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Die Welt · 1899-06-30 · 26 (30.6.1899) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
26 (30.6.1899)
Article
Dr. Herzl in London
Date
1899-06-30
Page
5 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 2 6 „Die H Welt“ Seite 5 sollen. Nur wer Lust hat, wer sich sein Los verbessert, wenn er hingeht. Und unser Raisonnement ist das einfachste von der Welt: wenn das Angebot an Juden sinkt, wird die Nachfrage nach Juden steigen. Man wird uns für mehr wert halten. Wir werden auch mehr wert sein. Cultur wollen wir nach dem Osten tragen. Und wieder wird Europa davon profitieren. Dem Verkehre werden wir neue Wege erschüessen — und niemand hat daran ein grösseres Interesse, als England mit seinen asiatischen Besitzungen. Der kürzeste Weg nach Indien führt durch Palästina. Wir werden die Producte des Kulturlandes brauchen, bis wir selbst welche erzeugen. Aber wir wollen auch möglichst bald selbst Güter pro änderen. In den letzten fünfzig Jahren sind im wirtschaftlichen Leben der Menschheit grössere Veränderungen vorgegangem als früher in einem Jahrtausend. Mit dem Dampf und der Elektricität ist ein neuer Geist herrisch, herrlich in die Welt eingezogen. Dieser Geist soll über der zionistischen Bewegung schweben. Ich will von den zahllosen Industrien nicht sprechen, durch die unser Dasein so mannigfaltig geworden ist. Was könnte ich armer Barbar vom Continente den Bewohnern Englands darüber sagen? Sie sind uns in allen technischen Errungenschaften weit überlegen, gleich wie die grossen Politiker Ihres Landes., die ersten waren, welche die Nothwendigkeit der colonialen Ausbreitung erkannten. Darum weht die Fahne Grösser-Britanniens auf allen Meeren. Und so sollte ich meinen, dass hier in England die zionistische Idee, die eine coloniale ist. leicht und rasch verstanden werden muss, und zwar in ihrer modernsten Form. Alles, was menschlicher Fleiss in anderen Ländern schaffen kann, wird er doch auch dort schaffen können, wo in wunderbaren Tagen Milch und Honig floss. Warum sollte das gerade dort nicht möglich sein? Etwa, weil wir heute in der Beherrschung der Naturkräfte um so viel weiter halten? Blicken Sie doch zurück auf die Einfalt früherer Tage, und geben Sie sich selbst die Antwort. Wenn ich nicht schon so lange gesprochen hätte, würde ich Ihnen das einfachste Lebensmittel, das Brot, zeigen, seine Geschichte, seine Entwicklung und seinen heutigen Zustand. Von den Dampfpflügen, Säe- und Dreschmaschinen bis zur bakteriologischen Untersuchung der Gührungspilze — welch ein Unterschied gegen die Zeit unserer Väter, die ihr Brot mit mehr Schweiss benetzen mussten als wir. Sehen Sie sich alle diese merkwürdigen Fermentations-Industrien an, Brot und Bier, Wein und Essig, Rum und Cognac, Tabak und Käse — wie ist alles anders geworden. Ja, wenn ich nicht eine so heillose Angst davor hätte, ein Phantast und Utopist gescholten zu werden, würde ich Ihnen die kommende Einrichtung unseres Landes schildern, mit Eisenbahnen, Telegraphen, Telephonen, Automobilcars und anderen solchen fabelhaften Dingen, die noch, nie ein Mensch gesehen hat. Aber in solchen Einrichtungen auf dem neuen Boden, der unser alter ist, erschöpft sich das nicht, was ich für den Zionismus halte. Ich glaube nicht, . dass das Volk der Schrift sich so lange und unter solchen Leiden fortgefristet hat, nur um einmal die neuen Verkehrsmittel nachhause zu bringen. Einen anderen Sinn müssen die Leiden des vielgeprüften Volkes gehabt haben. Eiue Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach Menschlichkeit muss in uns sein, und wir müssen sie befriedigen. Es ist vielleicht nicht die eleganteste Gesellschaft, wenn man mit Bettlern und Hungerleidern zusammen nach einem Ziele strebt. Aber ich