Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 40 (6.10.1899)
- Article
- Die nationale, internationale Socialdemokratie
- Date
- 1899-10-06
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315837-3390956--15084-3391058- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 40 „Die A Welt“ Seite 3 Die gleichen Bedingungen, die in den Reihen der Deutsch- und Czechischnationalen zum Antisemitismus geführt haben, sind jetzt auch für die nichtjüdischen Anhänger der österreichischen Socialdemokratie gegeben. Mit dem Momente, wo man die eigene Nationalität kräftig betont, sieht man sich in einem Gegensätze zu den „Fremden“, und dieser Gegensatz entwickelt sich nur allzu leicht zur Feindschaft. Dem Antisemitismus ist jetzt Thür und Thor ins Lager der Socialdemokratie geöffnet. Die jüdischen Arbeiterführer hätten klüger sein sollen. Die national fühlenden organisierten Arbeiter werden gegen den Judenhass widerstandsfähig sein? Das ist schwer zu glauben. Sie waren ja auch nicht widerstandsfähig gegen den Nationalismus. Sie waren nicht mehr zu zähmen, sie wollten ihre nationale Fahne nicht länger in die Tasche stecken, und die Führer mussten nachgeben und ‘das nationale Bekenntnis auf dem Parteitag formulieren. Sie haben es gewiss nicht gerne gethan. Die Führer der österreichischen Socialdemokratie glaubten allerdings, den Arbeiter unbesorgt den Gefahren des Nationalismus und Chauvinismus aussetzen zu können. Es wurden ja gleichzeitig gegen den jetzigen und jeden zukünftigen Chauvinismus die entsprechenden Dämme aufgerichtet und dem nationalen Hader durch die gesonderten Verwaltungskörper ein Halt zugerufen. Gegen das Princip ist nichts einzuwenden. Wenn zwei sich nicht vertragen können, so ist das vernünftigste die Trennung. Das sagt ja auch der Zionismus. Der Brunner Parteitag hat sich auch bestrebt, für alle gedrückten Volksminoritäten in diesem Sinne Sorge zu tragen — nur an die Juden hat er vergessen. Können sich die österreichischen Juden von der geplanten Neueintheilung Oesterreichs eine Besserung ihrer Lage versprechen? Nein! Sie würden infolge ihrer sporadischen Siedelung die einzige Volksminorität ohne Verwaltungscentrale und ohne den von dieser ausgehenden Schutz sein. Jedes Volk würde in Oesterreich sein besonderes Heim haben, nur die Juden nicht. Schon jetzt schilt man sie heimatlos, man würde sie dann mit ungleich grösserer Berechtigung Fremdlinge nennen dürfen. Ihre nationale Sonderart wäre von den verschiedenen nationalen Gruppen Oesterreichs, die noch durch die national fühlende Arbeiterschaft verstärkt wären, in sehr empfindlicher Weise anerkannt, und der Ringwall gegen diese wenig annehmliche Anerkennung, der gesonderte Verwaltungskörper, wäre nicht da. Glücklicherweise ist Hoffnung vorhanden, dass dieser österreichische Zukunftsstaatsgedanke nicht morgen oder übermorgen verwirklicht werden wird. Die Juden haben die Hoffnung, dass sie noch für längere Zeit nicht unter der Traufe, sondern im Regen stehen werden. Der sociale Geist des Judenthums und das jüdische Volk. Von Bernard Lazare. (Autorisierte Uebersetzung.) IE. Ebenso will ich, wenn ich von den Juden spreche, von der Masse der galizischen, rumänischen, russischen und orientalischen Juden sprechen und nicht von den wenigen christianisierten und hellenisierten Juden des Westens — obwohl die höheren Typen derselben doch ihre jüdischen Charaktermerkmale beibehalten haben. Bei dieser Masse tritt eine besondere Geistesrichtung zutage, die ihre Ursachen in der gleichen Erziehung und der gleichen materiellen, religiösen und moralischen Lebensführung hat. In dreifacher Hinsicht, in Bezug auf Ethnologie, Ethik und Intellectualität, sind die Juden unleugbar ein Volk, bei dem es, wie bei anderen Völkern einzelne gibt, die die Eignung besitzen,11 sich vollständig zu naturalisieren. Wenn man die Juden in ökonomischer Hinsicht betrachtet, so sieht man sie, wie jede andere Nation, in verschiedene Classen getheilt; so war es immer bei ihnen. Es hat bei ihnen jederzeit eine bürgerliche haute finance — deren Rolle übrigens sehr überschätzt worden ist — eine mittlere bürgerliche Classe von Intellektuellen und Kaufleuten gegeben, und man hat nur nicht genug gut bemerkt, dass die