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Die Welt · 1899-11-03 · 44 (3.11.1899) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
44 (3.11.1899)
Article
Renner Eindrücke
Date
1899-11-03
Page
4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Die A Welt“ Nr. 44 Ausnalimswesen; sie sind wie sittlich so anatomisch als solche gekennzeichnet. Sie tragen die Warnung vor sich selbst im Gesichte. Ihr Anblick bringt uns zum Bewusstsein, um wieviel schöner, anheimelnder, harmonischer die gewöhnliche Menschenbildung, diejenige der ungeheuren Mehrheit der uns umgebenden Artgenossen ist. Diese Männer sind Monstra im teratologischen Sinne des Wortes. Sie sind eine Untergattung für sich, eine verhältnismässig winzige Abart, und von der Hauptgattung durch innere und äussere Merkmale grob, sinnfällig geschieden. Und diese Thatsache, dass die Verbrecher schon als körperliche Erscheinung ausserhalb der Menschheit stehen, bewirkt, dass man den Renner Gerichtssaal nicht als Verächter, sondern als Schätzer der Menschheit verlässt. Die rumänische Krisis und die Juden. Die ganze Welt weiss es heute: Rumänien durchlebt eine ungeheure Krisis. Die Landwirtschaft, welche die einzige Quelle des nationalen Reichthums bildet, hat durch die heurige Missernte einen schweren Schlag erlitten, und dieser Schlag trifft die ganze rumänische Bevölkerung, denn in Rumänien gilt noch der alte Spruch : Wenn der Landwirt nichts zu kauen hat, hungert auch der Kaufmann und der Handwerker. Was aber ist die Ursache dieser ungeheuren Krisis, die jetzt Rumänien heimsucht, da doch kaum anzunehmen ist. dass die Missernte eines einzigen Jahres dieselbe genügend erklärt? Indem wir in aller Kürze die ökonomischen und politischen Verhältnisse dieses Landes schildern, werden wir auch auf die soeben aufgeworfene Frage die allein richtige Antwort finden. Rumänien war und ist ein Agriculturstaat. Die kolossale Ertragsfähigkeit seines Bodens, der ungeheure Wald- und Thierreichthum, sein grosses Flussnetz, die Jahrhunderte alte Beschäftigung seiner Bevölkerung bestimmen es dazu. Leider hat aber die rumänische Landwirtschaft nicht Schritt gehalten mit den Fortschritten der Technik. Zum grossen Th eile wird noch in Rumänien der Boden in primitiver. Weise bestellt. Man darf wohl sagen, dass für die meisten rumänischen Landwirte das Düngen und systematische Bestellen des Bodens fromme Wünsche oder gar lächerliche Bücherweisheit geblieben sind. Es wird einfach im Frühling gebaut und im Herbst geerntet. In der Zwischenzeit wird mit echt orientalischer Resignation zum Himmel emporgeschaut, ob Regen kommt, oder aber ob das Wetter trocken bleibt. Wenn letzteres zutrifft, werden die Heiligenbilder herumgefahren, was manchesmal hilft, öfters aber auch nicht. In diesem Falle rechnet man eben mit einer Missernte, und verlässt sich darauf, dass die jeweilige, allmächtige Regierung schon Mittel und Wege finden wird, um sich und den Landwirten aus der Klemme zu helfen. So ungefähr geht es schon über vierzig Jahren in der rumänischen Landwirtschaft zu. Es versteht sich von selbst, dass der Boden dabei immer weniger ertragsfähig wurde, und die Folge davon ist, dass schon seit einer längeren Reihe von Jahren die Ernte mittelmässig bleibt* was für einen rein landwirtschaftlichen Staat wie Rumänien, verhängnissvoll sein muss. Versucht man aber, die Ursachen dieses primitiven Zustandes der Landwirtschaft zu erforschen, so stösst man sofort auf die unleidlichen politischen Verhältnisse* Der Gutsbesitzer spielt in der Politik eine präponderierende Rolle. Da er einer Wahlclasse angehört, ohne deren Unterstützung eine Regierung sich kaum halten kann, wird er in jedem neugeschaffenen Gesetze besonders begünstigt und dictiert auch dem gesammten administrativen Beamtenthum seines Bezirkes, ganz zu schweigen von den Beamten seines Dorfes: