Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 44 (3.11.1899)
- Article
- Renner Eindrücke
- Date
- 1899-11-03
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die # Welt“ Nr. 44 Augenblick lang zurecht. Er war immer Partei, und zwar niedrige, jeden Vortheil der Stellung treulos missbrauchende und ausbeutende, beinstellende und tückische, Rückenstösse versetzende Partei. Er suchte den Angeklagten zu verderben; aber mehr als ihn, mehr als seine Vertheidiger, mehr als die militärischen Entlastungszeugen hasste er uns, den antiken Chor der Tragödie, di^ Dreihundert halbamtlichen Abgesandten Europas und Amerikas im Saale, die unerbittlich scharten Seh- und Hörwerkzeuge, durch die vierhundert Millionen weisser Menschen in den Lyceurnssaal von Rennes hineinlugten und hineinhorchten. Wenn er den Gendarmen, die uns all die Zeit mit Mörderaugen anblickten, hätte befehlen dürfen, uns allesammt, selbst die Vertreter der nationalistischen Presse nicht ausgenommen, unter ein Salvenfeuer zu nehmen und keinen einzigen Zeitungsschreiberschädel heil zu lassen, er hätte vielleicht Dreyfus freigesprochen. Ich habe die sichere Empfindung, dass in seine Verurtheilung des Unschuldigen ein Bedürfnis von Rache an den dreihundert Pressleuten, den Verkündern seines Rahmes, mit hinein spielte: „Das wäre zu dumm!“ wird nur der ausrufen, der nie den scheuen, hinterhältigen Blick der kleinen Augen dieses Mannes hinter seinem Kneifer überrascht hat. Alles an ihm war erbärmlich kleinstädtisch und philiströs, selbst der Beweggrund seiner Missethat. Er handelte nicht aus grosser, wenn auch verbrecherischer Leidenschaft, nicht aus einem jener tiefwurzelnden Triebe, die das ganze Wesen eines Menschen durchsetzen und ihn gegen alle Gebote von Gesetz und Sitte blind und taub machen. Er misshandelte den Angeklagten, vergewaltigte die Vertheidigung und die Entlastungszeugen und verurtheilte zuletzt den Unschuldigen aus Pickwickier-Gründen; aus platter, feiger Liebedienerei, um den fälschenden und lügenden Generälen zu gefallen, um mit seinem Umgänge von zehn oder zwölf Officieren, Geistlichen und bretonischen Krautjunkern im Einklänge zu bleiben, vielleicht um eine häusliche Gardinenpredigt zu vermeiden. Man würde staunen, dass dieser kleine Mensch so grosse Schmach auf sich und eine Gesanuntheit häufen konnte, wenn man sich nicht erinnerte, dass der Fingerdruck eines kleinen Mädchens das Höllenthor im Hafen von New-York sprengte, als alles dazu vorgekehrt war. Der rangnächste Beisitzer, Oberstlieutenant Brogniart, war die einzige Physiognomie von höherer Geistigkeit im Gerichtshöfe. Ein unsymmetrisches Gesicht, das von einer hohen Denkerstirn beherrscht war, harte, braune Augen, die den Angeklagten fortwährend wie mit Dolchstichen durchbohrten, ein bitterer Mund, eine stolze, ragende Haltung des Kopfes, gaben zusammen ein eindrucksvolles Bild. Das war kin livreetragender Scherge, sondern ein Herr, ein Uebelthäter in eigenem Rechte, ein verspäteter Vertreter der Gattung, die in früheren Jahrhunderten häufiger war, ein Inquisitor, ein Ligueur, ein Weissbindenträger der Bartholomäusnacht. So zwingend ist die Ueberlegenheit des Gedankens, dass er trotz seines offenbar, n Fanatismus um seines klugen Aussehens willen dennoch sympathisch gewirkt hätte; aber die Stimme zerstörte diesen Eindruck. Es war eine rauhe, polternde stimme ohne Vornehmheit, die den felsigen Untergrund und die finsteren Molchhöhlen seines Wesens verrieth. Sein Nachbar, Major Merle, hatte ein weiches, wohlwollendes Professorengesicht mit Brillen, hochgezogenen Brauen und einem semmelblonden, anspruchslosen Schnurrbart. Im Aufsichtsrathe eines Waisenhauses oder in einer Prüfungs-Commission hätte man ihn schwerlich bemerkt. In diese wüste Gruppe eingesprengt, fiel er stark auf. Vom ersten Tage an sagte ich zu meiner Umgebung: „Dieser Richter spricht frei; wenn nicht aus Einsicht, dann aus Güte und Mitleid.