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Die Welt · 1899-09-15 · 37 (15.9.1899) · p. None

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
37 (15.9.1899)
Date
1899-09-15
Page
None (sequence 10)
Language
German
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4 der Ausspruch gefallen ist, die Moral steht nicht auf der Tagesordnung, so hat man hier schier den Satz sanctionieren wollen, die Cultur stehe nicht auf der Tagesordnung. Sie haben darum gestern aus dem beredten Munde eines berühmten Redners gehört, der gewiss ein ebenso guter Jude als er ein Freund des Fortschrittes ist, dass die Cultur eine Nothwendigkeit sei. Aber, sagte er, wenn die Uhr aufgezogen wird, steht sie still, und wir sind jetzt im Momente des Aufziehens, deshalb müssen wir stille stehen. Wenn wir einer solchen Uhr glichen, die jahrelang aufgezogen würde, dabei immer still stehen müsste, dann freilich stünde cs traurig um den Fortschritt! (Lebhafter Beifall.) Aber während der Pausen, meine Herren, man zieht ja eine Uhr nicht mit einemmale auf, man macht Umdrehungen — und während dieser Pausen klappert die Uhr fort. So haben wir gewisse Zwischenpausen und in diesen muss das Räderwerk fortlaufen und auch für die Cultur ein Licht aufgehen. Meine Herren, wollen wir uns nicht in Allgemeinheiten erschöpfen, sondern gehen wir auf das Gebiet des Concreten über. Wir wollen gewiss in allererster Linie das pflegen, was uns Zusammenhalten kann und mit äusserster Vorsicht das vermeiden, was uns auseinandertreiben kann. (Lebhafter Beifall.) Es ist seitens der sehr Frommen, seitens der Orthodoxen, eine besondere Furcht vor dem Worte Cultur geäussert worden. Gewiss nicht aus dem Grunde, weil sie culturfeindlich sind — das negiere ich ganz entschieden — sondern aus dem Grunde, weil sie fürchten, dass man da eine ganz eigene Cultur treiben wolle, etwa jene sogenannte Cultur der verirrten die darin eine Grossthat erblickten, altehrwürdige Gebräuche zu verspotten und die Gefühle der Gesetzestreuen zu verletzen. Sie glauben das, weil sie nicht über unsere Bestrebungen aufgeklärt sind, und unsere Pflicht ist es, sie aufzuklären, dass sie von uns nichts zu fürchten haben. (Lebhafter Beifall.) Es ist ganz entschieden nicht richtig, wenn man glaubt, Cultur ist gleichbedeutend mit Religionsfeindlichkeit oder auch nur Religionslosigkeit. Das ist nicht wahr! Die Religion bildet einen grossen Theil der Cultur und wenn die Menschheit auf eine höhere Stufe der Moral gebracht wurde, so hat sie es in erster Linie der Religion zu verdanken. Die Religion war das heilige Gefäss, durch welches die Cultur, die Gesittung, in die menschliche Gesellschaft gedrungen ist. (Lebhafter Beifall.) Aber nehmen Sie sieb nicht die Verantwortung, sagen Sie nicht, dass Sie auf sich der Culturarbeit entziehen wollen. Es wäre eine grosse Sünde, auch von Religionswegen, und die Sünden haben bekanntlich die böse Eigenschaft rPQJ? J1TTU d. h., dass das Uebel fortzeugend, nur weiteres, grösseres Uebel gebärt. Der weise Koheleth sagte : nttt DJ1 HD ttfiK ■"fT nn nJIT Man soll also auf der einen Seite der Lehre huldigen, der erhabenen Lehre, auf der anderen aber auch den weltlichen Dingen Rechnung tragen und es wäre eine grosse Gefahr, wenn Sie den Zionismus als culturfeindlich hinstellten. — Wenn Sie die Culturarbeit einsargen würden, so würde als erster Leidtragender bei dem Sarge der Zionismus selbst stehen, mit kurzen Worten: Der Zionismus wird entweder culturfreundlich sein, oder er wird nicht sein! (Beifall.) Die Juden sind immer ein Culturvolk gewesen und sind in erster Linie ein Culturvolk, und wenn zu uns ein Schmerzensschrei aus Rumänien dringt, so geschieht es nicht nur, wenn unsere Brüder unter Krawallen leiden müssen, sondern auch, und viel lauter deshalb, weil man den Juden die Schulen versperrt hat, weil sie