Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-10-27 · 43 (27.10.1899) · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
43 (27.10.1899)
Article
Judenverfolgungen in Böhmen und Mähren
Date
1899-10-27
Page
9 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315840-3391512--15480-3391650
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr, 43 „Die 2$ Welt“ Seite 9 Stationen traf ich Flüchtlinge; sie gehen nach Napagedl*), , Brünn, 01mütz,Wien, einige sind auch nach Ungarn gefahren,, Als ich heute abends in Wien auf dem Nordbahnhofe ein traf, rief ich mehreren Holleschauern auf dem Perron zu: „Haltet Euch zusammen, damit wir uns nicht verlieren!“ Zwei elegant gekleidete Herren, die neben uns giengen, hörten das, und der eine sagte zu seinem Begleiter, auf uns zeigend: „Ja, Zusammenhalten! Erschlagen soll man das Gesindel!“ Das war unser Empfang in Wien. s 2- * * Eine hervorragende Rolle bei den Hetzereien hat nach den Erzählungen aller Flüchtlinge der Druckerei-Besitzer K1 a b u s a y gespielt. Schon Samstag abends haranguierte er mehrere betrunkene Bursche gegen die Juden. Nach V42 Uhr nachts drang er an der Spitze seiner Arbeiter in die Judenstadt und begann zu randalieren und die Fenster einzuschlagen. Er wurde deshalb von den Juden mit seinen Begleitern aus der Strasse hinausgeprügelt. Sonntag früh hieng er vor seinem Hause eine blutige Cravatte und ein blutiges Hemd auf; eb'nso ein Bild des Ritualmordes — eine blutrünstige Phantasie. Er ist auch derselbe, der seit Wochen Broschüren und Bilder vom Polnaer Processe druckt und colportiert. Auch sehr viele intelligentere Elemente sollen sich an den Ausbreitungen betheiligt haben, selbst besser gekleidete Frauen und Mädchen. Die Gattin eines Lehrers, sowie andere Frauen sollen der Menge, als das Bombardement auf die Fenster begann, Steine zugetragen und zu weiteren Excessen ermuntert haben. Die Juden mussten sich theils in den Wohnungen, theils in der jüdischen Gemeindekanzlei verstecken, um nicht der Wuth der Excedenten zum Opfer zu fallen. Als die Excedenten zu dem Hause des Rabbiners Dr. Freimann kamen, schrieen sie : „DasHaus müsse n w i r bis auf den Grund zerstören und alles, was darin ist, erschlagen." Man schrie nach Leitern, man wollte vom Dache aus anfangen und keinen Stein auf dem andern lassen. Als die Situation nun anheng, äusserst kritisch zu werden/ sammelten sich die wenigen Gendarmen und es ergieng die Aufforderung an die Menge, sich zurückzuziehen. Darauf wurde die Wache verhöhnt. Als eine nochmalige Aufforderung nichts fruchtete, gaben die Gendarmen Feuer. Es war ungefähr um llß Uhr, in dem Momente, als man daran gi eng, das Haus des Rabbiners zu demolieren. Der Fleischhauer P r u s e n o w s k y, ein Opfer der Kata,strophe, hatte sich, an den Plünderungen hervorragend : betheiligt. Nach den Schüssen wendete sich die Wuth der Plünderer gegen die Gendarmen; sie begaben sich zur Gendarmerie-Kaserne, um sie zu demolieren. Mittlerweile waren schon 45 Mann Infanterie unter Hauptmann Glück in die Stadt ein gerückt, und es wurden sofort die Strassen gesäubert. Leute, die erst heute abends Holleschau verliessen, wollten gesehen haben, dass nachmittags ein Bursche, der die Menge zur Plünderung aufforderte und den Militärcordon mit Gewalt durchbrechen wollte, von den Soldaten mit den Bajonnetten niedergestochen wurde. Ferner soll um 5 Uhr nachmittags vom M i 11t ä r eine Salve abgegeben worden sein, deren Detonation sie noch auf der Flucht gehört haben wollen. Aus Gaya wird vom 28. October geschrieben: Gestern demonstrierte in Gaya am Stadtplatz eine Menge von 1000 Jungezechen, die eine drohende Haltung" gegen die Juden einnahm. Die Behörden verkennen die Gefahr oder stehen ihr gleichgiltig gegenüber. Es wurden wiederholt Zettel gefunden, welche die Austreibung der Juden bis Neujahr ankündigen.. , * Wie aus K u t t e n b e r g gemeldet wird, haben dort am 20. October neuerliche antisemitische Ausschreitungen sattgefunden. In Pilsen kam es am 22. October zu antisemitischen Kundgebungen. AusKremsier wird gemeldet: Am 22.. October fanden hier Demonstrationen statt. Einige tausend Menschen zogen durch die Stadt, nationale Lieder singend. An einigen Stellen wurden die Fenster eingeschlagen j namentlich im deutschen Concord La- Hause, und in einigen Häusern, die Juden gehören. Der Polizei und dem Gendarmerierath gelang es, ohne Gewaltanwendung, die Ruhe wieder herzustellen. Eine Person wurde verhaftet, mehrere zur Strafamtshandlung angezeigt. Nach Berichten aus