Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 26 (30.6.1899)
- Article
- Dr. Herzl in London
- Date
- 1899-06-30
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 „Die H Welt“ Nr. 26 hätten, wenn man auf der einen Seite das Vertrauen wohlwollender Personen durch Schweigen zu rechtfertigen hat und auf der anderen Seite mit Fragen bestürmt wird: Wie steht es? Wo halten wir? Wann, wann, wann? In diesem Dilemma erkenne ich ohne alle Unschlüssigkeit meine Pflicht. Meine Pflicht ist, zu schweigen, selbst auf Kosten der Popularität, bis das Werk, das ich unternommen habe, fertig ist* Ich weiss, was unsere Gegner dazu sagen werden. Ich weiss es, wie wenn ich ihre Reden schon gehört, ihre Blätter schon gelesen hätte. Er ist schon wieder ausgewichen. er hat vage Versprechungen gemacht, die armen Leute vertröstet, die ganze Sache ist ein ausserordentliches Blendwerk. Nim, wir tragen alle die Verantwortung für das, was wir sagen und gesagt haben. Zum Glücke fehlt mir die Zeit, alle Insulten zu lesen, mit denen man mich von jüdischer Seite bedeckt. Ich bekomme nur ab und zu eine Sammlung, ein Bouquet der Schmähungen zu Gesicht. Ich empfinde darüber mehr Scham als Zorn. Ich schäme mich als Jude, dass es Leute unter uns gibt, die einen Arbeiter der Volkssache beschimpfen. Wenn dieser Streit aus den Ghetto mau ein unserer Discussion hinausdringt in die weitere O eilen fliehkeit, wird vielleicht mancher Gl eich gütige erstaunt den Kopf schütteln und mancher Feind sagen : Seht, so sind die Juden! So behandeln sie ihre eigenen Söhne, die sich um das Volkswohl abmühen. Ist man nicht sogar soweit gegangen, zu sagen, dass ich Geldvortheile von der Sache habe. Wahrlich, diese Leute würden verdienen, dass ich öffentlich vorrechne, was mich die Bewegung ausser meiner Zeit und Arbeit auch schon für Geldopfer gekostet hat. Meine nächsten Freunde wissen es. Im übrigen will ich mir auch darin Zurückhaltung auferlegen, weil ich an die Ehre der Juden denke. Mit einem ganz besonderen Wuthgeheul ist man über mich hergefallen, als wir in Ausführung der Gongressbeschlüsse an die Errichtung der Jüdischen Colonialbank schritten. Es war einer der Wendepunkte unseres Weges nach der Stadt, und wer uns da unser Kalb tragen sah, konnte leider auf die Vermuthung kommen, dass es das goldene Kalb sei. Für meine Freunde und mich war die Gründung der Jüdischen Colonialbank bisher das grösste Opfer, das wir der zionistischen Bewegung brachten. Ich spreche da nicht von dem Gelde, das wir aus unserer Tasche daran wendeten. Denn obwohl wir Juden sind, ist uns Geld heiweitem nicht das höchste. Das Opfer war, dass wir einer geschäftlichen Unternehmung näher traten, wenn auch ohne jede Absicht auf materiellen Gewinn. Als wir auf dem Punkte an ge langt waren, wo wir mit der Schaffung des finanziellen Instrumentes nicht länger zögern konnten, schrieb ich einem englischen Freund einen Brief, worin ich ihm sagte: „Jetzt ist die schöne Zeit vorbei, in der man mich nur als einen Wahnsinnigen hinstellte. Von nun ab wird man mich als einen Geschäftsmann behandeln. Aber auch da muss ich hindurch.“ Ich meine nicht, dass es etwas Unrechtes sei, wenn man sich mit Geschäften abgibt. Nur ein Schriftsteller soll kein Geschäftsmann sein, und beim Diener einer Volksbewegung ist es etwas Unerträgliches. Nie habe ich so richtig prophezeit, wie damals, und die Juden können zufrieden sein, wenn alle meine Worte sich so erfüllen, wie jene, die ich damals schrieb. Das heisst, meine Prophezeiung wurde weit übertroffen. Hier in London war es, in einer öffentlichen Versammlung, wo ein Herr, den ich nicht näher kenne, der aber jedenfalls in seinem Leben mehr mit Geldgeschäften zu thun hatte als ich, die Vermuthung aussprach, wir wollten den armen Leuten das Geld aus der Tasche rauben. Warum sagte er das? Da ich nie in meinem Leben Geschäfte irgendwelcher Art gemacht habe, weiss ich nicht, ob er meinte, dass jede finanzielle Unternehmung einen Raub bedeute Das wäre eine Umschreibung von Dumas Wort: „Les affaires, c’est Targent des autres.