Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 40 (6.10.1899)
- Article
- Die nationale, internationale Socialdemokratie
- Date
- 1899-10-06
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315837-3390956--15083-3391057- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 „Die H Welt" Nr. 40 erklärung, und schon der erste Leitsatz betont, dass die internationale Arbeiterpartei Oesterreichs „die Vorrechte der Nationen ebenso wie die der Geburt und des Geschlechtes“ verurtheile. Doch hier wie dort keine positive Forderung, die sich im Sinne einer Stellungnahme zugunsten des Nationalismus deuten Hesse. Der Besitzstand der einzelnen Nationen soll nicht lädiert werden! Das ist alles. Auf dem Brunner Parteitage hat nun die österreichische Socialdemokratie eine auffallende Schwenkung zum Nationalismus hin ausgeführt. Hatte man früher nur erklärt, dass die Völker in der Bethätigung ihres Nationalismus nicht gehindert werden sollen, so erklärt man jetzt unverhohlen, dass jede derartige Bethätigung sich des vollen Beifalles der Socialdemokratie erfreut und von ihr unterstützt werden soll. „Er (der Parteitag) erklärt feierlich, dass er das Recht jeder Nationalität auf nationale Existenz und nationale Entwicklung anerkennt“. Auf „nationale Entwicklung“ ist der Ton zu legen. Das „Recht auf Existenz“, das ist der frühere Standpunkt: Man will nichts gegen die Existenz unternehmen. Aber das „Recht auf Entwicklung“ — in dieser Erklärung sind schon eine Menge positiver Forderungen enthalten. Die Völker sollen alle nationalen Kräfte entfalten und alle nationalen Güter zur Entwicklung bringen. Das ist der unverfälschte Nationalismus. Die internationale Socialdemokratie Oesterreichs bekennt sich als nationale, internationale Socialdemokratie. Dieser nationalistische Grundton findet sich in der ganzen Debatte, die das Nationalitätenproblem behandelt. Es wird erklärt, dass „die Pflege und Entwicklung der nationalen Eigenart aller Völker in Oesterreich“ ermöglicht werden soll. Der Referent Seliger bezeichnet den Vorwurf der nationalen Geschlechtslosigkeit als Schimpf: „wir, die wir als national geschlechtslos beschimpft werden“. Abgeordneter Daszynski bezeichnet die Ausstreuung, dass die Socialdemokratie „national indifferent“ sei, als „Lüge“. Der Ruthene Hankiewicz erklärt: „Wir sind überzeugt, dass die internationale Macht des Proletariats nur dann sich entwickeln wird, wenn jede Nation über ihre Geschicke wird entscheiden können. Wir wissen, dass die sociale und politische Befreiung auch die nationale Emancipation voraussetzt. Die ruthenischen Socialdemokraten erstreben deshalb auch die nationale Freiheit ihrer ganzen.Nation, damit das geeinigte und befreite ruthenische Volk als ein ebenbürtiges Glied in der Reihe der Völker dastehe“. Pernerstorfer sagt: „Wir meinen, dass vor allem jede Nation in ihrer Existenz geschützt und gesichert werden muss. Eine Sicherung einer Nation gibt es aber nur durch Feststellung bestimmter nationaler Territorien“. Dr. Ellenbogen: „Es ist gewiss lächerlich, wenn einzelne Genossen uns mit Hinblick auf unseren internationalen Standpunkt sagen, dass wir es nicht nöthig haben, uns mit der nationalen Frage zu befassen“, er befürwortet ferner für die Nationen „das Recht auf unbeschränkte Geltendmachung ihrer Nationalität“. Und derartige Aeusserungen finden, sich in der ganzen Debatte. Der Socialismus blickt also nicht mehr geringschätzig auf den Nationalismus hinab, der Nationalismus ist in Brünn sozusagen arbeiterzeitungsfähig geworden. Das Nationalgefühl ist aus untergeordneter Stellung in die Reihe der höheren „Bewusstseinsformen“ erhoben worden, und steht jetzt ebenbürtig neben dem