Eipel kam es am 20. d. M. zu einer Demonstration, indem sich etwa 5 0 0 b i s 6 0 0 P e r- *) Aus Napagedl wurden vom 24. October nun ebenfalls Juderikra walle gemeldet. Die Red. sonen, meist Fabriksarbeiter, ansammelten und unter verschiedenen Rufen durch die Stadt zogen. An den Häusern der Fabrikanten Oberländer und Morawetz, sowie der Geschäftsfirmen Kohom und Schulz wurden viele Fensterscheiben durch Steinwürfe zertrümm e r t. An dem weiteren Herumziehen wurden die Demonstranten durch einen zwei Mann starken Gendarmerieposten und vier Mann der städtischen Polizeiwache gehindert und schliesslich auseinandergetrieben. Wie aus Rokitzan berichtet wird, zog dort am 20. d. M. abends ein Trupp von etwa hundert jungen Leuten singend, Pereat- und Hanba-Rufe ausstossend, durch die Stadt. Bei Juden wurden Fensterscheiben eingeschlagen. Die städtische Polizei zerstreute ohne Intervention der Gendarmerie die Menge. Nach Berichten aus Jungbunzlau durchzogen hunderte von Arbeitern die Stadt, wobei bei Juden und der Bezirkskrankencasse Fenster eingeschlagen wurden. Gendarmerie trieb die Menge auseinander. In Klattau kam es am 21. d. M. abends zu einer Demonstration. Etwa vierhundert Personen zogen singend und Slava-Rufe ausstossend herum, zerstreuten sich jedoch. Ein Theil der Demonstranten zog in die Launergasse, wo sie bei Juden Fensterscheiben einschlugen. Gendarmerie zerstreute die Menge. In Müncheng r ätz hielt der politische Verein der national-freisinnigen Partei am 22. d. M. eine Generalversammlung ab. Nach derselben zogen etwa zweihundert Personen singend durch die Strassen, zerstreuten sich jedoch über Aufforderung des Bürgermeisters. Unbekannte Tliätev schlugen im Hause eines Juden zwei Fensterscheiben ein. Auch in Bakow demonstrierten nationale Arbeiter durch Absingen nationaler Lieder. Am 20. d. M. haben in L a u n neuerlich Demonstrationen stattgefunden: eine grosse Menschenmenge, zum Theile aus den umliegenden Ortschaften, sammelte sich singend und johlend auf dem Marktplatze an. Der Bezirkshauptmann und die Gendarmerie, welche die Menge zum Auseinand ergeh en au Forderten, wurden mit Steinen beworfen. Der Bezirkshauptmann wurde am Halse nicht unbedeutend verletzt; er ist dienstuntauglich. Von der Gendarmerie, die in der Zahl von 35 Mann ausgerückt war, erlitten sechs Mann leichte, einer schwere Verletzungen. Die Menge wurde vom Ringplatze in die Seitengassen gedrängt, wo bei Juden Fensterscheiben eingeschlagen wurden. Heute trifft dort eine halbe Escadron Dragoner ein. In Reichenau an der Knezna wurden am 17. d. M. nach einer ruhig verlaufenen Demonstration im weiteren Verlaufe der Nacht bei einem Volksschullehrer und in der Fabrik der Firma E. Her sch mann Fensterscheiben eingesdilagen. Tribüne. Wir erhalten aus Wilna die folgende interessante Zuschrift, die wir mit grosser^!enugthuung veröffentlichen : Sehr geehrte Redaction! Mir ist erst heute die Nummer 180 der „H a z e p h i r a h“ zu Gesicht gekommen, die eine Mittheilung des Mainzer „Israelit“ enthält, wonach in Wilna im Laufe dieses Sommers eine grosse Rabbiner-Versammlung getagt hätte, in der beschlossen worden sei — den politischen Zionismus zu bekämpfen, weil er im Widerspruche zu dem jüdischen Religionsgesetze stehe, und ferner auch der weiteren Colonisation in Palästina und Syrien entgegenzuwirken, wenn dieselbe nicht unter der Aufsicht der Rabbiner vorgenommen würde. Als Schriftführer einer in Wilna thatsächlich am 13., 14. und 15. Juli a. St. abgehaltenen Versammlung, an der u. a. acht der angesehensten Rabbiner Lithauens theilnahmen, und die offenbar vom „Israelit" gemeint ist, halte ich es für meine Pflicht, die obenerwähnte Meldung nicht weiter durch die jüdische Presse circulieren zu lassen. Der richtige Sachverhalt ist folgender: Am 13./15 Juli fand in Wilna eine Rayonsversammlung von 66 Delegierten zionistischer Vereine aus 49 Städten Lithauens statt. Die Versammlung wai eine rein zionistische und bezweckte, einerseits als Vorconferenz zum Baseler. Congress zu dienen, anderseits die localen Verhältnisse der zionistischen Vereine Lithauens zu besprechen. Anwesend waren nur Delegierte von zionistischen Vereinen, und die Rabbiner erschienen ebenfalls . nur als Vertreter von zionistischen Vereinen. Das Protokoll der Beschlüsse wurde in hebräischer und russischer Sprache seinerzeit nach Basel abgeschickt. , Die Versammlung besprach alle Punkte der Tagesordnung des Baseler Congresses gründlich und fasste Be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.