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Die Welt · 1899-11-03 · 44 (3.11.1899) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
44 (3.11.1899)
Article
Renner Eindrücke
Date
1899-11-03
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 44 Seite 3 „Die H Welt“ an der Seite eines deutschen Generals zu Pferde einer Feldübungdeutseher Truppen beiwohnen gesehenhaben wollte. Dieser Mann hatte ein einnehmendes, beinahe vornehmes, höchstens etwas zu geschniegeltes Gesicht. Er allein konnte über seinen Charakter täuschen, gerade der eine Sträfling inmitten all dieser unbescholtenen Gefährten! Aber diese anderen — welche Köpfe! welche Augen! welche Hände! Und sie trugen den Rock und die Abzeichen der Ehre. Titel, vor denen Ordnungsfreunde sich zu verneigen gewohnt sind, sie gehörten einem Stande an, der sie zu den Hauptstützen des Gesellschaftsbaues macht. Welch ein Triumph, wenn Gegner Lombrosos ihnen vor fünf Jahren in einem Salon begegnet wären! „Da haben wir die vollkommensten Beispiele des Uomo delinquente, wie Lombroso ihn beschreibt. Und wer sind die Träger dieser Galeeren- und Galgen-Physiognomien? Die Verkörperung der Ehre! Die fleischgewordene Würde! Die angesehensten Männer des Staates.“ Im Lyceums- 8aale zu Rennes konnten diese Kritiker Lombrosos feststellen, was ihr Argument wert ist. Den abstossendsten Kopf hatte General Mercier: eine unwahrscheinlich verrunzelte, verwitterte, zerknüllte Maske eines alten Weibes, trotz des kurzen, an den herabgezogenen Mundwinkeln niederstreichenden Schnurrbartes, der im Gegentheile durchaus zu diesem Gesichte einer bösen Sieben zu gehören schien; eine lange, dünne, an der Spitze wie ein Geierschnabel jäh gekrümmte Nase und kleine, bleiern glanzlose, starre Augen eines lauernden Krokodils. Die Stimme stand in merkwürdigem Einklänge mit der Physiognomie. Sie war eine Folge schwacher Gähnlaute, und wenn Mercier eine Anstrengung machte, sie zu erheben, so quoll sie farblos, schmalzig und fauchend hervor, immer salbungsvoll, doch geärgert und von verhaltener grausamster Drohung bebend. Einen anderen, nicht minder unheimlichen Typus vertrat General Reget. Glatten Kopf, scharf gekrümmte, vveisse Nase, zu einer fletschenden Grimasse veizerrter Mund, gläserner Blick, die stärkste Annäherung an einen Tigerkopf, die Menschenbildung gestattet. Dazu fortwährende plötzliche, geschmeidig runde Bewegungen einer in kurzen Sätzen vorwärts eilenden und zurückweichenden, geduckten und lauernden Katze. Ein Blick genügte, um in diesen beiden die geistigen Urheber des Anschlages gegen Recht und Wahrheit zu erkennen. Sie waren die treibende Kraft, der Gedanke und die Leidenschaft des Dreyfus-Handels. Alle anderen waren untergeordnete Helfer; dieser Boisdeffre mit der seitlich verdrückten rothen Pontacnase, den ungeheuerlichen Würger- und Schlächterhänden, der belegten, polternden Schnapsgurgelstimme, dieser feiste Billot mit der falschen Biedermannsmiene, dem listigen, jedem Auge ausweichenden Blick und den Tremolos eines Provinz-Goulissenreissers in der Stimme, dieser niedrig-tückische Gonse, der, wenn er auf frischer That des schmachvollsten Liigens ertappt, vor dem Richtertische dicke Tropfen schwitzt, beim Herabsteigen von der Bühne seinen Kumpanen mit dem Grinsen einer verkommenen Schulrange zulächelte, die sich eben aus einem ängstlichen Verhöre herausgelogen hat, und der ganze Tross der kleineren Helfershelfer, bei dem schildernd zu verweilen zu unerquicklich ist, obschon der Gleissner Chamoin und besonders der Artillerie- Director General Deloya mit seinem vollendeten Ghinesenkopfe, seiner übertreibenden Declamation und dem caricaturalen Geberdenspiele bald eines rasselnden Heldenvaters, bald