Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-10-27 · 43 (27.10.1899) · p. 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
43 (27.10.1899)
Article
Judenverfolgungen in Böhmen und Mähren
Date
1899-10-27
Page
7 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315840-3391512--15478-3391648
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 43 „Die Hl Welt44 Seite 7 haben/ Der Mann sprach im Flüstertöne, unsere Schritte widerhallten in den wie aasgestorbenen Strassen. Bald tauchte rechts, bald links ein Object der Volkswuth auf, Häuser, die bis zu den Dachluken mit Steinen bombardiert worden waren,.mit zerbrochenen Fensterrahmen. Kamen wir an ein Haus, dessen Front vollständig dunkel war, dann flüsterte mein Begleiter: „Da wohnen Jude n.“ Die Häuser, der Christen waren wohl beleuchtet, aber das Licht drang nur durch geschlossene Jalousien. „Und alles haben sie zerschlagen,“ fuhr der Mann in seiner Erzählung fort, „die Thüren haben sie erbrochen, alles haben sie fortgeschleppt, und den Branntwein haben sie auslaufen lassen und angezündet.“ . Wir., waren, eben bei der Kirche angelangt, die an der einen Breitseite, des grossen Hauptplatzes liegt, der ein Rechteck bildet. Gegenüber der ,Kirche beginnt eine Gasse, wo . die Branntweinbrennerei, von G r ä t z e r sich befindet. Noch als wir vorbeikamen, glimmte es im Innern des liohl ausgebrann t'en Hauses. Wir kamen auf den Hauptplatz selbst, wo sich das Gemeindeamt befindet und an dessen: anderer Breitseite das „Judenthor4* liegt, und die Gassen der J.udenstadt beginnen. Auf dem Hauptplatze befinden sich die geplünderten Geschäfte. Vor einem Papierladen sieht man den Boden des Platzes weit und breit mit Resten von Schreibpapier bedeckt, das der tolle Haufe aus dem. Laden geworfen und vernichtet hatte. Alle fünfzig Schritt stiessen wir auf einen Wachposten, der die Häuser bewachte. Die Behörde hatte für heute die Schliessung aller Hausthore und Wirtshäuser schon für 6 Uhr abends augeordnet. Kein Laut störte die Stille des weiten Platzes. Nur vor dem Gemeindehause war es lebendig. Dort hatte das eingerückte Militär sein Hauptquartier aufgeschlagen, und von hier wurden die Patrouillen entsendet, welche die Stadt und deren nächste Umgebung abgiengen. Um 9 Uhr hörte man den Marschtritt einer grossen Militär-Abtheilung auf dem Hauptplatze; die Säbel der Officiere, die Bajonnette der Mannschaft glitzerten im Mondenschein. Kein Trommelschlag, kein lautes Commando. Das aus Hradisch neu eingerückte Bataillon machte vor dem Gemeindeamte Halt und wurde von dort in die ihm angewiesenen Ubicationen vertheilt. Man athmete auf, als der neue militärische Zuwachs eingelangt war, denn die Furcht, die gestrigen Excesse könnten sich wiederholen, lastet schwer auf den Holleschauern, und sie wünschen sehnlich, dass das Militär nicht zu früh abbeordert werde. Als man die betrunkene Masse durch den ersten militärischen Succurs zum Weichen brachte, brüllten die Wüthenden: „Wir kommen wieder und machen die Arbeit schon noch fertig!“ Nach langsamer Wanderung an den zerstörten Objecten, an den Ueberresten vernichteten Gutes vorbei, kamen wir endlich zum „Hotel M a r t i 1 i k" („zum Kaiser von Oesterreich“) auf dem Hauptplatze. Das Thor war geschlossen. Auf mehrfaches Pochen wurde geöffnet. Man liess uns passieren. In den Gastzimmern waren die Läden geschlossen, die wenigen heimischen Gäste sassen in der Nähe des Schankes und wurden nicht müde, den Jammer des gestrigen Tages zu schildern. Im Hause selbst lagen zwei Opfer der Katastrophe, z w e i junge Mädchen, die im Hotel bedienstet waren und die aus Neugierde vor das Hotel getreten waren, um doch auch etwas von der Plünderung und dem Brande auf dem Platze zu sehen. Da kamen die Kugeln; dem einen der beiden Mädchen gieng die Kugel durch beide Beine, und es ist nicht gewiss, ob sie mit dem Leben davon kommt; das andere Müdchen erlitt eine leichtere Verwundung durch den Schus s. Vor dem Thore des Hotels, etwas näher zu dem gegenüberliegenden Gemeindehause, spielte sich der blutigste Theil dieses Dramas ab. Hier vor dem Zugang zur Judenstadt, welche die Masse schon vorher heimgesucht hatte, wohin sie in ihrer tollen Wuth nochmals stürmte, uni die Juden auszuplündern und zu erschlagen, stellte sich ihr die Gendarmerie entgegen. Das halbe Dutzend bewaffneter Menschen gegen eine Masse, die allmählich durch Zuzüge aus den Nachbar Ortschaften und Fabriken auf mehr als tausend Mann angewachsen war, vermochte nichts auszurichten. Die Gendarmen wurden verhöhnt, gestossen und geschlagen; sie mussten es bald aufgeben, die Menge auseinanderzujagen, die sie immer mehr bedrohte. Alle Mahnungen blieben fruchtlos und verhallten im Gejohle der Menge. Wie immer, ist es auch hier schwer zu constatieren, vyas schliesslich für das Schiessen den Ausschlag gab. Plötzlich übertönte eine Gewehrsalve das Toben der blindwüthigen Menge, alles stürmte zurück, vier Todte und zahlreiche Verwundete lagen auf dem Boden in ihrem Blute. Der Fleischermeister Augustin Pruseno>vsky hinterlässt fünf unmündige Kinder. Das Parte, welches die Familie ausgab, erzählt, der Verstorbene sei „einem Zufall, unschuldig, in einem, stürmischen Augenblick entfesselter Leidenschaften, •zum Opfer gefallen.