Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 34 (25.8.1899)
- Article
- Die Rede Dr. Max Nordaus
- Date
- 1899-08-25
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „Die Welt“ Nr. 34 Amalekiter zu schlagen. (Tosender Beil*, und Händekl,) Unsere Rabbiner sind noch ausschliesslicher und behaupten, das Los des ganzen Volkes sei auf 36 Gerechte gestellt Es . könnte dem höchsten Ehrgeiz der Zionisten genügen, die 36 Gerechten zu sein, durch die allein das ganze Volk lebt (tosender Beifall und Händeklatschen), die 300 Gideons-Streiter zu sein, die allein für das ganze Volk kämpfen Und siegen. Aber wir müssen damit rechnen, dass dieser stolze Aristokratismus unserer Ahnen, der nur die Minderheit .anerkennV-vielen zu fein und zu vornehm ist, und dass dem; gröberen Sinne nur die Mehrheitsbrutalität imponiert (Lebh. Beif.) Zeigen wir daher, dass wir nicht bloss die wenigen Auserlesenen für uns haben, die gewogen werden und mit denen unsere Weisen sich begnügten, sondern auch die vielen, die gezählt werden und an die allein das Zeitalter des allgemeinen Stimmrechtes glaubt. Befriedigen wir zugleich die aristokratische und die demokratische- Anschauung. Wir können es, wenn wir nur wollen. (Lebh. Beifall und Händekl.) Ich habe gesagt: Unser grosses Machtmittel ist heute der Volkswille. Halten wir nun einen Maitag mit unserem Volke ab, prüfen wir in einer allgemeinen Heerschau seine Gliederung} seine Bewaffnung, seinen Geist, damit wir genau wissen, mit welchen Streitkräflen wir zu Felde ziehen. \ Es muss auf den ersten Blick befremden, dass die Millionen des jüdischen Volkes sich noch nicht ausdrücklich für den Zionismns erklärt haben. Unsere Gegner deuten diese Enthaltung als Absage. Wir könnten sie wohl mit besserem Rechte als Zustimmung detiteh; Es ist aber tief betrübend, dass wir überhaupt äüf-DeMüngön angewiesen sind. “Warum erheben diese Millionen nicht ihre Stimme? Warum sagen sie nicht laut: „Wir sind Zionisten* — da sie es doch im Herzen zweifellos sind? Warum? Ich kenne den Grund und will ihn angeben, obschon mich dies schwere Ueberwindung kostet; denn der Grund ist tief beschämend. Es scheint unglaublich, ist aber dennoch wahr: Es gibt noch Millionen Juden, die von der ganzen zionistischen Bewegung nichts wissen. Sie sehnen sich nach dem Zionismus und haben nicht erfahren, dass ihre Sehnsucht die Form eines positiven politischen Programms angenommen hat. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Sie beten jeden Tag für die Rückkehr nach Jerusalem und ahnen nicht, dass wir mit dem Einsatz unserer ganzen Persönlichkeit daran arbeiten, diese Rückkehr vorzubereiten. Und das Tragische ist, dass sie an ihrer Unwissenheit nicht schuld sind. Unser Wort erreicht sie nicht. Sie lesen keine Zeitung. Sie gehen in keine Versammlung. Der furchtbarste Kampf ums Dasein nimmt jeden ihrer Augenblicke so vollständig in Anspruch, dass ihnen für nichts Zeit und Sinn übrig bleibt, was sich nicht auf die unmittelbare Erbeutung eines Bissens Brot bezieht. Aber diese Millionen gehen in die Synagoge; die meisten von ihnen täglich, alle am Sabbath und an den Festtagen. Sie blicken zu ihren Rabbinern als zu ihren bestellten Lehrern auf. Die Rabbiner haben ihr Ohr. — Sie hatten die Pflicht, ihnen die frohe Botschaft des neuen Zionismus zu verkünden. Warum haben Sie diese Pflicht nicht erfüllt? Wohlverstanden: ich denke hier nicht an die sogenannte Protestrabbiner des Westens. Mit diesen sind wir fertig und hoffen* dass auch das jüdische Volk bald mit ihnen fertig sein wird. