Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-09-22 · 38 (22.9.1899) · p. 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
38 (22.9.1899)
Article
Der sociale Geist des Judenthums und das jüdische Volk
Date
1899-09-22
Page
12 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315835-3390735--14966-3390786
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 12 „Die 2^ Welt“ Der sociale Geist des Judenthums und das jüdische Volk*) Von Bernard Lazare. (Autorisierte Uebersetzung.) I. Zweitausend Jahre sind die Juden nun unter den Völkern verstreut und theilen ihr Leben; seit Jahrhunderten sind sie in fortwährendem Contact mit den christlichen Nationen, und trotzdem ist ihr Charakter, ihr Geist, sind die Lehren ihrer heiligen Bücher, ja selbst die ihrer Philosophen weniger bekannt als die Gewohnheiten der Bewohner Dahomes oder Lapplands. Bei der Beurtheilung ihrer Persönlichkeit, ihrer Thätigkeit und ihres Geistes bedient man sich beharrlich immer desselben Ballastes alter Vorurtheile uml einer gewissen Anzahl von Formeln, die nur das eine unleugbare Verdienst haben, aus Urväter Zeiten zu stammen. Der ganzen Welt galten die Juden in früheren Zeiten als eine Gemeinschaft von Wucherern, die durch ihren Talmud zu den spitzfindigsten Betrügereien abgerichtet und in der Kunst auferzogen waren, möglichst viel Gold aufzuhäufen. Heutzutage erkennt man ihnen nur mehr wunderbare Geschicklichkeit in Capitalsanlagen und im Handel zu, geht aber noch weiter und lässt sie diese Gaben infolge einer ihnen angeblich eigentümlichen socialen Geistesrichtung besitzen. Und man darf nicht etwa glauben, dass dies nur eine Meinung von Antisemiten ist; dann würde es sich weder der Mühe lohnen, eine solche Meinung zu bekämpfen, noch der, sie wissenschaftlich zu besprechen. Es ist dies auch die Ansicht von Männern, die lauten Einspruch erheben würden, wenn man sie irgendeiner Parteinahme bezichtigte, es ist dies die Meinung von Intellectuellen, die in jeder anderen Sache, nur in dieser nicht, aufgeklärt sind, es ist dies sogar die Meinung mancher Socialisten, namentlich J au res, und deshalb muss man darauf antworten. Für die, von denen ich eben gesprochen habe, ist der sociale Geist der Juden ein wesentlich mercantiler, sie denken darüber wie die Gegner der.Juden, aber sie beschränken sich darauf, ihren Gedanken anders auszudrücken, sie tragen ihn mit einem wissenschaftlichen Apparat vor, mit einer Art ökonomischen Dogmatismus, im Grunde aber zielen sie nach demselben Resultate. Sie betrachten den Capitalismus als eine jüdische Schöpfung und ebenso wie D rumont nach Gougenot de Monneaux so spricht J au res nach Marx von der Verjudung der christlichen Völker. ..Es ist die jüdische Idee,“ sagte ein Antisemit, der Marquis de la Tour du Pin, „die den Reichen durch die moderne Form des Wuchers, den Capitalismus, zur Ausbeutung des Armen veranlasst“**) und Jaures schreibt: „Der sociale Geist der Juden, der auf der Idee des Schachers fasst, ist in vollständiger Harmonie mit dem Mechanismus des Capitales“. Der Antisemitismus und der Socialismus scheinen also in diesem Punkte einig, wenigstens der Socialismus Jaures, da er nach dieser Erklärung hinzufügte, D r u m o n t hätte, ohne Uebertreibung, sagen können, dass „die Juden, durch hundertjährige Verfolgungen an die Uebung der Solidarität gewöhnt, und„ seit langer Zeit erfahren im Gebrauche des beweglichen Reichthumes, in unserer Gesellschaft eine übermässige und furchtbare Rolle spielen“. Und er schloss mit folgenden, unter seiner Feder sehr bedeutungsollen Worten : „Dieser antisemitisch nuancierte Socialismus hätte hei den freiheitlich Gesinnten kaum Einwände hervorgerufen“. Sonderbare Auffassung des Socialismus, nicht weniger sonderbare Auffassung freiheitlicher Gesinnung, jedenfalls überraschend hei einem Manne, *) „La Grande Revue“. 