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Die Welt · 1899-09-15 · 37 (15.9.1899) · p. None

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
37 (15.9.1899)
Date
1899-09-15
Page
None (sequence 11)
Language
German
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5 religiös wie national ist. Denn Religion und Nation haben bei den Juden immer zusammenfallend und zusammen thätig gewirkt. Es ist sehr schön, wenn man jetzt logisch und begrifflich diese Ideen differenziert; aber sie können sie nicht auseinanderhalten, da sie das eine als die eine Hand, das andere als die andere ansehen müssen. Bei1 den Völkern des Alterthums Mengen diese Dinge ununterscheidbar zusammen. Die Juden sind aber eben ein altes Volk, und darum finden Sie in jedem Blutstropfen, in jeder Faser des Juden etwas Religion und etwas Nation zusammengebunden, so beim extremen Freidenker, wie beim kosmopolitisierenden Bekämpfe?. Und deshalb darf man diese beiden Begriffe beim Juden von einander nicht streng trennen. Wir haben das religiöse Moment fort und fort gehegt und gepflegt, und das nationale selbstverständlich damit. Aber auf dem Gebiete der allgemeinen Gultur sind wir stehen geblieben, stehen geblieben dort, wo unsere Philosophen des Mittelalters den unglücklichen Versuch unternommen haben, die jüdische Weltanschauung mit der sogenannten griechischen zu vereinigen, sich vergebens Mühe gaben, Aristoteles mit der Thora auszusöhnen und sogar Plato in den Kauf nehmen. Auch da schon *sind jüdische Ethik, Morallehre und Philosophie zumeist in fremdem Gewände, in der verwandten arabischen Sprache fortentwickelt worden. Und so gieng es dann auch mit der Naturforschung, der Heilkunst und den anderen Wissenschaften. Seitdem ist alle Welt fortgeschritten auf dem Gebiete der Technik, der Naturwissenschaften u. s. w. Wir konnten jüdisch es nicht machen, sondern unsere besten Geisterhaben sich zu anderen Nationen begeben, dort Grosses bewirkt auf jedem. Gebiete, aber nur nichts für das Judenthum, nichts war im specifisch jüdischen Geiste. Ich hoffe, eö wird eine Zeit kommen, wo man auch eine specifisch jüdische Gultur und Wissenschaft, nämlich die allgemeine Wissenschaft, in jüdisch-nationaler Beleuchtung haben wird. Das wird nur dann geschehen können, wenn wir, geeint, ein Gentrum haben werden, wo man diese specifisch jüdische Gultur treiben soll. So lange wir zerstreut sind, können wir nur einzelne Vorbereitungen treffen, nur den Rahmen festhalten, wohin das geschaffen werden soll. Das ist, meine Herren, in kurzen Worten gesagt: Wir haben eine grosse Vergangenheit in der Gultur. Wir erwarten eine grosse Zukunft. Aber wir haben keine Gegenwart und können daher für die Gegenwart nichts anderes thun,-als dass wir dahin arbeiten, dass der jüdische Geist nicht nur nicht untergehe, sondern fort und fort, wenigstens in diesem traurig-geringen Masse sich entwickle, wie es eben möglich und thunlich ist. Der Punkt, wo der Hebel anzusetzen ist, ist das Studium unserer Literatur, das Studium unserer heiligen Sprache und das Studium unserer Geschichte, wo die Schätze des jüdischen Geistes aufgespeichert sind. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen). Ob dies nothwendig ist, meine Herren, dies zu beurtheilen — ich glaube es mit Beruhigung allen Mitgliedern des Gongresses überlassen zu können, und bin überzeugt, das Sie ein lautes Ja sagen werden, umsomehr, wenn ich Sie auf Folgendes aufmerksam mache: Wir sind hierher zusammengekommen, um über specifisch-jüdische Angelegenheiten zu berathen, und wie musste sich das Herz eines Juden dabei zusammenkrämpfen, nicht darüber, dass einzelne Juden auch französisch, englisch und russisch sprechen, sondern dass man hier bisher alle Sprachen gehört hat, aber noch immer nicht ein Wort der specifisch-jüdischen, der hebräischen Sprache! (Langandauernder lebhafter Beifall und Händeklatschen. Grosse Bewegung.) Ein geistreicher Rabbiner hat den Ausspruch gethan: „Wir sind am Gongresse zu Babel, nicht am Gongiesse zu Basel.