Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 33 (18.8.1899)
- Article
- Stimmungsbilder
- Date
- 1899-08-18
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 „Die A Welt“ Nr. 33 Zu bewundern ist die Ausdauer, die die Congresstheilnehmer bei den Vorconferenzen beweisen. Besonders die russische Landsmannschaft liefert Beweise einer seltenen Unermüdlichkeit. Stundenlang, von Früh bis Mittag und fast den ganzen Nachmittag, sitzen die Delegierten im Konferenzzimmer und debattieren über die Gegenstände der Gongressverhandlungen. Diese Vorconferenzen der Russen währen schon mehrere Tage. Die Landsmannschaften verhandeln bei den Besprechungen zumeist in der Sprache ihres Geburtslandes. Es ist interessant, einer solchen Landsmannschaftsberathung als Beobachter beizuwohnen. Man gewinnt den Eindruck, dass hier eine Auslese der Judenschaft des betreffenden Landes beisammen ist. Lauter vorzügliche Redner. So haben die Russen eine stattliche Anzahl ausgezeichneter Redner. In der Gongressdebatte, wo die Verhandlungssprache die deutsche ist, ergreifen sie seltener das Wort, und wenn sie in die Gongressdebatten ein grellen, kommt ihre rhetorische Fähigkeit im unbequemen Rahmen der fremden Sprache weniger zur Geltung. Aber es ist eine Freude, ihnen bei den Vorconferenzen zuzuhören, auch wenn man nicht ein einziges Wort versteht. Der Wohllaut der russischen Sprache, die fliessende, volltönende Redeweise macht einen sehr angenehmen Eindruck. Manche Redner haben einen gewissen Rhythmus in der Sprechart. Eine deutsche Rede erscheint daneben bedächtig-schwerfällig. Man bedauert im Stillen alle existierenden russischen Stenographen, die einem derartig dahineilenden Redestrom folgen müssen. Und es zeigt sich eine merkwürdige Erscheinung: die nordischen Juden sind die heissblütigsten. Wenn man so die einzelnen Landsmannschaften durchgeht, so findet man, dass die russischen Juden das lebhafteste Temperament haben. Nirgends ist die Glocke des Vorsitzenden so stark im Gebrauch, wie in deren Conferenzen. Was feurige Reden sind, lernt man erst hier kennen. Die aufrichtige Begeisterung, die diese Männer zeigen, macht einem den Aufenthalt bei ihren Berathungen lieb. Man setzt sich immer wieder gerne hin und lauscht den enthusiastischen, wohlklingenden Reden. Man muss bedenken, dass diese Braven lange, lange Tagereisen machten, um zur Tagung ihres Volkes zu kommen. Man muss sie nach mehrtägiger Eisenbahnfahrt gesehen haben, ermüdet, von dem rumorenden, rüttelnden Bahnzug erschöpft, um das Opfer zu verstehen, das die Wackeren bringen. * * * Bemerkenswert ist, dass heuer die Zahl der eingelaufenen Schekel bedeutend zugenommen hat. In Russland ist der Schekeleinlauf im Vergleiche zum Vorjahr um mehr als 30 Percent, in den übrigen Ländern um 253/4 Percent gestiegen. Erwähnt mag werden, dass aus Tschitha am B a i k a 1 s e e, dann aus Bokhara (Kurdistan) grosse Schekelbeträge eingelaufen sind. Auch die Zahl der Delegierten hat, soweit sich die Situation jetzt überblicken lässt, zugenommen. Man hat befürchtet, dass die Eintlieilung der Wähler nach Hundertschaften die Delegiertenanzahl herabmindern könnte. Diese Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet. Allgemein wird von dem III. Gongress viel erwartet. Besonderes Gewicht wird auf zwei Punkte — Bank und Organisation — gelegt. Wie uns mitgetheilt