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Die Welt · 1899-08-25 · 34 (25.8.1899) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
34 (25.8.1899)
Article
Die Rede Dr. Max Nordaus
Date
1899-08-25
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 34 „Die H Welt“ Seite 3 Gedeihens lagen, in denen alle Wunden heilen konnten; weil zwischen den heimgesuchten Geschlechtern andere Geschlechter lebten, die sich eines glücklich sorglosen Daseins erfreuten, Das ist das Entscheidende. Ueber seine Katastrophen, auch über die furchtbarsten, wäre das jüdische Volk, dank seiner unverwüstlichen Lebenskraft, immer weggekommen, wenn es zwischendurch die Daseinsbedingungen aller anderen Völker gehabt hätte. Die. hat es aber nicht gehabt. Die hat es auch heute nicht. Wir leben wie die Höhlenthiere in ewiger Finsternis — uns leuchtet die Sonne der Gerechtigkeit nicht. Wir leben wie die Tiefseegeschöpfe unter einem ungeheuren Drucke — auf uns lasten, mit Tausendathmosphären-Wucht, Misstrauen und Geringschätzung. Wir leben seit Jahrhunderten in einer Eiszeit — uns umgibt die bittere Kälte des Hasses. Das sind die Dauerkräfte, die auf uns beständig ein wirken, ohne Getöse,ohne Zwischenfälle, die zu sensationeller Berichterstattung Anlass geben können, unter denen wir aber langsam, allmählich doch unfehlbar organisch zurückgehen. Ich erkläre offen, dass ich an eine Wiederholung der Schauerdramen unserer Vergangenheit in der Zukunft nicht recht glaube, obschon Ereignisse von gestern die Möglichkeit der Abschlachtung eines ganzen Volksstammes auch in unserer Zeit zu beweisen scheinen. Es ist nicht wahrscheinlich, dass man Zehntausende unseres, Stammes in einem Anfälle von Massenmordgier niedermetzeln wird, wenn auch örtliche Ausbrüche von Roheit möglich sind. Es ist nicht wahrscheinlich, dass man alle Juden aus einem Lande austreib en wird, wenn auch Tausende oder Hunderttausende durch unerträgliche Behandlung zu sogenannter „freiwilliger“ Auswanderung genöt-higt werden mögen. Es gibt heute ein europäisches Gewissen, ein Menschheitsgewissen, dass zwar immer noch weit genug ist, aber dennoch wenigstens eine gewisse äusserliche Ehrbarkeit vorschreibt und nicht leicht tobende Massenverbrechen duldet. Aber wenn ich an kein allgemeines Blutbad unter den Juden, an keine allgemeine Judenverjagung glaube, so bin ich andererseits überzeugt, dass unsere Eiszeit noch lange dauern wird, auf alle Fälle länger, als wir sie trotz unserer eben von mir gerühmten unerschöpflichen Lebenskraft ertragen können. Man stirbt unter dem Mordstahl und auf dem Scheiterhaufen. Doch wer erfriert, ist gleichfalls todt, und .wer in Rechtlosigkeit und Verachtung nach und nach verkommt, der ist nicht viel besser dran. Es ist ein Untergang ohne bengalische, Flammen: für den Untergehenden aber ist er nicht minder tragisch. Das jüdische Volk von diesem dauernden, gleichmässigen, zermalmenden Druck zu befreien, ist die Aufgabe, die der Zionismus sich gestellt hat. Wie will er diese Aufgabe erfüllen? Einen Volksstamm mit gewährleistetem Rechte der Selbstverwaltung, wenn auch ohne staatliche Unabhängigkeit, auf eigenem Boden anzusiedeln, das ist in hervorragendstem Masse ein politisches Werk, und um ein solches aufzubauen, dazu sind Machtmittel unentbehrlich. Welches sind nun unsere Machtmittel? Wir haben für uns die geschichtliche Grösse und sittliche Schönheit des zionistischen Gedankens. (Lebh. Beifall und Händeklatschen.) Wir, deren Lebensberuf die Pflege des Gedankens und seine Veräusserlichung in Schrift und Wort ist, wir werden sicher die letzten sein, die die Bedeutung des Gedankens unterschätzen. Aber wir wären