Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 38 (22.9.1899)
- Article
- Der sociale Geist des Judenthums und das jüdische Volk
- Date
- 1899-09-22
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die Welt“ Seite 13 Nr. 3.8 ihn so viele geistige Bande wieder verknüpften. Später musste er sie besser kennen, jedenfalls äüssert er keine Ansicht mehr über sie. Doch die, welche er eines Tages über sie ausgesprochen, leistet noch immer Dienste, wie ich gezeigt habe. Die Anarchisten ä la Dühring haben sie in Deutschland wieder aufgenommen. Die Antisemiten, wie Drumont, berufen sich auf sie, und die Socialisten zögern nicht, gelegentlich zu bekräftigen, wie es eines Tages der Meister gethan, dass der sociale Geist der Juden auf dem Schacher basiere. Kann man nun etwa zur Rechtfertigung einer derartigen Theorie Schriftdenkmäler der Juden anführen, welche apologetische Doctrinen des Schachergeistes entwickeln? Oder kann man zeigen, dass in Israel eine beständige, ihm eigentümliche Tradition zur Förderung und Ausübung des Schachers herrschte? Kann man endlich durch Thatsachen feststellen, dass die beständige Sorge des Judenthums auf den Handel gerichtet war? Beschränken wir uns zunächst auf die Schriftdenkmäler. Wo können wir nach dem socialen Geist der Juden forschen? In der Bibel, im Talmud, endlich auch bei den Philosophen und National Ökonomen dieser Nation. Wir wollen also sehen, wie beschaffen die politische Oekonomie der biblischen Schriftsteller, der Chronikenschreiber, der Sittenlehrer und Propheten jener Zeit ist, wie geartet sich die der Talmudisten, der Gelehrten des Mittelalters, der Philosophen und Theologen darstellt, und schliesslich werden wir untersuchen, ob ihre Lehren irgend eine Spur bei den Nichtjuden hinterlassen haben. „Was uns betrifft,1“ schreibt Josephns Flavius, „wir leben nicht an einer Küste. Den Handel lieben wir nicht sehr. Unsere Städte sind fern vom Meere, unsere Beschäftigung besteht in der Bearbeitung des schönen Landes, das wir bewohnen". Die biblischen Chronisten kennen keinen anderen Beruf für die Menschen, als den des Bauern. „Gott der Herr," heisst es in der Genesis (II. 15), „nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und ihn hüte“. Nach einem Midrasch theilten sich Kain und Abel in die Herrschaft der Welt. Der erste wählte den Bauernstand und nahm den Boden in Besitz, der zweite wurde Hirt und Herr der Herden. Auch die jüdischen Feste standen im Zusammenhänge mit der Landwirtschaft. Passah — das Frühlingsfest; das Wochenfest — ein Erntefest: Rösch Haschanah — das Fest des Beginnes der Landarbeiten, zugleich der Beginn des Jahres; erst später verknüpfte man mit diesen Festen historische Erinnerungen, so den Auszug aus Aegypten und. die Verkündigung des Dekalogs. Alle Lebensregeln der Bibel haben auf die Landwirtschaft Bezug. Wenn die Bibel empfiehlt, auf eine grosse Nachkommenschaft bedacht zu sein, so geschieht 'dies deshalb, damit jedes Stückchen Bodens bearbeitet werde, und Hillel folgte demselben Gedankengange, wenn er sagte, ein grosses Hausgesinde sei eine Plage. Welche Belohnungen und welche Strafen stellen die alten Bücher Israels in Aussicht? Die Belohnungen werden in einer guten Ernte bestehen. Die A ehren werden sich unter der Last der Körner beugen, die Weinstöcke unter dem Gewicht der Trauben brechen. Als Strafe aber verheissen sie die Trockenheit und Unfruchtbarkeit der Felder. In Frieden unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum wohnen zu können, das war das Ideal; so gieng unter den guten Königen die Verheissung des goldenen Zeitalters in Erfüllung. Der Ackerbau war gewissermassen durch Gott geheiligt, und die grössten Männer Israels, die die göttliche Stimme als Führer des Volkes oder als Propheten berief, führten den Pflug oder hüteten Herden. Den Handel