nicht theilnehmen können an der allgemeinen Geistes¬ und Fortschrittsarbeit. „Wenn Sie Nothschreie aus Russland zu uns dringen hören, so ist es öfter darum, weil man dort die Juden in den Schulen und Universitäten nur auf gewisse Percente beschränkt. Der Zionismus, der für alle Noth des Judenthums zu . sorgen hat, für die geistige, die moralische, die materielle, hat auch für die Culturaoth Sorge zu tragen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen). Aber, meine Herren, nur dann kann man etwas thun, wenn man seine Kräfte ehrlich und aufrichtig misst, und nicht zuviel in Angriff nehmen will. Schon unsere Altvorderen haben den schönen Lehrsatz aufgestellt: ri'tfBn vb ronö niran »Wenn Du gar zuviel ergreifen willst, so ergreifst Du gar nichts.“ Und deshalb haben wir es nöthig, uns weise Selbstbeschränkung aufzuerlegen, in der Art, dass wir uns klar werden, was wir wollen und was wir thun können, wenn nicht das Können hinter dem Wollen weit Zurückbleiben und uns entmuthigen soll. Gestatten Sie mir nun den genauen Unterschied fest zustellen zwischen allgemeiner und „jüdischer Cultur“. Sie haben so oft die Frage gehört: Was ist jüdische Cullur? Was versteht man unter Cultur überhaupt? Es ist hier nicht meine Sache, einen Professorenvortrag zu halten, und die allgemeine Cultur zu definieren als den Fortschritt des Menschen in der Erkenntnis seiner selbst und der ihn umgebenden Natur, in der Entfaltung seiner Kräfte und der Entwicklung der Wissenschaften, womit eine Verbesserung seiner materiellen Lage und eine Vervollkommnung seines Geistes verbunden ist — und das unter nationaler Cultur, wenn diese allgemein verstanden wird, nur dass sie eine individuelle Färbung einer bestimmten Volksgemeinschaft, eine besondere nationale Signatur annimmt. Aber erlauben Sie mir in präcisen, concisen Worten zu sagen, wie ich diese Frage beantwortet wissen will. Wir können nur dasjenige in der Cultur leisten, was ein Bedürfnis des gesummten jüdischen Volkes ist. Wir können uns nicht darauf einlassen, da-s wir für die einzelnen Länder ein gewisses Programm für allgemeine Cultur aufstellen, und den Zionismus zur Pflicht machen, dass sie es erfüllen. Wir müssen es den Angehörigen der einzelnen Länder überlassen, sich fortwährend zu entwickeln und die Erziehung ihrer Kinder in ihrem eigenen Geiste fortzuführen. Wir müssen ihnen wohl zur Pflicht machen, ja für Fortschritt und Cultur zu sorgen, aber dabei nicht ausseracht zu lassen, dass man speciell auf den jüdischen Geist Rücksicht nehmen soll. (Lebhafter Beifall.) Wir können im allgemeinen nur unseren Wunsch, unseren Willen aussprechen, ja es zur Pflicht eines jeden Zionisten machen, dass er für Aufklärung und Fortschritt sorgt; von congresswegen können wir da Concretes nichts wissen. Das würde uns schon unsere Loyalität gegenüber den Gesetzgebungen und politischen Verwaltungen der verschiedenen Länder unserer Diaspora verbieten. Die Zionisten können und sollen überall gute Patrioten sein, und nicht einmal den Verdacht einer Ungesetzlichkeit aufkommen lassen. Eines aber können wir von Congresswegen thun, nämlich fesstellen, dass, wie ich schon zuvor gesagt, das jüdische Volk ein Culturvolk ist, und daran erinnern, dass es Cultur schon zu einer Zeit gepflegt hat, wo noch alle Nationen im Dunkel geschwebt haben. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen), und die Cultur zu einer Zeit allein fortgeführt hat, als es noch finster war an allen Ecken und Enden. Wir können feststellen, dass es eine specifischjüdische Cultur gab, und nach gewisser Richtung noch gibt. Im Golus haben wir einen gewissen Stillstand eintreten lassen müssen, weil wir nicht anders konnten. Und da hat sich unsere geistige Thätigkeit auf ein bestimmtes enges Gebiet concentriert, welches ebenso

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