“ Es überrascht mich nicht, dass man ihn als den anderen der beiden bezeichnet, die dem Urtheile der fünf widerstanden. Noch einer der Officiere, Oberstlieutenant de Breon, sah gutmüthig, doch schwächlich aus. Auch von ihm versah ich mich auf die Miene hin eines Uriheils der Milde, wenn nicht der Gerechtigkeit. Es scheint, dass ich mich nur halb getäuscht habe. Er soll sich lange gewehrt und zuletzt nur gegen das Zugeständnis mildernder Umstände nachgegeben haben. Die beiden übrigen Beisitzer, die ich noch beobachten konnte, ein alter Major und ein junger Hauptmann, waren dagegen einfach unheimlich. Der Graubart glich mit seinem eckigen, knochigen Gesichte, seinen gekniffenen Lippen und seinen gesträubten Brauen dem Rottmeister der Landsknechte auf einem Callot sehen Stiche, den ich besitze, und wo er das Rösten und Schinden einiger eingebracltten Bauern leitet. Der Hauptmann war das vollendetste Modell eines Alba sehen Officiers, das ich je gesehen habe: stechende, glänzende Schwarzaugen ohne Erbarmen, deren Blick zu Foltern lacht, eine gerade, weitnüstrigo Nase, von jähen Zornwallungen häufig gebläht, eine niedrige, unter dem dichten, pechschwarzen, bürstenartig geschorenen Kopfhaare beinahe nur angedeutete Stirne, ein verwegener, natürlich oder kosmetisch glänzender schwarzer Schnurrbart. Diese Erscheinung war wenigstens ästhetisch, wenn nicht moralisch zulässig. Der Mann täuschte nicht. Er schien, was er war: ein schwarzer Panther. Er verheimlichte auch seine Gefühle nicht. Den Entlastungszeugen hörte er nicht zu. Während sie sprachen, spielte er mit allerlei Dingen, starrte auf die Decke, gähnte oder zeigte in Haltung und Miene unverkennbar Gedanken flucht. Eine Ausnahme machte er nur bei Picquart und Major Hartmann. So oft diese beiden Helden erschienen, schoss ihm das Blut in Wangen und Augen, und er duckte sich wie ein Raubthier vor dem An Sprunge zusammen. Er war der eine, der triumphierend dreinschaute, als Oberst Jouaust das Urtheil verlas. In jenem Augenblick legte er seine schöne Seele dar. Merkwürdiger als der merkwürdige Gerichtshof waren die Belastungszeugen, die in einem Rudel beisammen sassen, feindlich geschieden von den anderen, der winzigen Minderheit, die in der rechten Saalhälfte ein verlorenes Häuflein bildete. Als ich diese Generäle und Stabsofficiere und gewesenen Minister betrachtete, musste ich mit bitterem Lächeln an einen der grossen Einwände denken, die alle Amtsperrücken und Schlendrianpriester der Lehre Lombrosos vom geborenen Verbrecher bei ihrem ersten Auftreten entgegenhielten: „Wie können die anatomischen Eigentümlichkeiten, die das Merkmal des geborenen Verbrechers sein sollen, diese Bedeutung haben? Man findet sie ja fast ebenso häufig bei anständigen Menschen wie bei Zuchthäuslern!" Unsere Antwort war immer: „Unter anständigen Menschen verstehen Sie wohl unbestrafte Menschen. Was wissen Sie aber von ihren Trieben und Drängen? Wer sagt Ihnen, dass diese anatomisch gekennzeichneten Individuen nicht lediglich das Glück hatten, nicht ertappt zu werden P" Die Meister und Gesellen des Lügengewebes, das Dreyfus erwürgen sollte, waren, mit einer einzigen Ausnahme, aus dem Verbrecheralbum gestiegen. Drollig genug diese eine Ausnahme, der ehemalige Stallknecht und jetzige Pferdehändler Germain, der mehrfach vorbestrafte falsche Zeuge, der Dreyfus 1886 in Mülhausen