Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 44 (3.11.1899)
- Article
- Renner Eindrücke
- Date
- 1899-11-03
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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A Redaction und Administration WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 10 kr. Der Inseratenteil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 15 kr. Rß711 tfonmicA1 Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 6 fl. 12 Kr., halbjährig 3 fl. — 6 Kr. Für das Ausland: Deutsch- DuaUgupiuluCa land ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 8hg., halbjährig 7 8hg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40 Gt. Nr. 44 Wien, 3. November 1899. 3. Jahrgang Renner Eindrücke. Von Max Nordau. Während der dreissig Vormittage, die ich im Lyceum-Saale zu Rennes verbrachte, hatte ich keine Zeit, zu träumen, wohl aber zu schauen. In dem Masse, wie das Drama, dessen Zeuge ich war, in die Vergangenheit zurückrückt, ordnen sich in meiner Erinnerung die empfangenen Gesichtseindrücke zu einem Gesammtbilde und gewinnen einen geistigen Ausdruck, den sie nicht haben konnten, so lange sie Bruchstücke waren. Seit der „Begnadigung“ von Dreyfus — welche Schmach, sich einem Unschuldigen gegenüber dieses Wortes bedienen zu müssen! — ist dem Verbrechen, das kaltblütig und vorbedacht in Rennes begangen wurde, wenigstens ein schlimmer Theil seiner sachlichen Wirkung genommen worden. Man kann mit geringerer Empörung daran denken und mit grösserem Gleichmuthe von jenen sprechen, die es verübt haben. Ich war gegen die Richter nicht voreingenommen. Heute beklage ich sie mehr, als ich sie verachte und verabscheue, denn sie waren ohnmächtig, ihre teuflischen Absichten zu verwirklichen, und ihre Missethat schändet für alle Zeiten nur sie und nicht den Mann, der ihr Opfer werden sollte. Kein Hass verzerrte mir ihr Bild, als ich sie täglich fünf Stunden lang vor Augen hatte. Kein nachtragender Grimm entstellt es mir jetzt in der Erinnerung. Ich bin sicher, dass ich sie nicht mit meiner Empfindung sah. Ich bin sicher, dass meine Empfindung auch jetzt dem Bilde keine subjectiven Züge hinzufügt. Die vollkommen gegenständliche Wahrheit ist aber, dass man sich schwer eine beunruhigendere, unheimlichere Sammlung von Köpfen vorstellen kann, als die des Renner Gerichtshofes. Nach Haltung und Miene war es eine Mischung von Ketzertribunal und Prisengericht in einem Piratenlager. Von den Beisitzern zeigten die einen den eisigen, finsteren Fanatismus der Inquisitoren, die anderen die Galgenstrick-Hartgesottenheit von Freibeutern, einer oder der andere beide Charaktere zugleich oder die niedrige Aufgeblasenheit des Büttels, der von seinem Stockprivileg durchdrungen ist. Den Hauptmann Beauvais nehme ich ans. Nicht weil er einer der beiden Rechtschaffenen ist, die gerecht geurtheilt haben, sondern weil ich ihn von meinem Platze im Saale nur beim Kommen und Gehen flüchtig sehen, doch niemals genau beobachten konnte. Als der jüngste Officier war er der Flügelmann am Richtertische, und die Gruppe der Verteidiger des Angeklagten und des ihn bewachenden Gendarmerie-Hauptmannes entzog mir dauernd seinen Anblick. Der Vorsitzende, Oberst Jouaust, konnte eine ganz oberflächliche Beobachtung eine kleine Weile täuschen. Man sah dann nur einen gewaltigen weissen Schnauzbart, einen Kneifer und dunkel gebliebenes, über der Stirn noch ziemlich dichtes Haupthaar, alles in allem die Physiognomie eines Militär-Bureaukraten, der umso eisenfresserischer aussehen will, je weniger er mit dem eigentlichen Kriegsdienste zu schaffen hat. Aufmerksamere Betrachtung führte jedoch bald zu anderen Wahrnehmungen. Alles an diesem Manne war unecht und auf Täuschung berechnet. Sein Gesicht war eine Carnevalsmaske, sein grimmiger Schnurrbart ä la Victor Emanuel ein Theater-Requisit, der Behelf eines gleichgiltigen temperamentlosen Routineschauspielers, der einen alten Haudegen darzustellen hat. Hinter diesem einschüchternden Borstengestrüpp verbarg sich unvollkommen , ein . schlappes, jämmerliches Schwächlingsantlitz, das eine muftige, finstere Seele und Liv.reeh e dient engefühle errathen liess. Eine schwammige, kleine Nase, kaum gross genug, um dem Kneifer einen Reitsitz zu gewähren, ein formloser, ewig schmollend und maulend verkniffener Mund, eine wetternd krausgezogene enge Stirn, kleine Augen, die in 150 Verhandlungsstunden nicht zwei Minuten lang gerade auf Dreyfus oder Labori blickten, auch nicht, besonders nicht, wenn der Mann zu dem einen oder anderen sprach, eine keifende oder knurrende Stimme, die sich nur in den beiden Lagen des grollenden Brummens oder zänkischen Kreischens bewegte und nicht ein einzigesmal den kurzen, klaren Manneston des ruhigen Befehles fand, ungeduldiges Achselzucken, zufahrende symbolische Handbewegungen eines galligen Rechthabers, der sich über Widerspruch ärgert, das waren die sinnfälligen Züge in der Erscheinung des Mannes, der den weltgeschichtlichen Process zu leiten hatte. In der Würde eines Richters fand er sich keinen