unpraktische Schwärmer und Träumer, wenn wir nicht erkennen würden, dass die Macht des Gedankens, um kinetisch zu wirken, das heisst, um auf verantwortliche Staatsmänner einzuwirken und sie zu Handlungen zu bestimmen, Umwandlungen und Übertragungen erfordert. Ein anderes Machtmittel, das allerunentbehrlichste, ist das Geld. Wie es damit bestellt ist, darüber haben Sie schon Andeutungen vernommen und das Actionscomite wird Gelegenheit haben, Ihnen in verschiedenen Berichten hierüber weiteres zu sagen. Ich lasse deshalb diesen Punkt unerörtert. Ein Machtmittel aber haben wir unzweifelhaft auch heute, und das ist der Volkswille. (Andauernder lebh. Beifall und Händekl.) Dass niemand so leichtfertig und verständnislos sei, hierüber zu lächeln! Der Wille eines, wenn auch über die ganze Erde verstreuten Volkes von zehn Millionen ist eine positive Kraff, mit der auch die realistischesten Staatsmänner als mit einem durchaus ernsten Machtfactor rechnen. (Andauernder lebh. Beifall und Händekl.) Aber die erste Voraussetzung ist, dass der Volkswille auch wirklich vorhanden sei, und dass er sich unzweideutig äussere. Um von aller Welt ernst genommen zu werden, braucht das jüdische Volk sich nur selbst ernst zu nehmen. (Tosender Beif. und Händekl.) Um bald oder später zu erlangen, wonach es strebt, muss es zunächst seine Forderungen anmelden. Das Wohlwollen der mächtigsten Persönlichkeiten und edelsten Geister der christlichen Welt ist einer unser allerwertvollsten Aktivposten. (Tosender Beif. und Händekl.) Wir haben da einen grossen Credit, auf den wir für den gegebenen Augenblick rechnen. Aber um auf diesen Credit ziehen zu können; müssen wir eine authentische Unterschrift haben, deren Rechtsgiltigkeit der Cassier nicht anzweifelt. Diese Unterschrift zu schaffen, ihr eine unanfechtbare Repräsentativ-Bedeutung zu sichern, ist seit zwei Jahren der Gegenstand unserer unablässigen, angestrengten Arbeit. Zur Zeit hat das jüdische Volk keine dringlichere, keine wichtigere Aufgabe, als diese Arbeit mit allen Kräften fortzusetzen. Lebh. Beif. und Händekl.) Wie können wir erwarten, dass die Welt uns Volksrechte und ein Volksgebiet zugestellt, ehe sie völlig überzeugt ist, dass wir wirklich ein Volk sind und es auch bleiben wollen? Wir Zionisten wissen es, aber die Welt braucht es uns nicht zu glauben, solange beides von zahlreichen, wildkreischenden Stimmen in den Reihen der Juden selbst giftig geleugnet wird. Es ist deshalb unsere unaufschiebbare Pflicht, uns zunächst mit unseren inneren Feinden auseinanderzusetzen — denn aridere Gegner als jüdische hat der Zionismus überhaupt nicht — (Beifall und Händekl.), um der Welt keinen Zweifel darüber zu lassen, wer ber chiigt ist, im Namen des jüdischen Volkes zu sprechen. Vielfach hat man bisher blos die Stimme unserer- Gegner gehört, und da bekanntlich ein Mann, der schreit, mehr Lärm macht, als tausend Leute, die schweigen (Lebh. Heiterk.), so haben selbst gutgläubige Beobachter schwer den Irrtum vermeiden können, die Bedeutung unserer Gegner im jüdischen Volke zu überschätzen. Wir müssen deshalb ununterbrochen daran arbeiten, die Welt immer wieder darüber aufzuklären, dass nicht die Gegner des Zionismus, sondern die Zionisten das jüdische Volk verkörpern. (Tosender Beif. und Händekl.) In der jüdischen Ueberlieferung tritt beständig in mannigfachen Formen der Gedanke zutage, .dass, eine winzige Minderheit der lebendige, der wesentliche,, der allein ausschlaggebende Theil des jüdischen Volkes ist. Nicht den 22.000, auch nicht den, 10.000,. sondern den 300 Kriegern Gideons wird die Aufgabe, zugeteilt, die

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