der Grossvezier Halil Rifaat Pascha hatte die Bemühungen eines seiner politischen Freunde gefördert, der für die Ansiedlung einer Anzahl Israeliten aus Rumänien in Palästina, die seitens reicher Religionsgenossen mit sehr beträchtlichen Mitteln versehen waren, eingetreten war. Mit Rücksicht aut höherenorts ergangene Befehle sah sich aber der Grossvezier gezwungen, in dieser Angelegenheit, die anfangs einen ungewöhnlich raschen Verlauf zu nehmen schien, jede weitere Unterstützung entschieden zu verweigern." Wie man aus dieser Correspondenz ersieht, gibt es auch in dieser Frage wie in mancher anderen, welche die massgebenden Kreise in Constantinopel beschäftigen, Meinungsverschiedenheiten. Die einen sind der Sache günstig, die anderen sind ihr nicht günstig. Aber selbst aus der offenbar nicht freundlich gemeinten Constantinopeler Correspondenz geht nur das hervor, dass irgend etwas Endgiltiges nicht vorliegt. Wohl aber lässt sich erkennen, dass die Zionisten bereits ein gutes Stück Arbeit gethan haben und sich manche wertvolle und hohe Sympathie zu sichern verstanden haben. __ & Judenthum und Liberalismus. Von Dr. A. Friedemann (Berlin). Am 7. Jänner 1900 fand in Berlin eine zionistische Massenversammlung statt, in der Schreiber dieser Zeilen als Referent auftrat. Es wurde das Verhältnis des politischen Liberalismus zum Judenthum erörtert und unter langanhaltendem Beifall der Versammlung der Satz aufgestellt: Das Axiom, als müsse das Judenthum unauflöslich mit den liberalen Parteien verbunden sein, ist verderblich. Es hindert die Juden an jeder selbständigen Thätigkeit zur Verbesserung ihrer Lage, erweckt den falschen Glauben, als seien die Juden ihrer innersten Regung nach Anhänger einer principiellen Opposition zu den Regierungskreisen, und schadet dem Liberalismus selbst, den es in den Augen der — grösstenteils antisemitischen — Volkskreise discreditiert. An diese Worte hat sich in Presse und Vereinen eine erregte Debatte geschlossen. Die Massen in den verschiedenen Volksversammlungen haben durch ihr Votum mit derselben Entschiedenheit die aufgestellten Sätze gebilligt, wie die Mehrheit der Presse sie bekämpft hat. Es besteht deshalb die Notwendigkeit, vor allem für die nächstbetheiligten deutschen Juden nochmalsklarzulegen, in welchem Verhältnis gegenwärtig Liberalismus und Judenthum zueinander stehen» Man pflegt heute Voltaire, Rousseau, Mirabeau, die geistigen Schöpfer der Juden-Einancipation, in aller Welt als Liberale zu bezeichnen. Man kennzeichnet damit natürlich lediglich jenen Geisteszustand, der im Gegensatze steht zu den Anschauungen einer nach politischen Ständen und Gassen gesonderten Gesellschaft. Oder — wenn man mit Stahl sprechen will — liberal ist, wer den Menschen betrachtet als Individuum an sich, als ein gegebenes und gleichberechtigtes Ganzes; conservativ dagegen denkt, wer den Menschen in seiner Beziehung zur Sache, zu dem Kreise seiner Lebensthätigkeit, seiner äusseren und inneren Entwicklung, betrachtet. Dass diese Definition richtig ist, beweist schon der Umstand, dass die oben genannten Männer sämmtlich Verfechter des sogenannten Naturrechtes waren, das „ohne Berücksichtigung der Historie, lediglich nach Recht und Billigkeit entscheiden sollte". (Friedrichs des Grossen Worte.) Dieser liberalen Weltanschauung schlössen sieh zu Anfang dieses Jahrhunderts die Juden allerwärts an. Ihr verdankten sie ja die Emancipation, ihr allein konnte es gelingen, den positiv vorhandenen Unterschied der Rasseneigenthümlichkeiten, jenen durch jahrhundertelange Unter-