Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 24 (16.6.1899)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1899-06-16
- Page
- 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315821-3388465--13420-3388554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 24 „Die Welt“ Seite 15 Nun hatte David verstanden. Das Kind wusste, dass es sterben müsse. „Gott wird Dich ja heilen!“ wandte der Arzt, der sich in diesen Tröstungen schon trefflich zurecht fand, ein. Jonathan nickte. Keinen Augenblick schien er zu zweifeln. Ein mattes Lächeln flog über seine Züge. „Ja — heilen!“ erwiderte er „Ganz gewiss — aber — nicht hier — dort oben!“ Damit wies er — da er zu schwach war, die Hand zu erheben, mit den Fingern gegen Himmel. Um ihn nicht durch Widerspruch zu erregen, wurde sofort nach dem Pfarrer gesandt. Aber es war zu spät. Wenige Augenblicke nachdem der Diener fortgeeilt, erschütterte ein trockener, kurzer Husten die kleine Brust, aus der das grosse Herz alles übrige Leben verdrängt hatte.' Wie von einer unsichtbaren, milden Hand glatt gestrichen, nahm das Antlitz des Leidenden einen stillen, friedlichen Ausdruck an. Nur um die jungen Lippen legte sich ein fürchterlich ernster Zug. Jonathan Goldschild war gestorben. Schweigend zündete der Kammerdiener Karl die bei den Kerzen, die auf dem Tischchen neben dem hölzernen Muttergottesbilde standen, an. Die wertlosen, kleinen Habseligkeiten, die sonst noch diesen Krankentisch zierten, nahmen sich auf der seidenen Decke rührend und armselig genug aus. Eine einfache Mappe, seine Papparbeiten, ein halbfertiges Schächtelchen, das Festungsspiel. Der ganze nun herrenlos gewordene Kram war nicht zwei Silbergulden wert. Und doch war es das Einzige gewesen, das dem Erben der ungezählten Millionen die Freude im Leben bedeutete. Sprachlos — von der Leichtigkeit des Sterbens überrascht — war Baron Isak auf seinem Stuhle neben dem Lager sitzen geblieben und starrte mit seinen scharfen, blutunterlaufenen Augen dem toten Knaben unverwandt ins Gesicht. David dagegen war, nachdem er Jonathan die Augen zu gedrückt, an das Fenster getreten und blickte tief bewegt in den Garten. Nicht die geringste Veränderung war hier zu merken. Nach wie vor arbeiteten die Gärtner in gebückter Haltung an den Blumenbeeten. Nach wie vor hielten zwei handfeste Burschen, wie immer wenn Baron Isak anwesend, vor den Fenstern des blödsinnigen Moritz Wache. Da plötzlich — was war das? Der leise, helle Klang eines Glöckchens ertönte. Und jetzt wieder — in kurzen Zwischenräumen sich wiederholend. Die hohe Gestalt des Pfarrers Josef, mit Chorrock und Stola bekleidet, schritt rasch die statuengeschmückte Allee herauf. Vor ihm her in ärmlicher Kleidung der alte Messner. Die Gärtner an den Blumenbeeten richteten sich auf und zogen die Hüte. Als der Priester ihnen aus der Entfernung mit einer grossen Geberde den Segen ertheilte, beugten sie andächtig das Knie. Dann blickten sie scheu zu den Fenstern des Sterbezimmers auf — und wandten sich wieder ihrer mühsamen Arbeit zu. Wenige Augenblicke später stand der Geistliche am Todtenbette. Er rief die Leiche an. Es erfolgte keine Antwort. Da wandte er sich mit traurigem Gesichte ab und sprach: „O mein Gott — ich komme zu spät!“ Aber Baron Isak trat ihm entgegen. Mit der Entschiedenheit eines Mannes, der gewohnt ist, seinen Willen durchzusetzen, widersetzte er sich seinem Fortgehen. „Hochwürden“, hub er an, „mein Enkel hat den Wunsch geäussert, die ^aeramente zu empfangen! Es war sein letzter Wille. Er ist mir heilig! Bitte — vollziehen Sie ihn!“ Josef wies auf den Todten. „Sie sehen — Herr Baron — es ist zu spät!“ End als der Millionär eigensinnig auf seinem Willen bestand, fügte er belehrend hinzu: „Die heiligen Sacramente sind für die Lebendigen — nicht aber für die Todten! Die Seele Ihres Enkels steht bereits vor Gott!