Gemeindevorsteher, Gemeindenotar u. s. w., die er nach seinem Belieben ernennen und absetzen lassen kann. Diese seine Allmacht gibt dem Gutsbesitzer das Bewusstssin, dass er unter allen Umständen die Protection und Förderung der Regierung, des Staates gemessen muss, und die Folge davon ist ein Sichgehenlassen, eine Nachlässigkeit in der Bestellung und Verwaltung seiner Güter, die er ganz der Sorge seiner Gutsbeamten — meistens ungebildete Leute — überlässt, um nur dann mit seiner gewichtigen Persönlichkeit zu intervenieren, wenn der gute Himmel entweder zu viel oder zu wenig des Guten gethan hat, was beides in der Landwirtschaft von Uebel ist. Andererseits haben die einander ablösenden Regierungen der Landwirtschaft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Der Unterstützung der Gutsbesitzer sicher, solange denselben alles gewährt wird, beschäftigten sie sich hauptsächlich mit der Herstellung von Arbeiten, welche Rumänien den Glanz eines fortgeschrittenen Staates verliehen, ohne aber im Grunde die wirklichen primitiv-orientalischen Verhältnisse auch nur im geringsten zu verändern. Verkehrsmittel wurden zwar unter grossen Opfern geschaffen, aber das war auch alles. Es wurde weder an Berieselungsarbeiten gedacht, welche das Land von den Unbilden des Wetters unabhängig machen konnten, noch wurde' die Schaffung einer landwirtschaftlichen oder sonstigen Industrie ermöglicht, welche verhindert hätte, dass ein ganzes Land aus einer einzigen, verhältnismässig unsicheren Vermögensquelle schöpfe. Ein einziger rumänischer Staatsmann ist es, welcher die Landwirtschaft modernisieren wollte, wirmeinen Herrn Carp, während dem jetzigen Premier zugestanden Werden muss, dass er an gewisse Berieselungsarbeiten vor zwanzig Jahren gedacht, dass deren Ausführung aber nie zustande gekommen ist, selbst unter der Regierung des verstorbenen Lascar C a t a r gi u nicht, unter welcher Herr Cantacuzen als Senatspräsident einen grossen Einfluss ausübte. Aber die Grundursache aller dieser Uebel ist die unglaublich traurige politische Lage, in welcher die rumänischen Juden belassen wurden. Und wie ein falschverstandener Patriotismus, d. h. ein antisemitischer Patriotismus, unter Umständen ein Land zugrunde richten kann, dafür ist das Werk der rumänischen Patrioten, die jetzige ungeheure Krise sammt ihren unabsehbaren Folgen, ein lehrreiches Beispiel. Bekanntlich sind die eingeborenen Juden in Rumänien von allen politischen Rechten ausgeschlossen. Sie werden als Fremde betrachtet, gl eich gütig ob auch ihre Ureltern in Rumänien gebürtig waren, ob sie Militärdienst leisten, ob sie auch alle Pflichten dem Staate gegenüber, genau wie der patriotischeste Bürger, erfüllen. Diese Ausnahmsstellung, in welcher die rumänischen Machthaber die dortigen Juden belassen, wird von den ersteren, nicht so sehr mit der Angst vor einem Ueberhandnehmen des jüdischen Einflusses im politischen Leben begründet, als vielmehr damit, dass die Juden als Bürger sich durch Ankauf in kürzester Zeit des ganzen rumänischen Bodens bemächtigen könnten. Die Verfassung sieht denn auch vor, das ländlicher Grund und Boden von „Fremden“ nicht erworben werden darf — als „fremd“ gilt aber jeder, welcher sich nicht der poli- ' tischen Rechte erfreut, folglich auch der eingeborene Jude. Diese, nach Ansicht der rumänischen „Patrioten“ weise Massregel ist aber die eigentliche Ursache der ganzen verzweifelten Lage, in welcher sich jetzt Rumänien befindet. Denn erstens hat das erwähnte Verbot zwar verhindert, dass „Fremde“ Grundbesitzer in Rumänien werden, nicht aber dass die einheimischen Grundbesitzer, also die Bojaren, ihre Güter mit bei „Fremden“ aufgenommenen Schulden belasten und zweitens hat dieses selbe Verbot dem „fremden“ Capital es unmöglich gemacht, eine landwirtschaftliche Industrie

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