“ Oder meinte er, dass nur die finanziellen Unternehmungen von Juden diesen Charakter tragen? Dann wundere ich mich, dass ihn der ehrwürdige Chiefrabbi nicht exeommunieierte und — was vielleicht noch empfindlicher für ihn wäre — dass die Banquiers mosaischer Confession nicht den Verkehr mit ihm abbrachen. Aber wahrscheinlich wollte er nur in der kräftigen Sprache des Lebenskreises, dem er angehört, sagen, dass er kein Vertrauen zur Sache habe. Und sehen Sie, was erreicht wurde? Gerade die Grösse der Beschimpfungen hat sie unwirksam gemacht. Meine Freunde und ich wären tief gekränkt gewesen, wenn man uns als Geschäftsleute hingestellt hätte — und wir waren auf diese Kränkung gefasst. Aber man behandelte uns als Räuber — das hat uns getröstet. Und was bedeuten diese kleinen Hautschiirfimgen uns, die wir unser ganzes Leben gern an die theure Sache setzen? Es geht vorwärts — nur darauf kommt es an. Diese im vorhinein verleumdete Colonialbank ist heute gesichert. Sie ist eine Thatsaelio, eine Ziffer, mit der auch die Ziffernmenschen werden rechnen müssen, besonders die Ziffern men sehen. Es ist wenig gesagt, wenn ich erkläre, dass die Bank besser sein wird als der Ruf, den man ihr zu machen versucht hat. »Sie wird überhaupt gut sein. Warum? Wenn ich sagte, die Colonialbank wird gewissenhaft verwaltet werden, weil das rührende Vertrauen der unzähligen kleinen Leute in der ganzen Welt uns eine ernste, dauernde, moralische Pflicht auferlegt — so werden die Gegner antworten : Ja, eben das ist noch zu beweisen. Darum will ich Ihnen den anderen Grund an geben : Der Aufsichtsrath, dem ich nebst mehreren Gelehrten, Schriftstellern und Nichtgeschäftsleuten anzugehören die Ehre habe, ist s ta tuten - massig von jedem Vermögensgewinne, welcher Art immer, ausgeschlossen. Wenn-mau uns daher nicht für Anhänger eines neuen »Sports hält, der darin besteht, dass die Aufsichtsräthe den Directoren beim Plündern der Actionäre Zusehen und vielleicht darauf wetten, welcher Cassier am schnellsten defraudiert, so muss man doch annehmen, dass dieser mit genügender Macht ausgestattete Aufsichtsrath seine Pflicht thun wird. Aber diese Pflicht ist mit der Aufrechthaltung der Ordnung nicht erschöpft. Es handelte sich nicht um die Schaffung noch einer jüdischen Bank. Deren gibt es unter verschiedenen Masken schon genug. Die zionistische Bank musste es sein und wird es sein. Was heisst das? Soll das Actiencapital der Bank dazu dienen, das Land unseres Sfcrebens zu kaufen? Dazu wären zwei Millionen Pfund doch eine zu geringe Summe. Mit solchen Behauptungen will man uns ja nur lächerlich machen, uns als Narren hinstellen. Die Bank hat eine andere Aufgabe. Sie soll die Erlangung des Charters vermitteln, den ich Urnen vorhin im Bilde des lease-hold vorführte. Wir wollen einen Charter von der türkischen Regierung erwerben, um Palästina unter der Souveränetät des Sultans zu colonisieren. Ungeheure V"ortheile eröffnen sich der Türkei, wenn sie die fleissigen, friedlichen, unternehmungslustigen Juden zur Erschliessung der natürlichen Schätze des Landes zulässt. Es gibt heute wohl wenige türkische »Staatsmänner, denen diese Nützlichkeit der zionistischen Bewegung nicht einleuchten würde. Mit den Juden käme Wohlfahrt und moderner wirtschaftlicher Aufschwung in die Türkei. Was die Verwirklichung unseres Planes für Europa bedeutet, das haben regierende Herren und Diplomaten von hoher Stellung in klarster Weise anerkannt. Es wäre das Ende der giftigen, hässlichen Judenfrage, obwohl niemand von uns daran denkt^ dass alle Juden nach Palästina gehen