Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 33 (18.8.1899)
- Article
- Stimmungsbilder
- Date
- 1899-08-18
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315830-3390023--14417-3390084- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 33 „Die Welt“ Seite 3 Man hört alle möglichen Sprachen: deutsch, russisch, englisch, französisch, polnisch. Es wird besonders viel russisch gesprochen. Die überwiegende Zahl der Delegierten ist aus Russland. Die Angehörigen der einzelnen Länder treten zu Landsmannschaften zusammen. Die Landsmannschaften halten Vorconferenzen ab, bei denen über die Stellungnahme zu den Punkten der Gongress-Tagesordnung Berathungen gepflogen und Ergänzungen zur Tagesordnung beschlossen werden. Für die Vorconferenzen sind eigene Säle bestimmt. Ebenso haben die einzelnen Commissionen ihre speciellen Berathungszimmer. Sonntag, den 13. August, vormittags, fand auch’einc Sitzung des grossen ActionscomitesimCongresshause statt. Das Pressbureau des Gongresses ist in voller Thätigkeit. Leiter des Pressbureaus ist Dr. Siegmund Werner. Hier werden Journalistenkarten ausgestellt, die Sitzordnung der Berichterstatter festgesetzt, Communiques ausgearbeitet. In den Gängen und vor den Thuren der Säle sind Diener und Ordner postiert. Sie tragen eine weisse Binde mit blauem Davidsstern um den Arm. * 4- * An Vorträgen sind auf dem schwarzen Brette angekündigt: ein Vortrag von Dr. Lippe über die zweifache Aufgabe des Gongresses, ferner ein Vortrag von D. Tri es ch über die Besiedelung von Cypern. Samstag, den 12. August, hielt Herr H. Berliner aus Wien im Vereine „ Jung-Zion“ einen Vortrag über «Stellenvermittlung“. Das Congressliaus, das Baseler Stadtcasino, hat wieder für den Empfang der Göngresstheilnehmer Festschmuck angelegt. Den Balkon an der Vorderfront ziert der Davidsschild mit den sieben goldenen Sternen, zu beiden Seiten des Daviclsscliildes wehen grosse blauweisse Fahnen herab, die gleichfalls mit dem jüdischen Wappen geschmückt sind. Heber dem Portale des Stadtcasinos steht in grossen, weithin sichtbaren Lettern: 111. Zionisten- Gongress. Für Sonntag, den 14. August, nachmittags 3 Uhr, ist eine Gonferenz der englisch sprechenden Delegierten und eine. Sitzung der rumänischen Landsmannschaft angesagt. Für Montag eine Versammlung der Schweizer Delegierten und eine Sitzung der Damen. Auch heuer ist eine grössere Anzahl von Damen mit Mandaten zionistischer Frauen vereine auf dem Congress erschienen. Am 14. August, abends. Y2 9 Uhr, findet im Sommercasino. zu Ehren des 3. Gongresses ein Gartenfest, veranstaltet vom hiesigen Vereine „Jung-Zion“, statt, -r- * * Der grosse Sitzungssaal zeigt die gleiche Einrichtung wie im Vorjahre: gegenüber dem Eingänge die erhöhte Tribüne mit dem grünen Präsidententisch, die Tische für die Schriftführer und die Ehrensitze für Delegierte. Vor der Präsidialtribüne die Rednerbühne. Rechts und links von der Rednerbühne die Journalistenplätze. Dann im Verhandlungssaale die langen Reihen rother Plüschsophas. Der Verhandlungssaal ist kaum etwas kleiner als der grosse Sitzungssaal des Reiehsrathsgebäiides in Wien. Nur fehlt die zweite Gallerie. Das Licht fällt sowohl durch hohe Seitenfenster, als auch durch einen umfänglichen Fenstercomplex im Deckengewölbe in den Saal. Der Dralitsehutz einzelner Plafondscheiben ist eniporgeklappt. Dorther blickt der freie Himmel in den Saal Bei Nacht sieht man von den Sitzen aus die flimmernden S Lerne. Rülhliche Marmorsäulen gruppieren sich an den Wänden der Galleric-Abtheilimg, Vier mächtige Luster mit elektrischen Lampen hängen von der Decke hinab. Angemeldet sind vorläufig die Berichterstatter folgender Blätter: „American Review“ und „Scattered Nation“, „Avanti", „Allgem. Schweiz. Ztg.