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Die Welt · 1899-06-16 · 24 (16.6.1899) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
24 (16.6.1899)
Article
Die Goldschilds
Date
1899-06-16
Page
16 (sequence 4)
Language
German
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Seite 16 „Die H Weit? Nr. 24 Entschlüsse, entschied er noch vorher, mit dem Paramehtengeschäfte in der Mariahilferstrasse seinen Frieden zu machen. Dort fand er die Familie des frommen Vetter vollständig im Laden versammelt. Karl-Raphael, Lisi, Georg und Pfairer Josef sassen in schönster Eintracht hinter dem Verkaufstische. Man liiess den Arzt herzlich willkommen. Niemand erwähnte der langen Pause, die zwischen dem heutigen und letzten Besuche lag. Alle schienen gleich unter der Entfremdung gelitten zu haben. Kaum aber hatte David auf seinem Stuhle Platz genommen, als ein mit zwei prächtigen Pferden bespannter Wagen auf der Strasse vor dem Gewölbe anhielt. Ein schwarzgekleideter Herr entstieg dem eleganten Gefährte, warf einen prüfenden Blick auf das Schild und betrat den Laden. Es war niemand Geringerer als Baron Isak Goldschild. Seit über 40 Jahren hatte er das Paramentengeschäft nicht wieder betreten. Aber er stellte sich an, als sei sein Besuch die selbstverständlichste und natürlichste Sache auf der Welt. Alle Anwesenden erhoben sich befremdet und verlegen. Die Ehrfurcht, die man am Ende des 19. Jahrhunderts einem Manne entgegenzubringen gewohnt war, der es verstanden, ungezählte Millionen an sich zu reissen, trat auch hier zutage. Baron Isak schüttelte jedem einzelnen die Hand. Er erklärte, er sei gekommen, um Karl-Raphael und der Base zu danken, dass sie dem Enkel das letzte Geleite gegeben. „Siehst Du!“ wandte er sich an den Paramentenhändler. „Trotz Deiner frommen Schrullen warst Du immer ein guter Kerl, Aber diese Antheilnahme vergesse ich Dir nie! Wenn einem ein Leid widerfahren, dann wird man erst gewahr, wer zu einem gehört und wer nicht!“ Der alte Freibeuter war weit weicher gestimmt, als er es scheinen wollte. Seine langfingerige, aus dem Pulswärmer hervorragende Hand trommelte erregt auf dem Pult. Mechanisch griff er nach einem Zeitungsblatte. Es war die letzte Nummer des „Freien Blattes“. „Wie,“ rief er erstaunt, „Du liest dieses Schundblatt?“ „Nein,“ vertheidigte David den frommen Vetter, „das hält er nur aus alter Gewohnheit, noch aus der Zeit her, wo ich es schrieb!“ Es that dem greisen Arzte immer weh, wenn er die Zeitung, die ihm einst so nahe gestanden, schmähen hörte. Das Unternehmen des Urgermanen war im Laufe der Jahre zu einem berüchtigten Börsenorgane herabgesunken. Baron Isak hatte daher im Grunde genommen mit seinem harten Urtheile ganz recht. Aber er — gerade er hätte von rechtswegen nicht den ersten Stein werfen dürfen. Denn sein Gold war es gewesen, das die Ueberzeugungstreue Kuno Müllers untergraben. Diesen Umstand schien der Millionär jedoch ganz vergessen zu haben. Er. ballte das unschuldige Papier unwillig zusammen und rief: „An allem Uebel sind diese Verdammten Literaten schuld, die die Leute immer aufhetzen P Damit schien er den Anwesenden aus der Seele gesprochen zu haben. Pfarrer Josef, der Paramentenhändler, Frau Lisi und nicht zum mindesten der ehrliche Georg, der den Verlust seiner Weinberge noch immer nicht verschmerzt, wurden nicht müde, über die Scribler und Federfuchser loszuziehen. Der alte David hörte die einstimmige Entrüstung mit spöttischem Lächeln an. War das nicht ganz derselbe psychologische Vorgang, dem der Antisemitismus seine Macht verdankte? Die Schuld einzelner Individuen wurde hier auf einen ganzen Stand, dort auf ein ganzes Volk gewälzt. Am Ende des 19. Jahrhunderts schien das Generalisieren den Leuten nun einmal im Blute zu liegen. Baron Isak stand auf. Er erklärte, es sei für ihn hohe Zeit, denn er fahre noch diesen Abend nach Paris zurück. Sein Zug gehe in einer Stunde. Schon an der Thüre wandte er sich an den Pfarrer : „Hochwürden — Du wirst bald viel zu thun haben!