“ Bisher hatte Dr. David stumm in der Fensternische gestanden. Wenn er je an die ehrlichen Absichten des Priesters gezweifeit und seinem Pin gen um die Seele dieses Kindes unlautere, habsüchtige Motive unterschoben hatte — der herbe, nagende Schmerz, der aus den asketischen Zügen sprach, strafte ihn Lügen. XVlt. Am dritten Tage fand das Begräbnis statt. Wider alles Erwarten wurde die Leiche weder nach Paris noch nach Ungarn, wo Baron Isak Grundbesitz im Flächenmasse eines kleinen Königreiches besass, überführt. Der Millionär entschied, dass in aller Eile eine Grufc auf dem Ortsfriedhofe von Siegling in Stand gesetzt werde. Die Gründe dieser Anordnung blieben selbst Dr. David ein Räthsel. Auch von der Entfaltung marktschreierischen Pompes sah man ab. Nur die Fülle der duftenden Blumen, die man dem kleinen Sarge in die dunkle Tiefe nachsandte, verrieth dass die byzantinische Villa ihren Bewohner verloren. Dagegen war die Betheiligung der Bevölkerung gross. Alle die Leute, die durch 8 Tage die Genesung Jonathans allabendlich vom Himmel erfleht, standen nun an seinem offenen Grabe. Den Hut in der Hand, das entblösste Haupt aber hoch erhoben, war Baron Isak als erster Leidtragender hinter dem Sarge einhergeschritten. Dr. David, das Karl Raphael’sche Ehepaar, Dr. Geist, die Beamten, die Dienerschaft, die Gärtner, die frommen Bruderschaften aus Siegling hatten sich angeschlossen. Pfarrer Josef sprach auf dem Friedhofe mit leiser Stimme die Gebete. Als er aber mit dem üblichen „Recjuiescat in pace“ schloss, hätte ein des Lateinischen Unkundiger die Worte ebensogut mit „Herr — warum hast Du mich verlassen“ übersetzen können, so leidenschaftlich und auflehnend klang der ergebungsvolle Wunsch aus seinem Munde. Dann verneigte sich der Priester stumm vor Isak und trat auf die Seite, um den Angehörigen seinen Platz einzuräumen. Der alte Millionär war der erste, der die Erde in das Grab warf und es mit Weihwasser besprengte. Die Theilnahme hinderte die Umstehenden keineswegs, neugierig zu beobachten, ob er dabei als Jude das Zeichen des Kreuzes machen würde. Die Meinungen blieben jedoch darüber getheilt. Denn Baron Isak vollzog den alten Brauch mit einer ihm eigenen kurzen, abgehackten Bewegung der langfingerigen, aus den Pulswärmern hervorragenden Hand, wandte sich dann auf dem Absätze um und schritt allein, rasch und rücksichtslos, wie er durch das Leben gegangen, dem Ausgange zu. Die übrigen Herren folgten seinem Beispiele. Der Zufall fügte es, dass der Paramentenhändler und der Arzt gleichzeitig ihre Schollen in das Grab warfen. Als sie den Gottesacker verliessen, schritten sie eine Weile stumm nebeneinander her. Bei den Wägen angelangt, brach Karl-Raphael das Schweigen. „David“, sprach er mit bewegter Stimme. „Soll unser Bekenntnis uns denn wirklich auf unsere alten Tage trennen, nachdem wir fast ein halbes Jahrhundert lang gute Freundschaft gehalten?“ Der Doctor schüttelte ernst den Kopf: „Nicht das Bekenntnis ist es", erwiderte er ernst, „das mich fern hält — sondern der Geist der Unduldsamkeit, der in Deinem Hause herrscht!“ „ Der Unduldsamkeit?" ereiferte sich der Paramentenhändler. „Der Unduldsamkeit — gegen wen? Gegen Dich etwa? — Wenn Du Dich einsam fühlst — unser Haus — es steht Dir immer offen!" Damit half er Frau Lisi in die bescheidene einspännige Droschke und reichte dem Vetter die Hand. Stumm erwiderte dieser den Druck. XVII. Karl-Raphael Goldschild hätte keinen besseren Augenblick wählen können, um seinem Wunsche nach Aussöhnung Ansdruck zu verleihen. Trostlose Einsamkeit lagerte um das Herz des alten David. In der wehmüthigen Stimmung des Tages sehnte er sich nach der hausbackenen Sphäre des Alltagsleben mit rein kleinlichen Sorgen und bescheidenen Freuden. Die byzantinische Villa wollte er heute Abend zum letztenmal e betreten, um den wertlosen Nachlass Jonathans zu ordnen und Dr. Geist — auf Isaks Wunsch — die Stellung als Hausarzt, des blödsinnigen Moritz anzutragen. Da er aber trotz seiner Jahre ein Mann rascher