Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 26 (30.6.1899)
- Article
- Dr. Herzl in London
- Date
- 1899-06-30
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 26 „Die Welt“ Seite 3 Solchen Widersachern müssen wir einfach den Rücken kehren und weitergehen und denken: b ald sind wir in der Stadt. Aber die immer gleiche Antwort kann ich mir heute und hier ersparen. Sie wissen alle, wohin wir wollen. Die Frage, die bei manchem auftauoht, ist vielleicht nur die, ob wir auf dem richtigen Wege sind. Ich glaube, ja. Was ist unser Ziel? Wir wollen dem jüdischen Volke eine rechtlich gesicherte Heimstätte bereiten, in seiner alten Heimat Palästina. Das halten wir für die endgültige Lösung der Judenfrage. Diese Lösung setzt drei Dinge voraus. Erstens die Existenz des jüdischen Volkes. Zweitens die Eignung Palästinas zur Besiedelung, Drittens die Sicherung der rechtlichen Grundlagen. Zum Ersten. Wir konnten, als wir unsere Bewegung an 11 engen, nur vermuthen, dass es ein jüdisches Volk noch gebe. Heute wissen wir es. Es ist auf die deutlichste und modernste Art von der Welt bewiesen. Wir haben nämlich eine jüdische Volksvertretung. Sie tagt seit zwei Jahren in Basel und heisst Zionistcncongress. Meine Damen und Herren, ich weiss nicht, ob ich selbst es erleben werde, aber ich bin fest überzeugt, dass Leute meines Alters die Verwirklichung unseres Wunsches sehen werden. Wir werden im Lande Israels als freie Menschen wohnen. Ob ich selbst dabei sein werde oder nicht, ist für die Sache gleichgültig. Aber wenn ich dabei sein werde, so werde ich mich über nichts mehr so freuen, von nichts mehr so hingerissen sein, wie vom ersten Baseler Congress im Jahre 18b7. Denn das war das erste Lebenszeichen des scheintodten jüdischen Volkes. Wie schwach der Athemzug, wie leise der Pulsschlag auch war, die wir zitternd vor Angst und Hoffnung damals belauschten — wir gewannen die Leberzeugung, dass unser Volk noch lebt. Alles, was es späterhin noch leisten wird, kann uns nicht mehr überraschen. Der glückliche Augenblick war der an den Grenzen des Lebens, wo wir den Augenaufschlag des Todtgeglaubten sahen. Dass jemand, der ins Leben wiederkehrt, auch herumgeht, und isst und trinkt, und tanzt, und Flöte bläst, und Holz hackt, und Bücher liest, und Bilder malt, das alles ist nicht mehr wunderbar. Wunderbar war nur die Rückkehr ins Leben, der erste fühlbare Pulsschlag, der erste sichtbare Athemzug. Dieses Leben nicht mehr entschlafen zu lassen, war unsere Pflicht, und ihr dient die Agitation der braven Zionsvereine in der ganzen Welt. Von Sibirien bis nach Südafrika und Südamerika gibt es heute schon tausende solcher Vereine, die das Grundgesetz des Ersten Baseler Congresses anerkennen und darnach wirken. Das ist die Nation, unsere Nation! Nun gibt es unter uns Leute, welche die Nase rümpfen und sagen: „Ja, die Armen; die Reichen nicht!“ Die Leute, die so sprechen, haben es in der Regel nicht um mich verdient, dass ich ihnen gute Rathschläge gebe. Dennoch will ich ihnen abrathen, dergleichen öffentlich zu sagen. Denn sie bestätigen dadurch die schlimmsten Urtheile der Antisemiten, dass bei den Juden Geld alles ist; dass die Juden vor nichts Respect haben als vor dem Gelde, gleichviel wie es gewonnen worden sei. Hüten wir uns vor einer solchen Auffassung, denn sie ist gemein und nicht einmal klug. Wenn man schon unfein genug ist, so zu denken, muss man wenigstens gescheit genug sein, es zu verbergen, üebrigens besteht jedes Volk leider zumeist aus Armen, und würde vielleicht jemand die Existenz des englischen oder französischen Volkes zu leugnen wagen, weil so wenig Millionäre auf so viele Hungerleider kommen? Das sind Trivialismen, verzeihen Sie sie mir. Die Gegner zwingen uns, solche Plattheiten vorzubringen. Zum