eines komischen Alton der vornaturalistischen Schule eigentlich Erwähnung verdienen würden. Als ich diese Auslese confiscierter Gesichter vor mir sah, da erwachte in mir eine Vorstellung, bei der es mich kalt überlief. Hier, im Lyceums-Saale, spielten sie keine glänzende Rolle. Sie redeten hochnäsig, klagten an und gebrauchten Ausdrücke der Verachtung, aber sie wussten sehr gut, dass sie die Angeklagten waren, sie fühlten sehr gut, dass die zermalmende Verachtung der dreihundert Zuhörer auf ihnen lastete, und das hinderte die Entfaltung ihres eigentlichen Wesens. Nun dachte ich mir jedoch alle diese Generäle und Stabsofficiere in triumphierender Ausübung ihres Berufes, in der Allgewalt von Siegern, an der Spitze eines Riesenheeres, worüber sie unbeschränkt verfügten, als unverantwortliche Gebieter eines überwundenen Landes, einer eroberten Stadt, als Herren über das Leben und Vermögen eines niedergeworfenen Volkes, über die Ehre der Frauen und Mädchen, und eine schwarze Wolke zog mir an den Augen vorbei. Welche unaussprechlichen und nicht auszudenkenden Gräuel, welche Folge von Raub, Mord und Schändung, von Höllenthaten und Grausamkeit und des ruchlosen Uebermuthes, wenn diese Tiger und Schakale nach ihres Herzens Gelüste schalten konnten und auf einen Wink ihres Fingers zweitausend Kanonen und eine Million Gewehre und Bajonnette jeden Einfall ihres Verbrechergehirnes verwirklichten! Und wer sagt uns, dass ganz ähnliche Naturen nicht wirklich in derartigen Lagen waren? Und Bazaine in Mexico, und Weyler auf Cuba, und Hayn au in Ober-Italien, und gewisse Generäle des ersten Kaiserreiches und des dreissigjübrigen Krieges, um nicht weiter zurückzugehen P Die Köpfe, die ich vor mir hatte, fügten sich als bedeutsame Randglossen zur ganzen Kriegsgeschichte, zur ganzen Weltgeschichte hinzu und erklärten sie mit brutaler Deutlichkeit. Wahrlich, zum Friedenscongresse von Haag konnte ein ausdrucksvolleres Nachwort nicht gefunden werden als die Verhandlungen von Rennes. Ueber einen Punkt bin ich mir nicht ganz klar geworden. Zur Feststellung des erschreckenden Unterschiedes der Physiognomien auf der Seite der Ankläger und der Vertheidiger genügt ein Blick. Die Frage ist nur: Hat erst die mehrjährige, geheime und öffentliche Mitarbeit an dem gemeinsamen Verbrechen diesen zwanzig Männern, die unter dem Anstosse von zwei oder drei geborenen Verbrechern handelten, die Brandmarke sittlicher Verwüstung und Erniedrigung aufgedrückt, oder hat sich von vorneherein der Auswurf eines Standes wahlverwandt um diese aasige Angelegenheit gesammelt, wie in den Landsknechtszeiten der Abschaum der Stadt und des Landes zusammenlief, wenn die Werbetrommel dröhnte P Auch die erste Möglichkeit ist nicht kurzerhand abzuweisen, denn beim heutigen Stande der Naturerkenntnis leugnet nur der Unwissende die plastische Kraft des Gedankens nach der Schönheit wie nach der Hässlichkeit hin. So viel ist sicher : Ungefähr alle, die in der Dreyfus-Sache auf der Seite der Verfolger eine nennenswerte Rolle gespielt haben, sind auffällig gezeichnet und müssen selbst unbekannt, selbst auf der Strasse bemerkt werden, namentlich wenn ihrer zwei oder drei beisammen sind. Hieraus geht aber auch der tröstliche Schlusseindruck hervor, den ich denn doch im ganzen aus dem Lyceums-Saale zu Rennes mitgenommen habe. Die Gruppe von Missethätern, die man da am Werke gesehen hat, ist keine durchschnittliche Menschheit. Sie vertritt normaltypisch weder einen Stand, noch ein Volk, noch die Gattung. Jeder Schluss, der, von ihr ausgehend, über sie selbst hinausgreifen würde, wäre deshalb nothwendig ein Fehlschluss. Diese Männer sind

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