“, „Basl. Nachr.“, •„Basl. Volksblatt“, „Breslauer Morgenzeitung“, „Echoes of Service“, „The Witness“, „Chicago Record“, „Schweiz. Protestaiitenhlatt“, „Magyar Ujsäg“, „Jewisli Express“, „Hazefirali“, „Mühlhauseuer Express“, „Epoca“, „Egalitatea“, „Hameliz“, „Libelle“ (Paris), „Gazette de Lausanne“, „La Suisse“, „Gazette de Gerieve“, „La vie illustree“ (Paris), „Israelit“ (Mainz), „Israelitische Wochenschrift “.'(Berlin), „Der Jude“ (Krakau), „IzraHita“, „Kiewsko Slowo“, „Nowosti“ (St. Petersburg), „Schweizer Allg. Anzeiger“, „Siede“ (Paris), „Leipziger Volksz eih u lg “, „ Mornin g Star “, „ Pufornia “, „ L' Uni vers Israeiite“, „Nationalzeitung“ (Basel), „Neues Wiener Tagblatt“, „Oberländer Bote“, „Odessky Listok“, „Oberbadisches Volksblatt“, „Outlook“ (New-Yorkj, „Le Patriotc“ (Brüssel), „St. Petersbargskija Wiedömösti“, „Schaffhauser Intelligenzblatt“, „Strassburger Tagblatt“, „Schwäbische Tagwacht“, „Sewero sapadnoje Slowo“. * £ Mit welcher Macht der Zionismus die jüdischen Volksmassen ergriffen, bekundet ein Manifest, das Herr Schlaposc h n i k o f f aus Charkow auf den Gongress mitbringt. Herr Schlaposchnikoff ist Delegierter eines jüdischen Bergstammes im Kaukasus. In der Kubaner Provinz im Kaukasus haben sich die tscherkessischen Bergjuden zionistisch organisiert, Schekel entrichtet pnd Herrn Schlaposchnikoff ein Mandat für den dritten Gongress anvertraut. Wie uns Herr Schlaposchnikoff erzählt, ist vor einiger Zeit eine Deputation der Kubaner Juden nach Petersburg gereist, um wegen einer geplanten Regierungsmassregel an zuständiger Stelle Beschwerde zu führen. Der Weg führte sie über G har ko w, wo sie Herrn Schlaposchnikoff, der durch seine Schriften in den weitesten russisch-jüdischen Kreisen bekannt ist, aufsuchten. Diese Bergjuden tragen, wie uns Herr Schlaposchnikoff mittheilt, die tscherkessisclie Nationaltracht und sind wie die Bergvölker, unter denen sie wohnen, bis an die Zähne bewaffnet. Mit ihren Nachbarn leben sie in steter Fehde, die mit Dolch und Schusswaffe ausgetragen wird. Durch diese kriegerische Lebensweise haben die Kubaner Juden einen kampflustigen, trotzigen Charakter angenommen. Sie sind wahre Prachtgestalten. Gross, stark; das (Gesicht zeigt einen edlen jüdischen Typus, dabei sipd sie im jüdischen Schriftthum wohlbewandert. Herr Schlaposchnikoff erzählte ihnen vom Zionismus, vom Baseler Congress, von Herzl. Sie Fiengen sofort Feuer und lohten in heller Begeisterung auf. Als sie nachhause kamen, trugen sie die zionistische Idee unter das jüdische Bergvolk. Schekel wurden gesammelt und eine neuerliche Deputation überbrachte Herrn Schlaposchnikoff das Mandat für den III. Congress mit einem Manifest* das die Kubaner Juden dem Gongresse übermitteln. In dem Manifest erklären Tausende jüdischer Bergbewohner ihren Anschluss an den Zionismus. Die Unterschriften auf dem Manifeste sind durcligängs altbiblische Namen. — Herr S eh 1 apo s ch nikoff selbst ist eine der charakteristischen Typen des Gongresses. Lange, hellbraune Haare, lichter, herabhängender Schnurrbart, kühhgescliwungene schmale ' Nase und energisch blickende bläue Augen.