“ (Lebhafte Heiterkeit.) Er wollte damit sagen, was die Sprachverwirrung bei uns anrichten kann. Meine Herren! Sie erinnern sich wohl aus der Thora, dass uns seinerzeit vom Berge Ebal herunter für unsere Sünden eine grosse Strafe an gedroht wurde. to1? m ysron *6 7^57 nxzni- „ich bringe über Dich eine Nation, deren Sprache Du nicht verstehst.“ Das hat man uns als die härteste Strafe hingestellt, und wie bitter muss es berühren, wenn ich meinen eigenen Stämmesgenossen, meinen Bruder, der dasselbe Ideal, der dasselbe Bestreben hat, der mir nahe steht in denselben Zielen, sprechen höre und ich ihn nicht verstehe, ihn nicht errathe, ihn mir erst muss übersetzen lassen. (Lebhafter Beifall.) Es ist, meine Herren, von mir vielleicht ein bisschen phantastisch, ein bisschen kühn, aber Sie werden mir die Hoffnung und die Ueberzeugung nicht aus der Brust reissen können, dass einmal vielleicht nach 10, 15, vielleicht nach 20 Jahren ein jüdisches Parlament tagen wird, in dem alle sich verstehen, weil sie dieselbe Sprache, die altehrwürdige hebräische Sprache haben werden! (Langanhaltender Beifall, grosse Bewegung.) Sie werden sagen, ja, das ist etwas, was nicht so leicht, was nicht so rasch erreichbar ist. Ja, erwartet denn der Landmann, der den Baum pflanzt — und wenn er selbst schon sehr alt ist — dass er auch selbst die Früchte gemessen soll, und doch ist es seine Pflicht, für seine Enkel zu sorgen, und so haben wir auch jetzt geistig die Pflanzung anzulegen, welche die Früchte erst in nachkommenden Zeiten tragen soll. Wir würden unsere verantwortungsvolle Stellung gegenüber der jüdischen Zukunft nicht vertreten können, wenn wir da nicht Vorsorgen wollten. Und da, meine Herren, sind wir schon bei einem Theile der jüdischen Gultur angelangt. — Sie haben schon am vorigen Gongresse etwas beschlossen, welches zu diesem Ziele führen soll — ich meine, das ist der allgemeine hebräische Sprachverein. Dieser Sprachverein hat zwei Zwecke: Der eine Zweck, möchte ich sagen, ist allgemeiner Natur, wir wünschen, dass Hebräisch gelehrt, Hebräisch gelernt wird, und dass dem Schüler der hebräische Unterricht in unentgeltlicher Weise zutheil wird. Wir wünschen, dass Bücher gemacht werden, welche es ermöglichen, dass man es nicht nöthig habe, vom 6. bis zum 19. Jahre immer wieder und wieder hebräisch zu lernen und erst recht wenig zu können, sondern dass man sie in 2 und 3 Jahren durch eine leichtere Methode, durch ein verbessertes System ebenso leicht wie eine andere Sprache erlernen soll; das ist die Aufgabe des allgemeinen hebräischen Sprachverein es für die Gegenwart. Jetzt kommen wir, meine Herren, zu einem sehr wichtigen ernsten Momente, zur Zukunft. Was können wir für die. Zukunft thun P — Da draussen in Palästina, da draussen im Heiligen Lande, wohin unsere Augen fortwährend gerichtet sind, wo unser Blick erstarrt hinsieht, sind schon einige Colonien vorhanden. Da und dort ist schon Raum dafür, dass man die jüdischen Kinder auch die Wissenschaft soll hebräisch lehren können. Da, wo die Vortragssprache schon die hebräische ist, da ist Noth an Büchern, und diese Noth macht sich in der Weise Luft, dass man die Kinder zwingt, erst französisch zu lernen, um dann die Naturgeschichte, die Geographie, die Geschichte, die Physik, die Mathematik etc. in französischer Sprache sich aneignen zu können.

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