“ In der Nähe Prusenowskys lag eine ungefähr 50jährige Frau erschossen, weiter weg zwei Arbeiter, einer derselben, namens Turner, hinterlässt sieben unmündige. Kinder, von denen das jüngste fünf Monate alt ist. Es läuft einem kalt über den Rücken, wenn man diese Details in der Wirtsstube bei fahler Beleuchtung von übernächtigen, geängstigten Leuten erzählen hört; Von Sprachenverordnung und nationalem Fanatismus keine Spar: das menschliche Elend in seiner blutigsten Gestalt lässt die Leute die Parole vergessen, die zu Beginn des Lärmes ausgegeben war, gerade so wie die Plünderer und Mordbrenner nicht an die politische Deutung dachten, die man ihrem Treiben aufzuprägen suchte. Da hiess es nur: „Schlagt, die Juden todt! Nieder mit den Juden!“ Nun, nach geschehener That, beginnt sich, freilich auch das Mitleid für die Geplünderten zu regen, die gerade nicht zu den Millionären zahlen und ihr ganzes Hab und Gut verloren-haben. In der Kremsieferstrasse, wohin sich der Pöbel zurückzog, als die blutige Katastrophe auf dem Hauptplatze vorüber war, schlugen die zu wilden Bestien gewordenen Mordbrenner die Fenster eines christlichen Hausbesitzers ein. Er trat vor den Volkshaufen hin, um ihn auf den Irrthum aufmerksam zu machen. Das half nichts. Nun lief er den Leuten zu: „Kennt Ihr mich denn nicht, ich bin doch als ein patriotischer Mann (Vlastenec) in der ganzen Stadt bekannt?“ Das Klirren der Scheiben war die Antwort auf diesen Appell an die Stammesgemeinschaft. Ich versuchte es, einige Erkundigungen bei anderen Insassen der Stadt einzuholen. Ich läutete an den Hausglocken, ich klopfte an den-Thoren. Niemand Öffnete. Aengstliche Gesichter lugten verstohlen bei den Fenstern. Da sie einen Unbekannten sahen, öffneten sie nicht. Ich holte mir eine officielle Darstellung, die in ihrer objectiven Nacktheit Folgendes besagte: Am Samstag kleiner K r a w a 11 in der Judenstadt. Ein Jude wird geprügelt, zwei Männer verhaftet. Diese Demonstration, angeblich wegen der Aufhebung der S p r a c h e n .Verordnung, hatte weiter keine Folgen. Am Sonntag begann die Demonstration mit der Ansammlung von Burschen, die Spottlieder auf Deutsche und Juden sangen, durch die Judenstadt zogen und die Juden höhnten. Die Bursche erhielten bald reichen Zuwachs. An dieser, wie es hiess, „nationalen Demonstration“ betheiligten sich bald auch besser gekleidete Leute. Die Bursche wurden aggressiver, schon klirrte unter dem Hohngelächter der Excedenten da ein Fenster und dort ein Fenster in den Wohnungen der Juden. Die immer grösser werdende Menschenmenge zog schreiend, lärmend, singend durch die ganze Stadt. Alles war eitel Lust u n d F r e u d e. Da kam Zuzug von den Nachbard ö r f e r n und Fabriken. Stunden vergiengen bei diesem Treiben. Die -behördlichen Organe waren nicht mehr imstande, die Menge zum Auseinandergehen, zu veranlassen. Es traten Elemente an die Spitze der Bewegung, welche die behördlichen Organe verhöhnten, die Massen aufhetzten und zur Plünderung un d zum Rauhe auffo rder ten. Nun ■wurden die Läden, die des Sonntags wegen geschlossen waren, erbrochen. Johlend theilten sich die Einbrecher in den Raub. In den Schänken wurde getrunken, und als die betrunkenen Bestien den Branntvveinschank Grätzer plünderten, s c h 1 u g p 1 ö t z 1 i c h d i e. F l a m m e 1 i. c h t e r 1 o h aus dem G e b ä u d e. Jeder Lösch versuch wurde verhindert, und mit Noth gelang es, die im Keller .lagernden Fässer wegzurollen und eine Explosion zu verhindern. Es war- 7 Uhr geworden, die Dunkelheit brach herein, und der Feuerschein der brennenden. Branntweinschänke röthete die Mauern der Kirche auf dem Platze. Die toll gewordenen P 1 ü p d er erj. ohlten und t a n z t e n u m d a s bre litt ende Haus, und nun hiess es wieder: „Auf zur Jadenstadt! Schlagt die Juden todt!“ Dorthin wälzte sich die Menge durch die Seitenstrassen, bombardierte die Häuser und die Synagoge, und als sich beim Judenthor die Gendarmen dem MenschenscJiwall entgegensteilten, kam es zur geschilderten Katastrophe. Die Plünderer Hessen in ihrer Wuth nichts unversehrt; jetzt hiess es nicht mehr Jude oder Deutscher, jeder Besitz war gut genug, zerstört zu .werden. Die behördlichen Organe begannen für das Leben und Eigenth u m aller Bürger d e r S t a d t zu fürchten. Drei demolierte Geschähe auf dem Haupt- platze, die brennende „Patina“ bezeichnten den Weg, den die Excedenten-genommen. Sie drohten, die ganze Stadt in Brand zu stecken.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.