“ — Es war das erstemal, dass er den Neffen duzte. — „Mein Herr Sohn Moritz wird wohl nicht mehr lange leben. Nach seinem Tode aber habe ich die byzantinische Villa z.u. einem Spitale; unter Deiner Leitung bestimmt, und ein Capital von 5 Millionen dafür ausgesetzt. Wie gesagt — sowier dieser verthierte Mensch stirbt, tretet Ihr in seinen Besitz.!“ Ein Ruf des Erstaunens entschlüpfte allen Lippen. „Das ist ja ein königliches Geschenk!“ rief Frau.Lisi. „Das reisst eine grosse Lücke in Dein Vermögen!“ Isak — dessen Vater noch den Knechten auf der Landstrasse eines Guldens wegen entgegen gelaufen — lächelte. Aber es’ war ein trauriges Lächeln. „Deshalb fahre ich ja nach Paris“, erwiderte er, „ich werde arbeiten, um die Bresche baldmöglichst wieder auszufüllen!“ Damit winkte er mit der Hand und bestieg seinen Wagen. Laute Freude herrschte im Goldschild’schen Geschäfte. Zuerst war man einstimmig voll des Lobes. Aber bald fanden sich auch einzelne Stimmen, die nach dem Grunde der grossmüthigen Stiftung und des unerwarteten Besuches forschten. Schliesslich wurde knapp und klar die nörgelnde Frage aufgestellt: Was hat Isak zu diesem Schritte bewogen? „Die Gnade Gottes!“ erklärte der Paramentenhändler mit frommem Augenaufschlage. „Das böse Gewissen!“ erwiderte Frau Lisi. „Die Eitelkeit — damit die Leute von ihm reden!“ behauptete Georg. „Nun — was meinst Du?“ wandte sich Karl-Raphael an seinen hochwürdigen Sohn. Aber der Pfarrer blieb die Antwort schuldig. Den asketischen Kopf in die beiden grossen Hände, die zum Ergreifen und zum Festhalten trefflich geeignet schienen, gestützt, sass er schweigend da, die klaren Augen fest auf David gerichtet — als wolle er sich mit dem alten Freigeist über die Häupter der anderen hinweg still verständigen. XVIII. Der Verabredung gemäss fand David Goldschild Dr. Geist in der byzantinischen Villa vor. Aber der heutige Tag schien nun einmal im Zeichen des Scheidens zu stehen. Denn als der alte Arzt dem jungen Collegen die glänzenden Anerbietungen Baron Isaks unterbreitete, lehnte dieser die reich dotierte Stellung, ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen, ab. „Sie verreisen?“ fragte David verstimmt. Die wenigen am Krankenbette Jonathans gemeinsam verbrachten Tage hatten nicht verfehlt, die alten guten Beziehungen beider Männer wieder herzustellen, und der Gedanke einer neuerlichen Trennung war dem Greise peinlich. „Doch nicht auf lange?“ „Auf immer!“ entgegnete der andere. „Und was ist ihr künftiger Wohnort?“ „Für die nächste Zeit Constantinopel — dann — so Gott will — Jerusalem! „Constantinopel? — Jerusalem?“ rief David erstaunt. „Aber zum Teufel, was fällt Ihnen denn ein? — Was suchen Sie dort?“ (Schluss folgt.) Briefkasten. J. A., Neustadt a/W. Besten Dank für Ihr freundliches Interesse. P., Bielitz, W. F., Brünn, R. S., Lodz. Leider für uns nicht verwendbar. M. R., Wojnilow. Leider unverwendbar. Versuchen Sie, es einer hebräischen Zeitung einzusenden. P. M. Cz., Dunajev. Sehr schön und richtig empfunden; aber für uns leider nicht geeignet. J. L. L. Dolina. Aberlassen Sie sich doch nicht solche Dinge einreden. Dr. J. SADGER J Specialarzt o » -» o s ® für Nervenleiden ordiniert in tmefenberg, öst. ichlesiep, Ixners turhaus. Herausgeber: P. Nascliauer. Verantw. Red.: Erwin Rosenberger. Buchdruckerei „Industrie“ (S. Bergmann) VIII., Schlösse!#. 11

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