Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 43 (27.10.1899)
- Article
- Judenverfolgungen in Böhmen und Mähren
- Date
- 1899-10-27
- Page
- 8 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 8 „Die Hi Welt« Nr. 48 Endlich gegen */49 Uhr hörte man Trommelschlag. Militär von Krems:i er marschierte heran, trieb die johlende, flüchtende Menge vor sich, säuberte die Strassen und half den behördlichen Organen, die strengsten Massnahmen zur Herstellung der Ruhe durehzuführen. Das Gericht trat in Wirksamkeit. Das enttragene Gut wurde bei den Plünderern gefunden, Hausdurchsuchungen und Verhaftungen wurden vorgenommen; die Untersuchung dauert fort. Der angerichtete Schaden beträgt tausende von Gulden. Es wird wohl gelingen, die Verbrecher dem Strafgerichte zuzuführen. Die Anstifter blieben weit vom Schüsse. * 4- * Ein an die „N. Fr. Pr.‘4 gerichtetes Privatschreiben aus Holleschau vom 23. d. berichtet Eolgendes: Unsere sonst so friedliche Stadt ist heute der Schauplatz des Grauens und der Verwüstung. Schon am vergangenen Samstag tauchte hie und da das Gerücht auf, man werde Sonntag „auf die Juden losgehen“. Sonntag sah man in den Strassen Affichen: „Dnes v 8 hodin harr na zidy!“ („Heute um 8 Uhr los gegen die Juden!") Plötzlich, um etwa 4 Uhr nachmittags, sah man im Fenster des Gasthauses des hiesigen Bürgermeisters Pokorny ein Bildnis Hülsners und ein brennendes Licht, und gleich darauf wurden von der johlenden Menge die Fenster der Branntweinbrennerei des Abraham Grät zer eingeschlagen. Unter den Drohrufen : „Nieder mit den Deutschen!“ „Nieder mit den Juden!“ und „Hej Slovane!" singend, bewegte sich die Menge in die Judenstadt. Steine — von Weibern eifrig herbeigeschleppt — flogen in Fenster und Strassenlaternen. Die einschreitenden Gendarmen wurden mit Hohngelächter und einem Hagel von Steinen empfangen. Sie geriethen selbst in härteste Bedrängnis; endlich commandierte der Gendarmerie-Wachtmeister „Feuer!". Kein von einem Juden bewohntes Haus blieb verschont. Eine Gemischtwarenhandlung, ein Tuchgeschäft und drei Privatwohnungen wurden erbrochen und vollständig ausgeplündert. In einer der letzteren, der Frau E. Batscha gehörig, wurde nach Ausräubung alles Beweglichen Feuer gelegt, das jedoch glücklicherweise von selbst erlosch. Die noch gestern ruhiger Wohlhabenheit sich erfreuenden Besitzer sind heute ruiniert. Ihre Waren sind geraubt oder vernichtet, ihre Häuser halb demoliert. Beim Brande der Branntweinbrennerei des Abraham Grätzer wurde die Feuerwehr mit Hohngelächter, Pfui-Rufen und wilden Drohungen empfangen, so dass sie unthätig Zusehen musste, wie die rasende Menge den Brand mit Slava-Rufen, Händeklatschen und ohrenbetäubendem Geschrei begleitete. Vor dem anstürmenden Militär flüchtete die Menge mit dem geraubten Gute. Säcke voll Gemischtwaren, Kisten voll Seife, Kerzen u. dgl., Lampen, Ballen Tuch und Leinwand schleppten die Plünderer fort. Die herrlichen Glasmalereien in den Fenstern des Tempels sind grösstentheils zertrümmert. Die „N. Fr. Pr.“ vom 24. Oct. meldet ferner: Mehrere hundert Juden sind aus Holleschau geflüchtet. Trotzdem Militär dort ist, wollen sie nicht bleiben; sie können sich mit ihren Familien dort nicht mehr sicher fühlen. Alle Nordbahnzüge führten heute jüdische Flüchtlinge aus Holleschau theils nach dem Norden, theils nach dem Süden. Mehrere dieser Flüchtlinge, darunter eine Familie mit kleinen Kindern, sind heute abends in Wien eingetroffen. Der Anblick der Flüchtlinge, die mit Weib und Kind, im ganzen ungefähr zwanzig Personen, die Coupds verliessen, war jammervoll. Die Kinder, meistens Mädchen, darunter mehrere noch im zartesten Alter, scharten sich verzagt und furchtsam auf dem Perron um ihre Eitern. In panikartiger Flucht mussten die Leute die Stadt verlassen. Es sind zumeist Familien, die sich eines gewissen Wohlstandes erfreuten. Sie mussten aber alles im Stiche lassen und Hab und Gut preisgeben, um nur das nackte Leben zu retten. Die Flüchtlinge erzählen, wie durch wochenlang fortgesetzte Agitation die christlichen Bewohner des Ortes, die bisher mit den Juen in grösster Eintracht gelebt hatten, gegen die Juden aufgehetzt worden waren, so dass heute kein Jude mehr dort seines Lebens sicher ist. Nachdem sie den Wagen, der sie aus Holleschau auf den Bahnhof gebracht, verlassen hatten, sahen sie, dass sich eine Rotte auf den Kutscher stürzte und ihm die Rückfahrt in die Stadt verwehrte, weil er Juden gerettet habe. Der jüdische Fleischhauer B o t s c h a, dessen Wohnung bis auf den letzten Nag$l geplündert worden ist, wurde noch auf der Fahrt zum Bahnhofe an gefallen