Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 38 (22.9.1899)
- Article
- Der sociale Geist des Judenthums und das jüdische Volk
- Date
- 1899-09-22
- Page
- 14 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 14 „Die # Welt“ Nr. 38 Nicht in der Bibel finden wir also diesen socialen Geist der Juden, der auf dem Schacher basiert; im Gegentheil, der Geist der Bibel ist entschieden antimercantil. Das Christenthum hat ihn sich zu eigen gemacht, hat nicht aufgehört, ihn anzuemptehien und ihn bis zu einem gewissen Grad auch anzuwenden, und später erst hat sich diese!* in seiner Wesenheit jüdische Geist gegen die Juden gekehrt, die zumTheil Handelsleute geworden waren, Die christliche Gesellschaft hatte die Devise ense et aratro. Die zwei socialen Typen wurden der Soldat, der den Boden beschirmt, und der Bauer, der Eckstein der Nation. Die biblische Missachtung des Zwischenhändlers wurde öffentlich gelehrt, und man hatte gegen den Juden einen jüdischen Hass. In der That können die christlichen Völker weder bei den Griechen noch bei den Römern diese Vorurtheile entlehnt haben. Bei den Griechen wurde der Ackerbau als eine den Sclaven zukommende Beschäftigung betrachtet, und es waren auch die Sclaven, welche den Boden bebauten. Un i was die Römer betrifft, so hat zwar Cicero, als er vom Ackerbau sprach, gesagt: „Es gibt nichts eines freien Mannes Würdigeres“,*) aber er hat es doch vorgezogen, sich mit den Politikern in{ Speculationen einzulassen und in Finanzgesellschaften Antheile zu erwerben. Ebenso schrieb Cato, „dass man einem Manne kein grösseres Lob spenden könne, als dass man von ihm sage, er sei ein geschickter Landwirt und ein guter Pflanzer“,**) trotzdem aber lieh er Geld zu 00% und liess seine Sclaven, als einer der hartherzigsten Herren, auf der Scholle verkommen. Das Volk aber war eine Gesellschaft von Geldmaklern und Theilhabern an den Getreidevertheilungen. Wenn wir als den Typus unter den modernen katholischen Nationen — denn die protestantischen Nationen, die mittlerweile in der Lectüre der jüdischen Schriftwerke auferzogen wurden, haben sich durch die freie Forschung zu emancipieren gewusst — Frankreich betrachten, so werden wir sehen, dass es immer in diesem socialen Geiste der Bibel und des Judenthums gelebt hat. Als Antisemit könnte man sagen, es sei verjudet, aber wir werden sofort zeigen, dass gerade in dieser Hinsicht niemand mehr verjudet ist als der Antisemit mit seiner wesentlich agrarischen und — in der Theorie wenigstens antimercantilen Gesinnung. Die französischen Staatsmänner, Nationalökonomen und Sittenlehrer haben den patriarchalischen Geist der allen Juden bewahrt. „Ackerbau und Weidewirtschaft sind die Nahrungsspender Frankreichs,“ sagten Olivier de Serres und S u 11 y: und der letztere weigerte sich sogar, da er nur den Ackerbau zu begünstigen wünschte, die Anpflanzung von Maulbeerbäumen und die Seidenindustrie zu fördern. Antoine d e M o r e t - C hr e s t i e n, der die gleichmässige Förderung der Gewerbe und des Ackerbaues wünschte, begieng mit diesem Verlangen geradezu eine kühne That. Der Mercantilismus C olb ert’s galt als verabscheuungswürdig, und die Anhänger der agrarischen Schutzzollpolitik, wie Bois-Guillebert, bekämpften ihn heftig. Colbert wurde für das Empfinden des Volkes eine unangenehme, fast antifranzösische Persönlichkeit, und eine wahrhaft nationale Schule der Volkswirtschaft entstand erst in Frankreich zu der Zeit, als die Schule Quesnays und der Physiokraten gegründet wurde. Die Auffassung Quesnays und. seiner Schüler war eine dogmatische und wissenschaftliche Uebertragung der jüdischen und christlichen Auffassung der Weltpolitik; nur dass diese Männer, anstatt Demokraten zu sein, aristokratische Agrarier waren, da sie von demselben Gedanken ausgiengen, den Fontenelle einmal zum Ausdruck brachte: „Wenn ich die Hand voller Wahrheiten