aber kennt die Bibel kaum und verachtet ihn. Zur Zeit der Patriarchen war er in den Händen der Ismachten, deren Karawanen das Land durchzogen. Zur Zeit der Könige betrieben ihn die Pliönicier. Die Worte und technischen Ausdrücke, die sich auf den Handel beziehen, existierten im biblischen Hebräisch überhaupt nicht. Erst nach dem Exil und in der talmudischen Periode fanden diese Worte in die Sprache Eingang. Der sociale Geist der Bibel war aber nicht nur ein agrarischer, sondern geradezu ein kleinbäuerlicher. Das Gesetz war daraufhin eingerichtet, den Grossgrundbesitz zu verhüten. Im alten Israel konnte Ackerbesitz nur im Falle zwingender Umstände veräussert werden. Man verpachtete ihn auf eine Reihe von Jahren, aber im Jubeljahre fiel das Ackerland wieder an seinen ersten Besitzer zurück. Noch mehr! Vom Tage der Verpachtung an bis zum Jubeljahre war eine sehr weitläufige Rechtssatzung, welche den Rückkauf betraf, in Geltung. (Leviticus XXV. 15 u. ff.) Erst nachdem die Einrichtung des Jubeljahres abgeschafft worden war, konnten die reichen Familien ihre Besitzungen erweitern, erst dann constituierte sich der Grossgrundbesitz. Seit damals erst datieren die gewalttätigen Rückforderungen, die im ersten Jahrhundert vor und nach Christi Geburt zu einer echten socialen Revolution führten, die dadurch charakterisiert ist, dass während des Krieges gegen Vespasian und Titus eine Einziehung der Güter der Reichen durch die Sicarier und ihre Anhänger stattfand. Man hat noch niemals darauf hingewiesen, dass in dieser Epoche des Widerstandes gegen Rom der patriotische Krieg durch einen echten Classenkampf innerhalb der jüdischen Nation complieiert wurde. Dieser Classenkampf erklärt auch das Verdammungsurtheil und die leidenschaftlichen Berichte von Seite des Josephus, der zur Classe der Besitzenden gehörte. Zur Zeit, als Jesus in die Oeffentlichkeit trat, wurde ganz Judäa durch die Güterrückforderungen der Demagogen und Revolutionäre in Unruhe versetzt. Nach der Zerstörung des Tempels durch Titus, nach der Zerschmetterung des jüdischen Volkes, befanden sich die Güter in den Händen der Sicarier oder der Mittelclasse, welche sie von ihnen gekauft hatte. Man führte zwar das Sikarikon ein, das heisst das Recht der Einlösung der von den Sicariern gekauften Güter, aber man sah sich gezwungen, von seiner Ausübung abzustehen. *) Bis zu dieser Epoche waren die Repräsentanten der volksfreundlichen Forderungen nur die Propheten. Sie liebten ebenso wie die alten Chronisten den Ackerbau und verachteten den Handel. Sie fügten hiezu eine Art Vergötterung des Armen, des Niedrigen, des Besitzlosen und einen grimmigen Hass gegen den Reichen, einen Hass, der noch im Evangelium sein Echo findet. Der Krämergeist war ihnen verhasst. Wie für den Spruchdichter, so ist auch für sie „Kaufmann“ gleichbedeutend mit „Betrüger“. „Der Kaufmann hält die falsche Wage in seiner Hand“, sagt H o s e a (XII. 8.) und Jesus von Sir ach erklärt: „Der Kaufmann kann nicht umhin, Unrecht zu thun“. (XXVI. 28.) Für sie ist der wünschenswerte Zustand die Ruhe des Landmannes, der seinen Weinberg bepflanzt und dessen Frucht geniesst. Es gab auch andere Stimmen, durch welche das jüdische Volk sein sociales Ideal zum Ausdruck brachte, so die des Dichters der Psalmen, der wahren Dichtung der armen Leute, wie ein Gelehrter gesagt hat. **) Niemals hat man eine inbrünstigere Verherrlichung der Armut geschrieben, eine ungewöhnlichere Apologie der Dürftigkeit, eine schrecklichere Verwünschung des Reichen. Von da stammt die ganze Moral der Evangelisten, diese Moral voll leidenschaftlicher Liebe. Die Kirche lebte in ihren Anfängen von den Psalmen, und die Christenheit war unfähig, ein anderes Ideal zu erfassen, als eben dieses. *) J. Derembourg: Geographie Palästinas, S. 476. **) Is. Loeb: Die Literatur der Annen.