ökonomische Geschichte der Juden nicht die Geschichte der Kämpfe zwischen christlichen und jüdischen Geldmännern ist, sondern die Geschichte der Kämpfe zwischen den jüdischen und christlichen Kleinbürgern, die vom Handel leben. Endlich hat es bei den Juden immer ein ungemein grosses Proletariat gegeben. Dass man unter ihnen keine Ackerbauer findet — es gibt übrigens solche, wenn auch vereinzelt — das kann unmöglich überraschen. Die Juden wanderten in die Staaten des Alterthums ein; nun ist ein Einwanderer niemals ein Ackerbauer, es sei denn, dass er ein unbewohntes Land urbar macht; wenn er unter Völker kommt, die einen Landstrich besetzt halten, so widmet er sich wie der Grieche oder der Phönicier dem Handel oder er ist wohl auch Handwerker. So war es auch bei den Juden. Ob es sich um Alexandrien handelte oder um Rom, sie hatten dort, wo sie zahlreich zusammenwohnten, sehr reiche Handelsleute, Speculanten und Financiers in ihrer Mitte, ihre Masse aber war armes Volk. In Alexandrien war die Synagoge in Logen getheilt, deren jede von einer der jüdischen Handwerker-Corporationen besetzt war. Und wenn auch in Rom viele unter ihnen einen Einfluss besassen, den sie ihrem Reichthume verdankten — das Einzige, was man in Rom haben konnte — und wenn diese die Apostrophen Ciceros oder das Wohlwollen Cäsars verdienten, so setzte sich doch die Mehrheit aus kleinen Leuten zusammen, die um die Porta Capena herum ihre Wohnstätten hatten und die niedrigsten Beschäftigungen betrieben. Alle jüdischen Gemeinden waren solcher Art. Ein Kern von reichen Leuten, eine Gruppe von Handelsleuten, die sich mit dem Kleinhandel beschäftigten, eine grosse Anzahl von Handwerkern, endlich ein ganzer „Stamm“ von armen Leuten, die in der Nähe der Synagoge von frommen Spenden und von den Abgaben lebten, die durch die Verwaltung der Gemeinde von dem Einkommen derer eingehoben wurden, die für die Kosten des Cultus und für den Unterhalt der Bedürftigen aufkommen konnten. In den Urkunden, in den Archiven kamen diese Handwerker und diese Armen nicht zum Vorschein und können auch nicht zum Vorschein kommen, sie verhandeln ja nicht mit den Städten und religiösen Corporationen, sei es wegen des Besitzes von Grundstücken oder wegen Erlangung von Handelsprivilegien; sie figurieren auch nicht auf der Liste der Steuerzahler; die Gemeinde musste für sie zahlen, denn ihre Verwaltung war für sie verantwortlich. Anderseits spricht eine Reihe von Chronisten und Geschichtsschreibern, die so nebenbei auch von den Juden berichten, von ihnen nach Art der Antisemiten, und man ist, wenn man sie liest, genau so gut unterrichtet, wie man über die Juden des XIX. Jahrhunderts unterrichtet ist, wenn man etwa Drumont liest, der, ohne eine Miene zu verziehen, schreibt, der Jude sei kein Arbeiter. Die Leute wie Ajobard und Rigord sehen in dem Juden nur den Menschen, der Geld gegen Zinsen zu leihen oder die Bankgeschäfte zu betreiben versteht. Man muss die Zahl der Steuerzahler mit der Gesammtzahl der jüdischen Bevölkerung vergleichen, damit man den kleinen Handwerker und den Armen nicht übersehe. Documente dafür wird man in den Schriften zahlreicher Reisender finden, welche die jüdischen Gemeinden besucht haben. Diese Männer, wie Benjamin von Tudela, Petachjah von Ratisbonne, Jean Belon etc. haben überall den jüdischen Arbeiter gefunden. Die jüdischen Chronisten machten genügend genaue Angaben in der Aufzählung der bei den Völkern üblichen Martern oder bei Erwähnung der Discussionen, die überall der Austreibung der Juden vorangiengen. „Wer hat die Türken so stark gemacht,“ sagte Lorenzo zum Senat von Venedig und zu Louis Mocenigo, der die Juden vertreiben wollte. „Wo hätten sie so geschickte Künstler für die Herstellung der Kanonen und Bogen, der Kugeln und Schwerter, der Schilde und Tartschen gefunden, die es ihnen ermöglichen, sich mit den anderen Völkern zu messen» wenn nicht unter den Juden, welche die Könige Spaniers vertrieben hatten!“ *) Schliesslich werden auch die Grabsteine der jüdischen Friedhöfe und die Archive der jüdischen Gemeinden oder die Documente, die von ihnen herrühren, wertvolle Thatsachen und Angaben liefern. Durch ihr *) Emek Habbakah, Pag. 181. (Nach der Sde’schen Uebersetzung).