wird, sind die ersten Delegierten — vereinzelte Zugvögel — bereits drei Wochen vor dem officiell verlautbarten Beginn der Gongressverhandlungen in Basel eingetroffen. * * * Montag, den 14. August, vormittags hielten die Vertreterinnen der zionistischen Frauen-Organisationen eine Genferenz ab. Es waren 51 Damen anwesend; den Vorsitz führte Frau Professor G o tt h e i 1 aus New-York. Die Debatte beschäftigte sich einerseits mit der Lage der Juden in den einzelnen Ländern, speciell der jüdischen Frauen, andererseits mit theoretisch-zionistischen Fragen. Eine Gruppe. der Damen plaidierte für „humanitären“ Zionismus, die Mehrzahl sprach sich für den „politischen“ Zionismus aus. Hierauf wurden Vorschläge zur Organisation gemacht. An der Discussion betheiligten sich in hervorragendem Masse: Frau Professor Gott heil (New-York), Frau Dr. Sidonie K a h n (Wien), Frl. I m a s (Nikolajcw), Frl. Schach (Paris), Frl. Wolpe (Frankfurt a. M.J, Frau Dr. Leon (Wilna). Die Sitzung währte gegen drei Stunden. Man konnte überrascht sein von der grossen Sachkenntnis, mit der die zionistischen Damen die Fragen des Zionismus erörterten. Bis in die intimsten Details wurde manche Frage fast pilpulistisch zergliedert. Die Debatte war fast durchweg]) sachlich, sie erstreckte sich auf Daten und Thatsachen. Der Mangel jeglicher Phrase durfte angenehm auffallen. Der stürmische Charakter, den die Debatte mancher Vorconferenz in den letzten Tagen zeigte, kam in der Frauenversammlung nirgends zum Ausdrucke. Die Begeisterung und die Liebe für das Judenthum sprach sich in einer anderen Form aus. — Die Frauen zeigten sich bei den ergreifenden Schilderungen jüdischen Volkselends sichtlich gerührt, man sah — Thränen in den Augen, doch gelang es den Versammelten stets, über derartige, rührselige Stellen rasch hinwegzukommen und den nüchternen, sachlichen Ton der Discussion wieder zu finden. Die Verhandlungssprache war theils deutsch, theils französisch. Unter den vielen schönen Scenen, die man in diesen Gongresstagen mitansehen konnte, ist das Bild der zionistischen Frauenconferenz wohl eines der schönsten gewesen. * * * Monta g, den 14. A u g~u s t. Heute ist wieder eine grosse Zahl Delegierter angekommen. Aufmerksamkeit erregen die Rabbiner aus dem Osten mit den langen schwarzen Talaren. Es bilden sich um die Rabbiner discutierende Gruppen. Man hört Bruchstücke der Unterhaltung heraus: „Hebräische Sprachvereine — Gulturvereinigungen — Erziehung — — Das Bild im Gongresshause ist bunter, lebhafter geworden. Die lichten Kleider der Damen gestalten das Gewirre heiterer, farbenprächtiger. Da und dort taucht im Gedränge ein Fez auf. Ein Summen und Durcheinandereilen wie in einem Bienenschwarm . . . Aus den einzelnen Sälen, wo die Conferenzen tagen, schallt der Applaus heraus. Dann wieder die Glocke des Vorsitzenden. Oder die erhobene Stimme irgendeines Redners. Im Gongresssaale sind Arbeiter damit beschäftigt, die Decorationen anzubringen. An der Wand hinter der Tribüne wird ein in blau-weisses Fahnentuch gesticktes Wappen befestigt: ein goldener Davidsschild mit 7 goldenen Sternen. In der Mitte des Schildes ein schreitender Löwe. * * * Montag, den 14. August, gegen Mittag, werden von den Baseler Zeitungen Extrablätter mit dem Berichte über das Attentat gegen Labori herausgegeben. Labori liat hier die allgemeine Theilnahme für sich,