Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 40 (6.10.1899)
- Article
- Die nationale, internationale Socialdemokratie
- Date
- 1899-10-06
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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KUwAfi&i ♦-■-4 Redaction ' Erscheint jeden Freitag. < ► ♦ Preise der Anzeigen: und Admini stration Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern Die viermal gespaltene Petitzeile WIEN an die Redaction oder Administration: Wien, IX,, IX., Türkenstrasse Nr. 9. Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Der lnseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Telephon 14199. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Einzelne Nummern 15 kr. f Manuscripte nicht zurückgesendet. < >.....■■■■■■■■■.- --<* ÖQfirPlQP * Oesterreich.Ungarn: ganzjährig 0 fl. 12 Kr., halbjährig 3 fl. ----- 6 Kr. Für das Ausland: Deutsch- UU/iUgüpiCloUi land ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 8hg., halbjährig 7 8hg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 1/ Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40 Ct. Nr. 40 Wien, 6. October 1899. 3. Jahrgang Die nationale, internationale Socialdemokratie. Von Erwin Rosenberger. „Die Geschichte; aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ Dieser Leitsatz marxistischer Geschichtsanschauung, der an der Spitze des communistischen Manifestes stellt, vernachlässigt in beträchtlichem Masse den Einfluss, weichen das nationale Moment auf den Verlauf der Geschichte ausübt. Die ökonomische Zusammensetzung der Gesellschaft muss alle Erscheinungen im Völkerlehen erklären, nicht nur die socialen, sondern auch den „politischen und geistigen Lebensprocess überhaupt“, dem jeweiligen Wirtschaftssystem wird der Hauptantheil an der Gestaltung der betreffenden Geschichtsperiode zugeschrieben. So haben denn auch die socialistischen Lichtungen, die von marxistischem Geiste inspiriert sind, mit einer gewissen Geringschätzung auf die Regungen des Nationalismus hinabgeblickt. Aus der Marx’schen Parole „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!" ist ein Internationalismus hervörgegangen, der einen starken Stich ins Antinationale aulwies. Begreiflicherweise! In der Praxis, bei der Organisierung der arbeitenden Massen, wurde der Nationalismus nur als lästiges. Hindernis empfunden, die nationalen Verschiedenheiten der Proletarier aller Länder erschwerten nicht wenig die Vereinigung. Karl Marx hat bei der Entstehung der „Internationalen Arbeiter - Association“ anfangs der Öüer-Jahre deutlich gespürt, dass die einzelnen nationalen Eigenarten der Arbeiterschaft Kräfte sind, die einem engen Zusammenschlüsse des Proletariates entgegenwirken, und es ist daher nicht zu verwundern, wenn er nicht die geringste Lust empfunden hat, den Proletariern aller Lander die liebevolle Pflege der verschiedenen nationalen Eigenarten wärmstens ans Herz zu legen. Und für den socialistischen Theoretiker, dessen Gedankengang sich ausschliesslich zwischen Productionsprocessen und Classenbildungen bewegt, war der Nationalismus eine recht überflüssige Wertgrosse. „Bewusstseinsformen" ä la Nationalgefühl, die nicht direct mit der materiellsten Güterproduction Zusammenhängen, wie etwa das Klassenbewusstsein, genoSsen das Ansehen von Phantomen. Es war mit ihnen nichts anzulangen« Der Denker rechnete nur mit der socialen Schichtung der Gesellschaft, er benützte bei seinem mathematischen Exempel einzig die Wertgrössen des Wirtschaftslebens, um das erwünschte collectivistische Resultat herauszubekommen. Die nationale Gesellschaftsschichtung in das Exempel miteinbezielien? Das wäre eine unliebsame Complication der Rechenarbeit gewesen, oder vielleicht wäre das Quod erat demonstrandum nicht so glatt gelungen. Da galt der Satz: Jede mathematische Grösse, die hei der Construierung eines erwünschten Beweises lästig werden könnte, wird einfach als nicht vorhanden angesehen und vernachlässigt. In den Programmpunkten der socialistischen Gruppen konnte man daher vergebens nach markanten Aeusserungen cles Nationalismus suchen. Neben der ausdrücklichen Betonung des internationalen Standpunktes linden sich zwar auch Aeusserungen, welche besagen, dass die Rechte der einzelnen Nationen und Rassen nicht verletzt werden dürfen, aber diese rein negative Stellungnahme gegenüber dem Nationalismus ist einerseits Nachklang von anno „Liberte, Egalite, Fraternite", andererseits bloss taktischer Behelf. Man will auch solchen, die ein stärkeres nationales Empfinden haben, den Weg zum Socialismus ebnen, indem man betheuert, dass nichts gegen den Nationalismus geplant sei. Es ist interessant, von diesem Standpunkte aus die Programme der socialdemokratischen Partei Oesterreichs und Deutschlands zu vergleichen. Für Deutschland, wo die Nationalitätenfrage nicht so „brennend" ist, wie in Oesterreich, und wo man weniger auf den Nationalismus Rücksicht zu nehmen braucht, genügt es, wenn man im Programm mit ein paar Worten den Gegenstand streift. Im Erfurter Programme der socialdemokratischen Partei Deutschlands wird der nationalen Frage im 10. und letztenPunkte flüchtig Erwähnung gethan. Die Stilisierung verräth deutlich die Herkunft vom Liberte etc. Da die Socialdemokratie „für gleiche Rechte und gleiche Pflichten aller ohne Unterschied des Geschlechtes und der Abstammung44 ist, so bekämpft sie auch „jede Art der Ausbeutung und Unterdrückung, richte sie sich gegen eine Klasse, eine Partei, ein Geschlecht oder eine Rasse". Im .Hainfelder Programm der österreichischen Socialdemokratie steht die Wendung „ohne Unterschied der Nation, der Rasse und des Geschlechtes" an der Spitze der Principien-