hätte, würde ich sie für *) Cicero: De officiis. **) Cato: De re rustica. das Volk nicht öffnen“. Dabei waren sie übrigens eines Sinnes mit dem ganzen achtzehnten Jahrhundert, dessen Schriftsteller und Philosophen nur für die Privilegierten schrieben und dachten, Nach Quesnay*) wird die Nation von drei Classen gebildet: Von der productiven Classe der Landwirte, von der Classe der Eigenthümer, das sind die Besitzenden schlechtweg, und von der unproductiven Classe, die sich aus den Gewerbetreibenden und Handelsleuten zusammensetzt. Ein ackerbautreibendes Reich, das war der Traum Quesnays: „Mögen der Herrscher und die Nation“, sagte er, „es niemals aus dem Auge lassen, dass der Boden die einzige Quelle der Reichthümer ist, und dass der Ackerbau sie vervielfacht.“**) Er lobte Bully, „diesen grossen Minister, der sich, lim dem Könige und der Nation Einkünfte zu verschaffen und die Macht des Staates aufrechtzuerhalten, nur Bauern, Winzer und Schäfer wünschte“. Natürlich sollte auch die politische Macht nur den Besitzern von Grund und Boden gehören. „Wer nicht Grund und Boden besitzt,“ schrieb T u r g o t, „könnte nur durch ein Empfinden, eine Meinung, ein glückliches Vorurtheil aus der Kinderzeit wissen, dass er ein Vaterland habe“. Klarer und mit grösserer Härte sagte Mably: „Nur die Menschen, die ein Erbgut besitzen, haben ein Vaterland“. Das hiess die Armen von der Gemeinschaft ausschliessen, und das war nicht nur die Gesinnung der Physiokraten, sondern aller der pseudodemokratischen Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts. Man findet diese Anschauung, dass nur der Mensch, der Boden besitzt, ein Vaterland habe, bei den Antisemiten von heute wieder; deshalb sprechen sie dem Juden den Titel eines Bürgers ab. Wir haben eben gesehen, wie sich durch die Physiokraten die biblische Anschauung geändert hat. Am Ende des 18. Jahrhunderts und während der ersten Jahre des 19., waren es die Lehren der englischen Nationalökonomen, Smiths und anderer, die sich zur Zeit des Beginnes und des Wachsthums der Industrie entwickelten.**) Vom Jahre 1834 an, in der Epoche der grossen Ausbreitung der englischen Industrie, fühlten aber die christlichen Nationalökonomen in Frankreich die Nothwendigkeit, zu den gesunden, den geoffenbarten Lehren, zu den Lehren der Bibel zurückzukehren. Man pries von neuem den Ackerbau, „die solide Grundlage jedes nationalen Gedeihens,“ man bildete eine „Religiöse Association für die Fortschritte des Ackerbaues in Frankreich“, eine Gesellschaft, an deren Spitze der Herzog von Montmorency stand and deren Zweck es war, „die Landwirtschaft unter den Einfluss der Principien und der praktischen Ausübung der katholischen Religion zu bringen“. Diese Lehren fanden Vertheidiger wie de Villeneuve-Bargernont, der über die christliche, politische Oekonomie eine Abhandlung publicierte, in welcher er sagte : „Von all den Tätigkeiten, denen sich der Mensch hingeben kann, um seine Existenz und sein Glück zu sichern, ist die rechtschaffenste, die zu einer gerechten Vertheilung des Reichthumes geeignetste, die den unheilvollen Wechselfällen in der Activität der Arbeit und in der Höhe des Arbeitslohnes am wenigsten unterworfene Beschäftigung, zugleich jene, die auf die glücklichste Weise das Gleichgewicht der Bevölkerung erhält, die endlich von der Vorsehung den Menschen zu allererst zugleich als Prüfung und als Trost geschenkt wurde, unstreitig die Beschäftigung mit dem Ackerbau, das heisst, die Bearbeitung des Bodens selbst, um Nahrungsmittel oder die ersten Rohstoffe zu erhalten. Die französischen und italienischen Nationalökonomen des 18. Jahrhunderts, welche den Erdboden als die Quelle aller Reichthümer betrachten, haben eine grosse Wahrheit erkannt, die übrigens die Religion schon seit langem verkündet hat“. *) Oekonomische Tabelle. (Tableau economique.) **) Allgemeine Grundsätze. (Maxime g^ndrale,)