Classenbewusstsein. Der Nationalgesinnte, der von einem Socialisten um sein politisches Glaubensbekenntnis befragt wird, wird nicht mehr zu erröthen und verlegen herumzustammeln brauchen, er wird mit einer gewissen ruhigen Würde, die ihre Quelle in den Beschlüssen des Brünner .Parteitages hat, seine nationale Gesinnung eingestehen können. Der Brünner Parteitag hat auch das Mittel gefunden, um allen Völkern Oesterreichs das Recht auf nationale Existenz und nationale Entwicklung zu sichern, und den bedrückten Volker-Minoritäten ein ruhiges Dasein zu verschaffen. Das Mittel lautet folgendermassen: 1. Oesterreich ist umzubilden in einen demokratischen Nationalitätenbundesstaat. 2. An Stelle der historischen Grönländer werden national abgegrenzte Selbstverwaltungskörper gebildet, deren Gesetzgebung und Verwaltung durch Nationalkammern, gewählt auf Grund des allgemeinen, gleichen und directen Wahlrechtes, besorgt wird. 3. Sämmtliche Selbstverwaltungsgebiete einer und derselben Nation bilden zusammen einen national einheitlichen Verband, der seine nationalen Angelegenheiten völlig autonom besorgt. 4. Das Recht der nationalen Minderheiten wird durch ein eigenes, vom Reichsparlament zu beschliessendes Gesetz gewahrt. 5. Wir anerkennen kein nationales Vorrecht, verwerfen daher die Forderung einer Staatssprache; wie weit eine Vermittlungssprache nöthig ist, wird ein Reichsparlament bestimmen. Das ist möglicherweise ein ganz sicheres Mittel zur Behebung der österreichischen Nationalitätenmiseren. Apropos! Bei dieser Gelegenheit fällt uns zufällig ein, dass sowohl die Deutschnationalen, als auch die Czechischnationalen, die Polnischnationalen etc. in den Juden eine besondere Nation sehen. Ferner, dass eine nicht geringe Zahl von Juden selbst ein jüdisches Volksbewusstsein besitzt. Was für Perspectiven ergeben sich nun für die Juden? Zunächst: den Nationen empfiehlt der Brünner Parteitag „ die Pflege und Entwicklung der nationalen Eigenart“, also auch den Juden, ferner erklärt der Parteitag feierlich, „dass er das Recht jeder Nationalität auf nationale Existenz und nationale Entwicklung anerkennt“, also auch das Recht der Juden. Es ist weiterhin Folgendes ersichtlich: Die Erklärungen des Parteitages werden eine Stärkung des Nationalismus in Oesterreich nach sich ziehen. Die von Parteiwegen national empfindenden Arbeitermassen, die deutschen, die czechischen etc., die. bisher „national geschlechtslos“ geschillert haben, werden jetzt offen und kräftig ihre Nationalität betonen können. Die Zahl der national Empfindenden wird jetzt durch die Arbeitermassen verstärkt werden. Der deutsche Arbeiter kann jetzt ungehindert eine Kornblume oder ein schwarzroth-goldenes Bändchen im Knopfloch tragen. Damit wird auch die Zahl derer vermehrt, die in den Juden „Fremde“ sehen. Früher, wo das „internationale“ Proletariat keinerlei besonders hervorstechende nationale Färbung hatte, konnte sich mancher Jude mit der Hoffnung schmeicheln, dass er in der Masse der national Farblosen unauffällig untertauchen könne, ein Farbloser unter Farblosen. Mit dieser Hoffnung ist es jetzt vorbei. Man wird ihn deutlich erkennen. Es gab auch ein Raisonnement, welches auf den internationalen Internationalismus der Socialdemokratie, eine ferne Lösung der Judenfrage aufbaute. Es lautete ungefähr so : „Die Socialdemokratie ist auf dem besten Wege, alle Nationalitäts- und Rassenunterschiede zu verwischen. Schliessen wir uns ihr an, stärken wir sie, sie wird auch uns amalgamieren“. — Vorbei! Innerhalb dieser nationalen Socialdemokratie wird der Semite eine ebenso isolierte Stellung einnehmen, wie in der Mitte der Deutschnationalen und der anderen nationalen Parteien.