und durch Stein würfe amJCopfe verletzt. Einer unserer Mitarbeiter hatte Gelegenheit,. mit einem der Flüchtlinge, einem angesehenen Mitgliede der Holleschauer Judengemeinde, zu sprechen. Derselbe war infolge der Vorfälle in der Sonntagsnacht noch so erregt, dass es ihm schwer fiel, eine .zusammenhängende Darstellung der Ereignisse zu geben. Die ersten bedrohlichen Anzeichen, erzählte er, waren schon Samstag nachmittags wahrzunehmen. Arbeiter der Druckerei des Lambert Klabusay, der früher ein Deutsch-Nationaler war und jetzt jungczechischer Antisemit ist, excedierten in der Judenstadt und stiessen Drohungen gegen die Juden aus. Bezirkshauptmann Dr. L o sek wurde hiervon unterrichtet; er legte die Uniform an, begab sich zum Gendarmerieposten, der aus vier Mann besteht, und gab ihnen den Auftrag, zu patrouillieren. Bürgermeister Po korny wurde angewiesen, die städtische Polizei zu consignieren, die gleichfalls vier Mann stark ist. Aber die Wachmänner Mainka und Schimanek giengen mit dem Hauptagitator Klabusay in verschiedene Wirtshäuser, wo sie zechten. Während der Excesse in der Nacht von Samstag auf Sonntag war keiner der vier Wachleute in der Judenstadt zu sehen. Diese Excesse begannen, indem zwei Arbeiter namens S w o b o d a, Vater und Sohn, den Polizisten der Judengemeinde — diese verfügt nur über einen einzigen — prügelten, als er bei einer Rauferei intervenieren wollte. Es folgten in der Samstagnacht noch einige kleinere Ausschreitungen, die letzte gegen 1 Uhr morgens vor dem Hause des jüdischen Spediteurs B erg, dessen kranke Frau in der ebenerdig gelegenen Wohnung zwischen Leben und Tod schwebt. Der Sonntag brachte schon am Morgen neue Beunruhigung für die Juden. An den Strassenecken erschienen die Placate, durch welche die Bevölkerung aufgefordert wurde, abends gegen die Juden loszugehen, und im Auslagefenster des Druckers Klabusay wurde die ganze Hülsner-Literatur ausgestellt. Klabusays Leute beschäftigten sich damit, den Landleuten, die zahlreich kamen, die Ritualmordbilder zu erklären. An allen Ecken und Enden wurde gehetzt, nicht am wenigsten im Gasthause des Bürgermeisters Pokorny, das sonst gewöhnlich der Versammlungsort der Beamten, der Lehrer und der besser situierten Bürger ist. Das Einschlagen der Fensterscheiben begann um 4 Uhr nachmittags beim Hause des Liqueurerzeugers Grätzer. Der städtische Polizist Mainka, der auf einen Mann aufmerksam gemacht wurde, welcher den ersten Stein geworfen hatte, begnügte sich damit, zu erklären, er kenne den Mann, er machte aber keine Miene, ihn festzunehmen. Bald darauf kam, von Erwachsenen geführt, eine grosse Schar von Schuljungen in die Judenstadt und begann gleichfalls mit einem Steinbombardement; die Erwachsenen folgten dem Beispiel der Buhen. Zwei Vertreter der Judengemeinde, welche die Gefahr erkannten, eilten zum Bezirkshauptmann und baten ihn, Militär zu requiriren. Dr. L o s e k erwiderte aber, er bürge dafür, dass die Ruhe und Ordnung weiter nicht gestört werden; er würde sich lächerlich machen, wenn er militärische Hilfe verlangte. Dass diese aber sehr nothwendig gewesen, zeigte sich schon beim Eintritte der Dämmerung. Bald nach 5 Uhr abends begannen diePlünderungen. Die Gendarmerie war zu schwach, sonst hätte nicht so arg geplündert werden können. Ausgeplündert wurden : die Branntweinbrennerei Grätzer, das Spezereiwaren- 'Geschäft M. & E. Batscha auf dem Ringplatz (im Local dieser Firma sind nui* noch die leeren Wände zu sehen), ferner das Schanklocal der Frau Veronika Batscha, das Manufacturwaren-Geschäft von Max Beers Sohn, von dessen Lager im Werte von 30.000 fl. gar nichts übrig geblieben ist. Die Läden wurden mit Werkzeugen aufgesprengt, und die Excedenten benahmen sich wie Vandalen. Auch in Privat Wohnungen drangen sie ein, verübten Erpressungen, forderten Geld und nahmen mit, was ihnen in die Hände fiel. Viele nahmen aus den Wohnungen der Juden Bettzeug mit und zerrissen es auf der Strasse, die stellenweise aussah, als ob Schnee gefallen wäre, so dicht lagen die Federn umher. Vier Stunden hindurch dauerte die Plünderung; erst durch das Erscheinen des Militärs wurde derselben Einhalt gethan. Es gibt kein Judenhaus in Holleschau, dessen Fenster nicht zertrümmert sind. Die Plünderer verschonten seiht ein Haus nicht, in welchem ein To dt er lag; der Verstorbene, Moses Gold, wurde heute unter militärischer Bedeckung begraben. Der Gemeinclerath E h r 1 i c h, der Polizjei-Commissär der Judengemeinde ist, wurde heute auf die Denunciation, dass er aufExcedenten aus seinem Hause geschossen habe, verhaftet. Mittags war er noch in Haft. Auf allen