1. September 1899. Paris. **) „Die Judenfrage und die sociale Revolution“. Pag. 19. Nr. 38 der einer der Leiter der socialistischen Bewegung in Frankreich ist. Wie kam Jaures dazu, solche Principien zu formulieren? Indem er sclavisch eine Ansicht M arxens adoptierte, eine Ansicht Marxens, die seit langer Zeit auf der Judehfrage lastet, sei es, dass sie der Antisemit als Waffe verwendet, sei. es, dass sie der Socialist ohne Discussion und ohne Nachdenken annimmt. Welche ist nun diese Ansicht Marxens? Wie wurde er dazu veranlasst, sie zu äussern? Als man im Jahre 1843 in Deutschland die Emancipation der Juden discutierte, liess Bruno Bauer eine Broschüre „die Judenfrage“ erscheinen, die viele Entgegnungen hervorrief. Er drückte darin den Gedanken aus. dass sich der Jude, um sich zu emancipieren, zuerst von seinem Judenthume befreien solle, dann vom Christenthume, einer höheren religiösen Form, die aber aus der jüdischen Religion hervorgegangen sei. Mit einem Worte, die Emancipation der Juden ist (nach Bauer) eine theologische Frage. Marx antwortete in den Deutsch - französischen Jahrbüchern. Für ihn wäre die Frage vor allem eine sociale. Man müsse nicht den „Sabbathsjuden“ betrachten, wie es Bruno Bauer gethan habe, sondern den „Alltagsjuden“. Folglich verwandle sich die Frage der Emancipationsfähigkeit des Juden in diese andere Frage: „Welches besondere gesellschaftliche Element ist zu überwinden, um das Judenthum aufzuheben?“ Nun : „Welches ist der weltliche Grund des Judenthums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Cultus des Juden Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld. Nun wohl! Die Emancipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judenthum wäre die Selbstemancipation unserer Zeit. Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Voraussetzungen des Schachers, also die Möglichkeit des Schachers aufhöbe, hätte den Juden unmöglich gemacht. Sein religiöses Bewusstsein würde wie ein fader Dunst in der wirklichen Lehensluft der Gesellschaft sich auflosen. Anderseits, wenn der Jude dies sein praktisches Wesen als nichtig erkennt und an seiner Aufhebung arbeitet, arbeitet er aus seiner bisherigen Entwicklung heraus an der menschlichen Emancipation schlechthin und kehrt sich gegen den höchsten praktischen Ausdruck der menschlichen Selbstentfremdung. Wir erkennen also im Judenthum ein allgemein gegenwärtiges, antisociales Element, welches durch die geschichtliche Entwicklung, an welcher die Juden in dieser schlechten Beziehung eifrig mitgearbeitet, auf seine jetzige Höhe getrieben wurde, auf eine Höhe, auf welcher es sich noth wendig auf lösen muss. Die J udeneman cipation in ihrer letzten Bedeutung ist dieEmancipation der Menschheit vom Juden thu m“. Nach der Marxischen Ansicht würde sich der Jude emancipieren, indem er die Christen verjudete, so dass er, um wirklich emanzipiert zu werden, sich würde entjuden müssen und, um es besser zu sagen, verschwinden müsste, wobei er dann auch seinen Schachergeist mit sich nähme. Wenn jemals der Marx, der „das Capital“ geschrieben, diese flüchtige Gelegenheitspolemik wiederum gelesen hat, dann hat niemand strenger als er selbst seine eigene Wortklauberei, seine kategorischen Behauptungen und seine peremptorischen Versicherungen beurtheilen müssen, die kein Beweis und kein Factum unterstützte. Als Logiker, der er war, hat er sicherlich über die haltlose religiös-ökonomische Metaphysik gelächelt, die er so unbefangen in seinem Artikel in den Deutsch-französischen Jahrbüchern ans Licht gefördert hat. Als er den Artikel schrieb, kannte er die Juden ganz und. gar nicht. Sein Vater hatte sich zum Protestantismus bekehrt und hatte seinen Sohn in völliger Unwissenheit der Religion, der Geschichte und der gegenwärtigen Stellung derer gelassen, mit welchen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.