spreche ja nicht, von der Kanzel einer Synagoge, und so mag es mir gestattet sein, zu sagen, dass wir Zionisten nicht davor zurückschrecken, mit Bettlern und Hungerleidern zu gehen, wenn das Ziel die Gerechtigkeit ist. Vielleicht werden wir bei dieser Gelegenheit die Möglichkeit socialer Verbesserungen entdecken und verwirklichen, die auch den Mühseligen und Beladenen anderer Völker zunutze kommen. Dann erst werden wir wahre Israeliten sein Echte und unechte Thränen. (Z u m s i e bzeh n teil Tha m in u s.) Es ist noch nicht der Tag der Zerstörung bis auf den Grund, der siebzehnte Thanunus, den das ganze Haus Israel als Trauertag hält mit Fasten und Klagen. Nur ein Theil der Zerstörung ward an diesem Tage vollbracht, ein bedeutsamer Schritt näher gethan zu dem Abgrunde, in den die ganze Pracht vensinken sollte. Aber auf ihn fallen schon . die unseligen Schatten des grossen Tages, des neunten Ab, voraus. Die Agonie vor dem Tode. So sehr über alles Mass traurig ward dieser Tod empfunden, dass man dem Hause Israel auch schon die Agonie zu betrauern zürn uthete. Noch ringt der Sterbende. Und die Söhne und Töchter setzen sich auf den Boden und beginnen zu weinen . . . In diesen Tagen aber ist es, als lebte die Stadt noch, und wir Juden von heute stünden vor ihren Thoren, und der Feind stürmt, und die Katapulte schleudern mit dröhnenden Stössen Steingeschosse gegen die Mauern, und Bresche auf Bresche wird geschlagen, und zwischen ihnen durch sickert das Blut der Vertheidiger, und die Waffen klirren, und der Nothschrei hallt, und kommt nicht Hilfe, so erliegen unsere Theuersten, und wir stehen draussen und können nicht helfen und ringen die Hände . . . o des Jammers! Wer schämt sich seiner Thränen? Das ist die nachschaffende, illusionistische Empfindung, die der toclten Väter sterbende Stadt vor unser geistiges Auge stellt und uns im hellen Lichte des lebenden Tages Wandelnde in Trauer versetzt. Zeihe uns keiner der Heuchelei oder der gewaltsamen, suggestiven Uebertreibung! Als bezeigten wir eine Trauer, die uns innerlich fremd und als hätten wir gewisse wohlerwogene Gründe, uns als Schauspieler unwahrer Schmerzen zu producieren. Wer dürfte uns auch der Heuchelei zeihen? Etwa die Verein!ger des zionistischen Beters und antizionistischen Menschen in einer gar nicht anmuthenden Person? Sie, von denen wir zur Ehre ihrer hypokritischeil*Consequenz annchmen wollen, dass sie am siebzehnten Thammus die Vorderplätze der Synagoge zieren, um das Malheur der in den weitesten Geographenkreisen nicht unbekannten Stadt Jerusalem zu beklagen, der Stadt, aus deren offenbar nur zu diesem Zwecke durch Brand und Balüsten geöffneten Thoren die nachchristlichen Apostel ziehen durften, umwoben von der Gloriole der Mission und erfüllt von dem Bewusstsein', dass diese Welt für den Juden, der sie recht zu nehmen weiss, immerdar die beste aller Welten sein werde? Nein, diese Leute, die, ehe sie sich zur officiellen Klagefeier niedersetzen, die todte Stadt exhumiert und in die Wolkennachbarschaft der Sterne, die inan nicht begehrt, über deren himmlische Entfernung man sich vielmehr freut, wohlweislich versetzt haben — sie dürfen unsere Trauer nicht verdächtigen. Unsere Trauer gilt wirklichen Mauern, mit dem wirklichem Schweisse und der wirklichen Arbeit unserer Väter erbaut, keinem mystischen Bauwerk, auf dessen Zinnen an festgesetzten Kalendertagen die Trauerfahne aufgezogen wird, zum Erkennungszeichen für die philosemitischen-Gönner in den vielen Vaterländern, dass sie es hier nicht mit irgendeiner der zahlreichen intereonfessionellen Humanitätsanstalten zu thun haben — dies hier ist aber ein sozusagen jüdisches (wenn auch gewaltsam adaptiertes) Gefängnis für unjüdische Ideen.

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