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ich habe die gl aubens treuen Rabbiner des Ostens im Auge, an deren gut jüdischer Gesinnung billig niemand zweifeln wird. (Allgemeine Zustimmung.) Diese Rabbiner fragen wir: „Weshalb steht Ihr abseits? Weshalb schweigt Ihr? Weshalb führt Ihr Euere Gemeinde, die Euch folgt, nicht mit entfalteter Davidsfahne ins zionistische Heerlager?" Man sagt uns, dass sie uns misstrauen, dass sie von uns, ich weiss nicht welchen Anschlag auf den Glauben befürchten. Wie ist das möglich? Wir haben ja wiederholt öffentlich erklärt, dass wir den Glauben nicht antasten (lebhafter Beifall und Händeklatschen), dass innerhalb des Zionismus jedem die volle Freiheit gewährleistet wird, seiner religiösen Ueberzeugung nachzuleben! Und wenn Ihnen diese Erklärung nicht genügen sollte, so bedenken Sie doch dieses: Sie haben ja Ihr Schicksal in der eigenen'Hand! Wir haben ja gar nicht die Möglichkeit, Ihnen unseren Willen aufzunöthigen, wenn er von dem Ihrigen verschieden sein sollte (Allgemeine Zustimmung). Kommen Sie alle zu uns, Sie, die Frommen, Sie, die Misstrauischen. Wir sind bisher Hunderttausende, Sie werden dann Millionen sein, und der Wille dieser Millionen, nicht der unserige, wird geschehen. (Lebhafter Beifall.) Sie können in einem Tage, mit einem Schlage neun Zehntel des jüdischen Volkes aus Zionisten des Gemüths, die sie heute schon sind, in Zionisten des lauten Wortes und der That verwandeln. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Wir können dies mit unseren Mitteln der weltlichen Propaganda, der Presse, den Wanderrednern, den Vereinsvorträgen, nur viel mühseliger und langsamer. Wir werden es zuletzt dennoch fertig bringen, während Sie es gleich thun könnten. Aber wenn wir es fertig gebracht haben werden, dann wird das endlich unterrichtete jüdische Volk strenge Rechenschaft von seinen Rabbinern fordern, die heute schweigen. (Lauter, anhaltender Beifall.) Die gebildete Judenschaft des Westens fahrt fort, uns grossentheils feindlich oder mindestens gleich gütig gegenüber zu stehen und grimmig zu leugnen, dass die Juden ein Volk sind. Sie sind die einzigen, die dies noch leugnen. (Heiterkeit und Beifall.) In negativer Form, im Wege der Ausschliessung, erkennen alle Völker es an, indem sie uns Juden sagen: Zu unserem Volke gehört Ihr nicht, wenn Ihr auch bei uns Staatsbürgerrechte besitzt“. (Sehr gut, Beifall.) Wie schwach muss es mit der Mathematik und Logik der Leugner bestellt sein, wenn sie nicht begreifen, dass alle diese Verneingungen vereint die stärkste Bejahung des jüdischen Volksthums sind! (Stürmischer, anhaltender Beifall und Händeklatschen im Saale und auf der Gallerie.) Wir waren anfangs gegen diese Widersacher sehr erbittert. Wir sind ruhiger, vielleicht auch gerechter geworden. Wir verstehen sie und alles verstehen, heisst alles verzeihen. (Lebhafter Beifall.) Es istihnen sauer genug geworden, ein Vaterland und Staatsbürgerrechte zu erringen, und sie haben nun eine gewisse nervöse Angst, sie wieder zu verlieren. Was sie haben,daswissensie,was derZionismusihnen bieten wird, das sehen sie noch nicht, weil ihnen die Fähigkeit des Ausblickes in die Zukunft und der Vorstellung des erst Geplanten, noch nicht Ausgeführten, fehlt. Heute sehen sie im Zionismus nur eine Besitzstörung und