zweiten. Die Colonisierbarkeit Palästinas. Den Beweis hierfür haben die sogenannten praktischen Zionisten schon vor uns an getreten, wenn auch im kleinen, und er ist gelungen. Ich habe von den Arbeiten dieser Männer immer mit Achtung gesprochen, wenn ich sie auch für ungenügend halte, um die grosse Frage zu lösen. Umso schmerzlicher berührten mich die Anfeindungen von dieser Seite. Wenn man heute die Versuche der Praktischen überall zu kennen und zu schätzen beginnt, so ist das vielleicht auf unsere grössere Propaganda zurückzuführen. Denn viele Juden, die noch nicht unsere Auffassung acceptieren wollen, sehen jetzt die bescheidenere Forderung der Praktischen mit günstigeren Augen an. So kommt es, dass die Praktischen heute Arm in Arm mit solchen gehen können, von denen sie früher missachtet oder ausgelacht wurden. Indessen sind alle diese Schlagworte und Parteinamen nichtssagend. Ich könnte 'Ihnen leicht beweisen, dass die sogenannten Praktischen eigentlich politisch sein wollen, und dass wir, die Politischen, eigentlich praktisch zu sein glauben. Die Praktischen halten es nämlich für schlauer, allmählich und unbemerkt einige hunderttausend Juden nach Palästina zu bringen und dann, wenn sie dort sind, die Rechte für sie zu verlangen. Unbemerkt? Einige hunderttausend Menschen? Ja, um des Himmelswillen, wie stellen sie sich das vor? Ich glaube, sie stellen es sich gar nicht vor. Sie fangen nur an, zu arbeiten. Ungefähr so, wie wenn ein paar Leute den Gedanken hätten, an einer Stelle ein Haus zu errichten. Was thun sie? Sie sind keine Träumer, keine Schwärmer. Sie wissen, dass ein Haus aus Steinen zusammengesetzt wird. Also schleppen sie einen Stein mit grosser Anstrengung nach dem Bauplatze hin. Und sie meinen, dass, wenn auch andere so thun werden, dann werde das Haus entstehen. Nie! So wird das Haus nie entstehen! Es wird aber entstehen, wenn zuerst ein Bauplan entworfen wird. Dann ist Euer Stein nützlich. Vorher nicht. Und da sind wir beim dritten, bei der rechtlichen Sicherung. Wenn es schon thöricht wäre, ohne Plan zu bauen, so wäre es auch nicht klug, Baupläne auszuführen, solange der Baugrund uiis nicht gesichert ist. Sonst wird der Eigentümer uns den Bau einreissen oder uns aus dem Hanse, das wir anfertigten, verjagen. Ist es demnach nicht praktischer, vor allem das Recht für den Bau zu sichern? Wie soll das geschehen? Wenn die Verhältnisse einen unmittelbaren und sofortigen Kauf des Bauplatzes nicht gestatten, kann man eine Pachtung oder ein Zinsverhältnis einrichten. Hier in England sind ja die Rechtsverhältnisse der Superficies und Emphyteusis, die man auf dem Continenfe wenig kennt, gang und gäbe. Ein solches Rechtsverhältnis' ins Politische übertragen möchte ich, hoffe ich mit der türkischen Regierung zustande zu bringen. Und in dem Augenblicke, wo die Souveränetät Sr. Majestät des Sultans nicht in Frage kommt, wo die gesicherte Einwanderung nach Palästina nicht nur keine Gebiets Verminderung für die Türkei bedeutet, sondern eine Consolidierung und Werterhöhung ihres Besitzes, ist ein Ueb er einkomm en wohl zu erhoffen. Es ist mir gelungen, für diese Ideen und Vorschläge mächtige Fürsprecher zu gewinnen. Aber da ich nicht in der glücklichen Lage des Sir Cecil Rhodos bin, muss ich mir über manche historisch merkwürdige Unterredung absolutes Schweigen auferlegen, auch auf die Gefahr hin, dass unsere Gegner behaupten werden, ich hätte nichts zu sagen. Als ich im vorigen Herbste, vor der Palästinareise der zionistischen Abordnung, hier in London eine Andeutung über bevorstehende Ereignisse machte, da wusste ich bereits einiges von den Dingen, die sich vorbereiteten. Es ist nun eine ungemein schwierige Aufgabe, mit der klügere und erfahrenere Leute, als ich bin, ihre liebe Notli